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"Ich weiß, dass viele tuscheln"

Er ist 70, sie 30, doch der große Altersunterschied zu seiner Frau ist für Franz Münterfering kein Problem. Im Gegenteil: Im "Zeit"-Interview spricht der ehemalige SPD-Chef über seine Ehe mit der 40 Jahre jüngeren Michelle Schumann, den Machtverlust und die Tücken seines neuen Alltags.

Es ist ruhig geworden um Franz Müntefering. Um den Mann, der fast zwei Jahrzehnte die Geschicke der SPD mitbestimmte, der Arbeitsminister und Vizekanzler war, und nun nur noch als einfacher Abgeordneter im Bundestag sitzt. Seit er 2009 den Parteivorsitz aufgab und für die krachende SPD-Niederlage mit 23 Prozent bei der letzten Bundestagswahl verantwortlich gemacht wurde, führt der 70-jährige Müntefering ein neues Leben. Erstmals spricht er nun in einem Interview mit der "Zeit" darüber, wie sehr ihn seine 40 Jahre jüngere Frau Michelle Schumann, mit der er gemeinsam in Herne und Berlin lebt, verändert hat.

Er wisse durchaus, dass viele Leute über das Pärchen mit dem großen Altersunterschied tuscheln würden, sagt Müntefering, auch wenn ihm gegenüber dies niemand offen aussprechen würde. Ihre Ehe gebe ihm aber viel, betont Müntefering: "Wenn ein 70-Jähriger und eine 30-Jährige zusammenkommen, kann das nur funktionieren, wenn der 70-Jährige nicht 30 sein will - und die 30-Jährige 30 ist und nicht 70 sein muss. Da geht jeder auch seine eigenen Wege." Er selbst wisse zwar jetzt, wer Michael Jackson war, höre ihn sich "aber trotzdem nicht an".

"Comer See - ein guter Kompromiss"

Große Unterschiede zwischen ihm und seiner Frau gebe es im Umgang mit neuen Medien, bekennt Müntefering in dem Interview. Für Michelle sei der Umgang mit E-Mails, Twitter und Google selbstverständlich. "Ich mach das ja nicht, und ich mag das ja nicht", gesteht er. Meinungsverschiedenheiten habe es im ablaufenden Jahr auch bei der Auswahl des Urlaubsortes gegeben. "Im letzten Urlaub wollte meine Frau nach New York, ich ins Sauerland. Gelandet sind wir dann am Comer See. Ein guter Kompromiss."

Freimütig bekennt der ehemalige SPD-Chef, dass er sich nach Jahrzehnten in höchsten Ämtern von Staat und Partei erst wieder an das Leben als einfacher Bürger gewöhnen musste: "Autofahren musste ich erst wieder lernen", verrät Müntefering. Als er das erste Mal wieder selbst einen Wagen gestartet habe, habe er verblüfft die kleine Skizze auf dem Schaltknüppel betrachtet, und zu seiner seiner Frau gesagt: "Sechs Gänge? Zu meiner Zeit kam man doch mit vier aus."

Insgesamt habe sich sein Alltagsleben seit seiner Demission erheblich verändert: "Ich habe jetzt 50 Prozent Freizeit, lese mehr, werkele auch in der Wohnung rum, gehe spazieren und schlafe schon mal eine Stunde länger", verrät Müntefering. Allerdings fehle ihm nun der permanente Informationsfluss, den er von früher gewohnt sei, „wie eine Spinne im Netz zu sitzen, nach allen Seiten verknüpft, die Lage analysieren, Strategien entwickeln." Was ihm fehle, sei die Pflicht: "Pflicht ist positiv", sagt er, und da klingt er dann doch wieder ganz wie der alte Franz Müntefering.

be/AFP/AFP

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