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Mit Kriminologen gegen pädophile Priester

Die katholische Kirche holt sich Kriminalisten ins Boot, um dem Treiben pädophiler Geistlicher auf die Spur zu kommen. Damit sollen auch bislang unentdeckte Missbrauchsfälle gefunden werden.

Von Manuela Pfohl

  Erzbischof Zollitsch zum Reformprozess:"Die Gottesfrage ist die entscheidende Frage "

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  • Manuela Pfohl

Vielen hat es zu lange gedauert, manchen ist es nicht umfassend genug. Und doch hat die katholische Kirche jetzt einen ernstzunehmenden Schritt unternommen, um nicht nur den künftigen Missbrauch von Kindern durch Angehörige der Kirche zu verhindern, sondern auch, sich des "sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" anzunehmen. Mit Hilfe von Kriminalisten, pensionierten Staatsanwälten und Richtern sollen systematisch mögliche Verdachtsfälle aus der Vergangenheit aufgespürt und aufgeklärt werden. Wie das geht, hat die Bischofskonferenz am Mittwoch in Bonn vorgestellt.

Die Grundlage der "Fahndung" werden Untersuchungen durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und des Essener Gerichtsgutachters Norbert Leygraf sein. Die Bischöfe wollen dazu dem Institut in allen 27 Diözesen Zugriff auf sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre gewähren.

Aufklärung unter Aufsicht

Mit dieser detaillierten Untersuchung will die katholische Kirche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Das Vorhaben ergänzt das wissenschaftliche Projekt „Sexuelle Übergriffe durch Geistliche in der katholischen Kirche Deutschlands“, das bereits Mitte April 2011 gestartet ist.

Für Bischof Stephan Ackermann, dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen im kirchlichen Bereich" geht es darum, "die Wahrheit aufzudecken". Und zwar durch "eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme, auch wenn uns Vorfälle gemeldet werden, die schon lange zurückliegen. Die Opfer haben ein Recht darauf."

Um das zu realisieren, sollen Kirchen-Mitarbeiter unter Aufsicht eines KFN-Teams die Akten auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen. In einem zweiten Schritt soll das Team die Verdachtsakten auswerten. Vorgesehen ist, allen noch erreichbaren Opfern einen Fragebogen auszuhändigen, in dem sie Angaben zu dem Vorfall machen können. In einer zweiten Runde sind bei Interesse auch noch ausführliche Interviews geplant - ebenso mit Tätern, die dazu bereit sind. Ackermann: " Wir wollen mit Hilfe unabhängiger Experten auch Ursachenforschung betreiben, um besser zu verstehen, wie es zu den Ungeheuerlichkeiten sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter kommen konnte. Wir wollen noch mehr lernen, auch für die Prävention."

Wie hat sich die Kirche verhalten?

Laut Norbert Leygraf sollen in die Untersuchung alle Fälle einbezogen werden, bei denen zwischen dem 1. Januar 2000 und dem 31. Dezember 2010 eine sexuelle Missbrauchshandlung oder ein sexuell-grenzverletzendes Verhalten bei den Bistümern oder den Orden gemeldet und in denen ein Gutachten über den Betroffenen erstattet wurde. "Diesbezüglich liegen bereits etwa 75 forensisch-psychiatrische Gutachten vor."

Besonders interessant dürfte sein, was KFN-Studienleiter Christian Pfeiffer unter Punkt 4 der fünf Ziele des Projektes formuliert hat. "Die Untersuchung soll klären, wie sich die Katholische Kirche gegenüber Tätern und Opfern verhalten hat." Das ist genau der Punkt, der in der Vergangenheit für das meiste Entsetzen bei Betroffenen und der Öffentlichkeit gesorgt hatte.

Nachdem am 28. Januar 2010 erste Verdachtsfälle am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten bekannt geworden waren, kamen in den folgenden Monaten in ganz Deutschland Missbrauchsfälle ans Licht. Auch das oberbayerische Kloster Ettal und die Regensburger Domspatzen waren betroffen. Doch statt Selbstkritik führte der damalige Augsburger Bischof Walter Mixat am 16. Februar den Missbrauch auch auf die zunehmende Sexualisierung des öffentlichen Lebens zurück, die "abnorme sexuelle Neigungen eher fördert". Schließlich musste er im Mai selbst seinen Posten räumen, nachdem ehemalige Heimkinder auch ihm Misshandlungen vorgeworfen hatten.

"Zeichen tätiger Reue"

Um Verantwortung zu übernehmen, hatte die Bischofskonferenz im März in Berlin erklärt, die katholische Kirche wolle jedem minderjährigen Opfer bis zu 5000 Euro Entschädigung zahlen und Therapiekosten übernehmen. Der Jesuitenorden seinerseits hatte schon im Januar mitgeteilt, er habe rund 200 Opfern eine "Anerkennungszahlung" von jeweils 5000 Euro angeboten. Auch das Kloster Ettal wollte als "Zeichen tätiger Reue" Missbrauchsopfer mit jeweils bis zu 5000 Euro zu entschädigen. Für viele der Opfer, die inzwischen längst erwachsen sind, ging dieser Schritt nicht weit genug. Sie forderten ein weitaus stärkeres Engagement der Kirche bei der Aufarbeitung und "Wiedergutmachung" der Missbrauchsthematik.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) begrüßt deshalb das Vorhaben der Bischöfe. Die katholische Kirche sei noch nicht heraus aus der Krise, aber sie mache ihre Hausaufgaben, sagte der Generalsekretär der Laienorganisation, Stefan Vesper, der "Frankfurter Rundschau". Die Basisbewegung "Wir sind Kirche" warnte indes vor einem "Schuldabweisungsprogramm" der Bischöfe. Ihre Lernfähigkeit sei "sehr begrenzt", sagte Christian Weisner vom "Wir sind Kirche"-Bundesteam der Zeitung.

Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung kritisiert den Plan

Kritik an den Plänen kommt auch von der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann. Die Untersuchung dürfe sich nicht auf Fälle aus den zurückliegenden zehn Jahren beschränken. "Das wäre aus meiner Sicht erheblich zu wenig", sagte Christine Bergmann am Mittwoch im WDR-Hörfunk. Viele Missbrauchfälle seien in den 70er und 80er Jahren vorgekommen.

Mit DPA/AFP/AFP

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