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"Das verkrampfte Suchen nach Glück macht unglücklich"

Was ist Glück? Und warum tun wir uns so schwer, es endlich zu finden? Bestsellerautor Manfred Lütz glaubt: Es ist gerade das zwanghafte Streben danach, das uns unzufrieden macht. Ein Interview über Optimierungswahn, Wohlstandsprobleme und ewiges Leben.

Von Uli Hauser

Die Suche nach dem Glück kann manchmal zum Bumerang werden

Die Suche nach dem Glück kann manchmal zum Bumerang werden

Manfred Lütz, 61, Psychiater und katholischer Philosoph, führt ein gastfreundliches Haus. Gemeinsam mit seiner Frau kümmert er sich in seiner Freizeit um behinderte Menschen und gibt Flüchtlingen ein Obdach. Er ist Mitglied in drei päpstlichen Kommissionen, sein aktuelles Buch "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden" steht in der Bestsellerliste. Im stern-Gespräch erklärt er, warum die Suche nach dem Glück in Zeiten des Optimierungswahns auch eine Qual bedeuten kann. Und empfiehlt, weniger darüber nachzudenken, dass alles "perfekt" sein soll; sondern eher, wie das Leben gelingen kann.  

Herr Lütz, das ist wohlfeil: Sie klagen in Ihrem neuen Buch "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden" über die "Glücksindustrie" und schreiben selbst einen Ratgeber.

Lütz: Eben nicht. Mein Buch ist ein Antiratgeber. Der Ratgeber-Tsunami vermittelt den Leuten den Eindruck, sie seien für ihr eigenes Leben gar nicht mehr kompetent. Das macht unglücklich. Und in Glücksratgebern verkünden viele Autoren, wie sie selber glücklich wurden - und lassen die Leser dann unglücklich zurück, weil die nun mal leider nicht der Autor sind.

Die Suche nach dem Glück ist so alt wie die Menschheit...

... deswegen habe ich unterhaltsam und allgemeinverständlich von den ganz unterschiedlichen Ideen der gescheitesten Menschen der Welt zum Glück erzählt, am Ende kann jeder selbst entscheiden, was für ihn passt. Das Buch ist so eine kleine Geschichte der Philosophie des Glücks geworden. Jedenfalls geht es nicht bloß um Glücksgefühle. Wem es darauf ankäme, der lässt sich am besten auf der Intensivstation eine Elektrode ins Hirn pflanzen und bekommt so ein Dauergrinsen. Grässlich.

Manfred Lütz, 61, hat ein Buch über Glück geschrieben

Manfred Lütz, 61, hat ein Buch über Glück geschrieben - einen "Antiratgeber", wie er sagt

Wann erlebten Sie zuletzt einen glücklichen Moment?

Ich finde, es hilft nicht weiter, wenn man sich gegenseitig in aller Öffentlichkeit seine höchstpersönlichen Glücksmomente erzählt. So wie ich glücklich bin, kann das genaugenommen sowieso kein anderer sein. Jeder Mensch verbindet mit dem Wort glücklich ganz unterschiedliche Erlebnisse. Unglücklich wird man dann, wenn man sich vergleicht. Ich bin glücklich, wenn ich Schönes erlebe oder Sinnvolles tue, das muss gar nichts Spektakuläres sein.

Sie sind eben ein bescheidener Mensch.

Quatsch. Ich glaube nur, dass dieses verkrampfte Suchen nach Glück die Leute unglücklich macht.

Womit erklären Sie, dass so viele Menschen unzufrieden sind mit Ihrem Leben?

Unter anderem damit, dass es immer mehr Gebrauchsanweisungen gibt, wer wie zu sein hat. Ich war mal mit einer Coacherin im Fernsehen, die Bewerbungstrainings anbot. Ein Coach ist ein Ratgeber für Leute, die nicht lesen und schreiben können. Die sorgte mit irgendwelchen banalen Tipps dafür, das die Bewerber sich ganz künstlich verhalten.

Und?

Ich habe ihr gesagt, dass ich so jemanden nie einstellen würde. Ich habe vergleichsweise wenig Zeit, um in einem Bewerbungsgespräch einen völlig fremden Menschen kennenzulernen. Da möchte ich jemanden möglichst authentisch erleben. Jetzt gibt es sogar schon Flirtseminare, wie man sich in der Liebe richtig in Stellung bringt. Einen Master im Flirten!

Woher kommt diese Unsicherheit?

Das Leben ist schneller geworden, alles ändert sich, das verunsichert. Und die Ratgeberliteratur verstärkt dieses Gefühl noch. Es ist wie bei "Dick und Doof", wo Stan in einer Straße die Scheiben einwirft und Olly dann mit dem Glaserwagen kommt. Es gibt zu Recht Experten für Waschmaschinen, aber es gibt keine Lebensexperten. Der einzige Experte für mein Leben bin ich selbst. Und wenn ich mir unerreichbare Ziele setze, die meine Fähigkeiten übersteigen, dann werde ich unglücklich.

Von nichts kommt nichts. Will nicht jeder erfolgreich sein?

Stalin war der erfolgreichste russische Herrscher, auch Mao war höchst erfolgreich. Vincent van Gogh war komplett erfolglos, aber er hat in seinem Leben Bleibendes für die Menschheit geschaffen. Unbedingt Erfolg haben zu müssen, sich stets mit anderen zu vergleichen, das ist eine sichere Anleitung zum Unglücklichsein. Wir streben nach dem Unerreichbaren und verhindern so die Verwirklichung des Möglichen, so charakterisierte Paul Watzlawick das "Utopiesyndrom". Damit hat auch diese unsägliche Burnoutwelle zu tun.

Weil die Leute dann doch immer mehr Sorgen haben, oder?

Die schweren Leiden haben nicht zugenommen, das sagen alle Fachleute. Aber die gefühlten. Burnout ist ein durch geschicktes Marketing aufgepusteter Wischiwaschibegriff, mit dem es clevere selbsternannte Burnoutexperten geschafft haben, möglichst Gesunde zu behandeln. Was mich wütend macht, ist, dass es deswegen für wirklich psychisch Kranke nicht mehr genügend ambulante Therapieplätze gibt.

Wird Ihnen heute zuviel gejammert, ist es das?

Jammern macht gesellig, sagt die Psychologie. Aber man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Da klagen die Leute, heute rund um die Uhr erreichbar zu sein. Das mag ein Problem sein, aber im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr durch die Schweden erreichbar, das war viel unangenehmer, im 19. Jahrhundert gab es zwölf Stunden Arbeit unter Tage, im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege. Wir müssen mal auf dem Teppich bleiben.

Sie meinen, der Wohlstand verweichlicht uns?

Zeitgeist-Klage finde ich langweilig. Jede Zeit hat ihre Chancen und ihre Blödheiten. Wir sind nicht unfähiger als früher. Vielleicht hat die unbändige Glückssuche aber auch damit zu tun, dass Menschen ihr Leben nicht mehr als sinnvoll erleben und dann suchen junge Leute ihr Glück beim Plastiksinn der Dschihadisten oder der Rechtsradikalen.

Derzeit erleben wir aber, wie Werte gelebt werden, zum Beispiel Flüchtlingen gegenüber.

Unser Dorf ist ganz sicher glücklicher geworden, seit wir hier Flüchtlinge haben. Es gibt mehr ehrenamtliche Helfer als Flüchtlinge und mancher, der sonst nur für sich alleine gelebt hat, erlebt es als unmittelbar sinnvoll, Menschen in Not zu helfen. Das macht glücklich. Glück ist kein Egotrip, wo es darum geht,  möglichst viel vom Kuchen abzugreifen.  

Die Flüchtlinge als Menschen, von denen wir lernen können?

Ich glaube schon. Sie lehren uns, wie zerbrechlich alles ist. Viele von ihnen sind knapp dem Tod entronnen. Aber das Bewusstsein des Todes macht keineswegs unglücklich. Im Gegenteil. Wenn ich jedem Leser jetzt sagen könnte, wann er stirbt, dann bin ich sicher, dass Sie morgen schon anders leben werden, denn Ihnen ist klar: Das ist ein unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung. Nun ist es aber so, dass wir alle sterben und dass der morgige Tag ein Tag weniger auf der Rechnung ist. Nichts können wir wiederholen. Auf diese Weise selbstbewusst im Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jedes Moments intensiv zu leben mit all unseren Stärken und Schwächen, das sprengt die Zeit und das macht glücklich.


Manfred Lütz: "Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens", 192 Seiten. Gütersloher Verlagshaus, 17,99 Euro.

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