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Auf 100 Hetzer kommen Millionen, die stumm danebenstehen

Die Barbarei ist längst von den Rändern der Gesellschaft in ihrer guten Stube angekommen. Das Furchtbare ist: Die Empörung darüber läuft angesichts des Maschinengewehrfeuers von Dummheit und Bösartigkeit und Brutalität ins Leere.

Von Meike Winnemuth

Eine geplante Asylunterkunft in Baden-Württemberg, die völlig ausgebrannt ist. Im Vordergrund ein Polizeiabsperrband.

Fast täglich gibt es eine Meldung, dass irgendwo in Deutschland ein Anschlag auf ein Asylbewerberheim stattgefunden hat, wie hier auf ein geplantes im Herbst 2015 in Baden-Württemberg. Und so gewöhnt man sich an den zivilisatorischen Verfall, findet Meike Winnemuth.

Ein amerikanischer Cartoon. Ein Paar geht die Straße entlang, die Frau sagt, grob übersetzt: "Mein Informationsbedürfnis steht derzeit in Konkurrenz zu meinem Bedürfnis, nicht den Verstand zu verlieren." Keine Ahnung, wie oft die Zeichnung in den letzten Tagen auf Facebook geteilt wurde, denn wenig bringt so gut das Gefühl auf den Punkt, das sogar ich als Journalistin teile: Man mag überhaupt nicht mehr die Zeitung aufschlagen aus berechtigter Furcht, sie ein weiteres Mal fassungslos wieder zuzuschlagen. Nahezu jeder Tag bringt neues Grauen, ob in Taten oder Worten, und weil es so viele sind, nutzt man inzwischen nur noch Steno. Clausnitz. Bautzen. Während ich dies hier schreibe: das tote Schwein mit dem Schriftzug "Mutti Merkel" auf der Leipziger Moschee-Baustelle.

Die Barbarei ist längst von den Rändern der Gesellschaft in ihrer guten Stube angekommen. Seehofers "Herrschaft des Unrechts", Alexander Gaulands eiskaltes Bild vom Flüchtlingsproblem als "Wasserrohrbruch" und von den Kinderaugen, von denen man sich nicht erpressen lassen soll: Gebildete, intelligente und, so sollte man denken, verantwortungsbewusste Männer betreiben planvoll die Legitimation der Gewalt, sie liefern die Steilvorlage für diejenigen, die verängstigte Kinder terrorisieren und Brandsätze werfen.

Die Empörung läuft ins Leere

Das Furchtbare ist: Man hört es und liest es und ist nicht mehr schockiert. Jeder weitere Anschlag: nur ein weiterer Anschlag. Jede weitere verbale Entgleisung: erwartbar. Man schaut schon seit Monaten diesem stetig beschleunigenden zivilisatorischen Verfall zu – und gewöhnt sich daran. Man liest es und empört sich und liest am nächsten Tag etwas noch Schlimmeres und empört sich wieder und liest am übernächsten Tag schon wieder etwas und empört sich schon matter, weil die Empörung ins Leere läuft angesichts dieses Maschinengewehrfeuers von Dummheit und Bösartigkeit und Brutalität.

Letzte Woche das Interview mit dem 67-jährigen Dolmetscher Wolfram Fischer, der als Betreuer im "Reisegenuss"-Bus von Clausnitz mitfuhr. Seine Augen, wenn er vom pöbelnden Mob vor den Fenstern erzählt. Seine Stimme, wenn er sagt: "In meinem eigenen Land. In meinem Land!"

In meinem Land auch. Und genau darum geht es. Jahrzehntelang war die Gewalt woanders und nicht Teil unseres Alltags, und wenn, dann höchstens eine "Tagesschau"- Viertelstunde lang. Jetzt wohnt sie zwei Autostunden oder drei Straßenecken entfernt. In meinem Land. Man könnte es sich leicht machen und sagen: Da tobt eine Parallelgesellschaft, das ist nicht mein Volk, das da brüllt. Ist es aber doch. Wir sind ein Volk, und zu dem gehören auch Hetzer und Brandstifter. Die sind jetzt Teil meiner Lebensgeschichte. Der kluge Kollege Nils Minkmar schrieb neulich: "Es gibt kein Recht auf ein von der Geschichte unbelästigtes Leben." Langsam macht sich das dumpfe Gefühl breit, diese Geschichte schon zu kennen. Zu wissen, wie sie ausgeht. Auch damals standen in meinem Land gutwillige, vernünftige, fassungslose Menschen mit hängenden Armen daneben, gewappnet mit lediglich dem Kinderglauben, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Und wenn nicht, dann nicht.

Wer stumm daneben steht, macht sich mitschuldig

Aber Geschichte passiert nicht, Geschichte wird gemacht. Viel ist vom Aufstand der Anständigen die Rede. Wie der zu organisieren wäre, hat allerdings noch keiner gesagt. Auf 100 Hetzer kommen 100.000, die liken, und Millionen, die stumm danebenstehen. Die es irgendwann einfach nicht mehr hören wollen. Und die deshalb am Ende so schuldig sind wie der brüllende Mob, über den sie sich entsetzen.

Nächste Woche dann wieder was Lustiges. Ach, wem mache ich was vor.

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