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Ratzinger entließ pädophilen Priester erst nach Jahren

Papst Benedikt XVI. steht erneut in der Kritik. Kirchendokumente zeigen angeblich, dass er sich in seiner Zeit als Kardinal der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters in Kalifornien widersetzte. Erst nach Jahren wurde der Geistliche aus dem Dienst entlassen.

Im Zusammenhang mit den Kindesmissbrauchsfällen in der katholischen Kirche kommt auch Papst Benedikt XVI. nicht aus den Schlagzeilen. Der Anwalt Jeff Anderson veröffentlichte in der Nacht auf Samstag eine Serie von Briefen aus den 80er Jahren, wonach sich der damalige Kardinal Joseph Ratzinger 1985 als Präfekt der Glaubenskongregation gegen eine rasche Entlassung eines pädophilen Geistlichen aus Kalifornien aus dem Priesteramt ausgesprochen habe.

Der Bischof von Oakland, John Cummins, ersuchte den Vatikan den Dokumenten zufolge im Juni 1981 erstmals, den Priester Stephen Kiesle, der Ende der 70er Jahre laut einem Gerichtsverfahren sechs Kinder zwischen elf und 13 Jahren missbraucht hatte, aus dem Kirchendienst zu entlassen. Er habe sich auch direkt an den damaligen Papst Johannes Paul II. gewandt. Der Fall wurde über Jahre hinweg im Vatikan nicht abschließend bearbeitet, erst im November 1985 schrieb Ratzinger, dass in dem Fall mehr Zeit benötigt werde.

Der Fall Kiesle sei zwar "gravierend", jedoch müsse in Rechnung gestellt werden, welche Auswirkungen eine Entlassung auf das "Wohl der universellen Kirche" hätte. Außerdem habe er auf das noch junge Alter des Priesters verwiesen. Kiesle war zu diesem Zeitpunkt 38. Der Geistliche wurde dann zwei weitere Jahre später aus dem Kirchendienst entlassen.

Wie die "New York Times" unter Berufung auf Dokumente des Anwalts weiter berichtet, hatte Cummins in einem Brief an Ratzinger 1982 ein weiteres Mal um die Entlassung Kiesles gebeten. "Ich bin davon überzeugt, dass es keinen Skandal geben wird, wenn dem Antrag stattgegeben wird, und dass es tatsächlich - aufgrund der Natur der Sache - einen größeren Skandal für die Gemeinde geben könnte, wenn es Vater Kiesle erlaubt würde, ins aktive Priesteramt zurückzukehren."

Priester bereits 1978 wegen Kindesmissbrauch verurteilt

Kiesle war 1978, sechs Jahre nach seiner Priesterweihe, erstmals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Nach Angaben der Diözese Oakland durfte er nach seiner Verurteilung zunächst nicht mehr als Seelsorger arbeiten. Außerdem habe er sich in Behandlung begeben. 1985 habe er dann aber ehrenamtlich wieder im Jugendgottesdienst einer seiner alten Gemeinden gearbeitet.

Der Kiesle-Fall ist nicht der erste, in dem der Vatikan auf strikte Konsequenzen verzichtete. Vor wenigen Wochen war bekannt geworden, dass im US-Staat Wisconsin ein Priester, der in einen Missbrauchsfall verwickelt war, nie seines Amtes enthoben worden ist. Der Vatikan soll von den Vorwürfen gewusst haben, wie die Zeitung "New York Times" berichtete. Ein Anwalt hatte der Diözese in einer Klage vorgeworfen, sie sei nicht entschieden genug gegen Pfarrer Lawrence Murphy vorgegangen. Murphy war von 1950 bis 1975 an einer Schule für gehörlose Kinder tätig und soll dort bis zu 200 Jungen sexuell belästigt haben. Er starb 1998.

mlr/DPA/AFP/DPA
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