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Warum gibt es eigentlich so wenig präzise Fakten über Muslime in Deutschland?

Wie viele Muslime leben überhaupt in Deutschland? Wie oft gehen sie in die Moschee? Erstaunlich, dass es so wenig Fakten über die zweitgrößte Religionsgruppe im Land gibt.

Muslime beim Freitagsgebet

Muslime beim Freitagsgebet in Potsdam

Weit streckt sich der Himmel über der flachen brandenburgischen Kiefernlandschaft, in der plötzlich blaue Container auftauchen und ein paar etwas heruntergekommene Häuserblocks. Flüchtlinge sind hier untergebracht, die meisten davon aus muslimischen Ländern, und nur eine Infotafel erinnert daran, was hier einmal war: Ausgerechnet im märkischen Wünsdorf wurde während des Ersten Weltkriegs zwischen zwei Kriegsgefangenenlagern die erste Moschee errichtet. Gebaut wurde das Gebetshaus in nur fünf Wochen. Die deutschen Kriegsherren taten dies nicht aus Menschenliebe, sie hatten einen irren Plan. Sie wollten in der Moschee die bis zu 16 000 muslimischen Kriegsgefangenen aus der britischen Kolonie Indien, den französischen Kolonien in Afrika und aus dem Russischen Reich zum Dschihad aufwiegeln gegen England und Frankreich – getreu dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Das war der Anfang des organisierten Islam in Deutschland.

Hundert Jahre später reden und schreiben alle über den Islam in Deutschland. Ob er nun dazugehöre oder nicht, ob man ihn fürchten müsse, ob er mit der Demokratie vereinbar sei, welche Beziehung man zu ihm habe. Dafür, dass deutsche , Imame und Moscheen Dauerthema in den Talkshows sind, gibt es aber erstaunlich wenig präzise Fakten.

Muslim ist, wer sagt, dass er Muslim ist

Schon wie viele Muslime in Deutschland leben, lässt sich nur schätzen. Denn wer ist überhaupt Muslim? Es gibt keine Taufe, kein Mitgliederverzeichnis, es gibt keine Kirchensteuer und keine Adresslisten für den Pfarrgemeindebrief. Angaben zur Religionszugehörigkeit sind in Deutschland aus gutem Grund freiwillig. Und Muslime müssen sich nirgends registrieren lassen, um dazuzugehören. Denn Gott sieht alles. Muslim ist, wer sagt, dass er Muslim ist.


Laut den Hochrechnungen des Bundesamts für Migration und (BAMF) im Auftrag der Islamkonferenz lebten Ende 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland. Das wären fünf bis sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Als Muslime mitgeschätzt wurden in dieser Hochrechnung allerdings auch die, die einfach nur aus überwiegend muslimischen Ländern nach Deutschland eingewandert sind – selbst wenn sie einen anderen Gott haben oder gar keinen.

Auch "den" Islam in Deutschland gibt es nicht. Die hier vertretenen Hauptrichtungen sind Sunniten, Schiiten und Aleviten – wobei Letzteren wiederum viele andere absprechen, überhaupt Muslime zu sein. Aber dazu auch Nusairier, Ibaditen, Ismailiten, Sufi-Gemeinschaften, die Ahmadiyya ... und viele davon sind sich untereinander gar nicht grün. Die Salafisten, über die derzeit am meisten geredet wird, sind hingegen keine eigene Glaubensrichtung, sondern eine extrem konservative und rückwärtsgewandte Spielart der Sunniten.

Wie viele Muslime in Deutschland regelmäßig eine Moschee besuchen – auch darüber gibt es nur Vermutungen. Man weiß nicht einmal, wie viele Moscheen sie besuchen könnten. Es werden keine Listen geführt, und nicht jeder Moschee-Verein im Vereinsregister trägt das Wort Moschee im Namen, das macht das Zählen schwer. Hinzu kommt, dass sich auch die Muslime nicht einig sind, was genau eine Moschee überhaupt ist und bieten muss.

Gebetshäuser in Deutschland: Es ist kompliziert

Nur etwa 200 sogenannte repräsentative Moscheen gibt es, mit Minarett oder Kuppeln und Waschgelegenheiten. Die meisten sunnitischen Gebetsräume sind in umfunktionierten Gebäuden untergebracht, in Kulturvereinen, Begegnungszentren, Wohnhäusern, Hinterhof-Remisen, gegründet und betrieben meist von ehemaligen Gastarbeitern aus der und ihren Nachkommen. Die hatten damals weder Zeit noch Geld, prachtvolle Bauten zu errichten, und oft auch nicht die Absicht, zu bleiben. Sie brauchten einen Raum, um gemeinsam zu beten. Das konnte auch eine Tiefgarage sein oder eine alte Lagerhalle. Für Schiiten hingegen, meist mit Wurzeln im Iran, sollte eine Moschee geweiht sein und nur nach voran gegangener Reinigung betreten werden. Aleviten wiederum beten in sogenannten Cem-Häusern, halten hier aber auch profane Versammlungen ab und können jedoch auch an jedem anderen Ort zum Gebet zusammenfinden. Es ist also kompliziert.

Auf die Zahl von 2600 Moscheen und Gebetsräumen kommt man, wenn man die Ortsgemeinden der vier großen Islamverbände sowie die rund 450 unabhängigen Gemeinden als Grundlage nimmt. Aber wie viele Menschen da jeden Freitag hingehen, wie viele nur zu den Feiertagen und wie viele nie – niemand weiß es.

Auch die Islamverbände wissen es nicht. Sie sind Ansprechpartner der Politik, weil man mit irgendwem ja reden will und muss. Sie freuen sich über die ihnen zugewiesene Bedeutung, sitzen in Rundfunkräten und Islamkonferenzen, aber sie repräsentieren nur 15 bis 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime – und einen zumeist konservativen oder politisierten reaktionären Islam. Die Publizistin Sineb El Masrar kritisiert das: "Es ist ein Skandal und macht zugleich unendlich traurig: Kirchen, Ministerien und Medien glauben allen Ernstes, gegen Rassismus und Muslimfeindlichkeit vorzugehen, wenn sie reaktionäre Kräfte hofieren und ihnen unkritisch eine Plattform bieten." 

Tatsächlich spielen die Verbände eine Schlüsselrolle. Über sie läuft die Finanzierung der Moscheen. Eine Kirchensteuer wird nicht erhoben, auch Eintrittsgelder oder Mitgliedsbeiträge nehmen die Moscheen nicht. Bau, Unterhalt und das Gehalt der Imame werden in der Regel aus Spenden finanziert. Woher die aber fließen, ist nur teilweise bekannt. Der Großteil, so wird vermutet, stammt aus dem Ausland: aus der Türkei, aus Saudi-Arabien, aus dem Iran.

Mehr als 90 Moscheen werden beobachtet

Der größte islamische Dachverband Ditib mit 930 Gemeinden ist der deutsche Arm des türkischen Religionsministeriums. Die Imame ihrer Moscheen sind türkische Staatsbeamte, die für jeweils ein paar Jahre von der Religionsbehörde in Ankara entsandt, bezahlt – und instruiert werden. Geld gegen Einfluss. Lange Zeit hatte die deutsche Politik kein großes Problem damit – Ditib stand für einen gemäßigten Islam und Kooperation auf sozialen Gebieten. Seit sich der Ton aus Ankara verschärft hat, seit offenbar Erdogan-kritische Moschee-Funktionäre in Deutschland kurzerhand ab gesetzt werden und Imame im Verdacht stehen, ihre Gläubigen zu bespitzeln, sind viele aufgeschreckt – und wundern sich, wie weit der Arm eines türkischen Ministeriums in den deutschen Alltag reicht.

Wie viele Moscheen vom beobachtet werden, will man dort nicht verraten. Nur, dass es mehr als die 90 sind, die der Präsident des Bundesamts Hans-Georg Maaßen in einem Interview 2016 genannt hat. Sie werden mit nachrichtendienstlichen Mitteln observiert – manchmal auch nur, weil sich einzelne Personen, die man als Extremisten einstuft, dort aufhalten. Die meisten davon sind nach Angaben von Verfassungsschutz-Chef Maaßen arabischsprachige Moscheen.

Zuletzt wurden aus der CSU Forderungen erhoben, Deutsch als Pflichtsprache in den Moscheen vorzuschreiben. Dann könne man viel besser kontrollieren, ob in Predigten extremistischen Tendenzen Vorschub geleistet wird. Doch Arabisch ist aus Moscheen so wenig wegzudenken wie Latein aus der katholischen Kirche – es ist die spirituelle Sprache des Islam. Zudem müsste man dann wegen der Gleichbehandlung in griechisch-orthodoxen Kirchen Griechisch verbieten und in Synagogen Hebräisch und Russisch.

Die Forderung, Imame staatlich absegnen zu lassen, widerspricht ebenfalls der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit. Der Staat darf auch christlichen Kirchengemeinden nicht vorschreiben, welche Pfarrer sie beschäftigen. Die Freiheit hat ihre Grenzen erst dort, wo die geschützten Rechte anderer betroffen sind. Wer seine Frau schlägt, kann sich nicht auf seine Religionsfreiheit berufen.

Ohnehin werden nach den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes extremistische Weltanschauungen meist nicht über Predigten in öffentlich zugänglichen Moscheen verbreitet. Das Internet, aber auch private Religionszirkel spielten eine wachsende Rolle bei der Radikalisierung. Und eine Deutschpflicht würde nicht wirklich weiterhelfen. Denn gerade in salafistischen Zirkeln ist Deutsch die Sprache, mit der die Jugendlichen erreicht werden. Auch im kürzlich verbotenen Verein "Die wahre Religion" wurde auf Deutsch radikalisiert.

Muslime fühlen sich zunehmend misstrauisch beäugt

"Wir schauen uns die Extremisten an, ob es nun die religiösen Extremisten oder die politischen sind", sagt Hans-Georg Maaßen. "Was wir uns nicht anschauen, sind ‚die‘ Muslime in Deutschland. Ich warne auch davor, religiöse Extremisten und Muslime in einen Topf zu werfen." Dennoch fühlen sich Muslime zunehmend misstrauisch beäugt – und aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit als Bürger zweiter Klasse. "Die wenigsten Deutschen" würden "die Schwelle zu einer Moschee überschreiten" , schreibt Constantin Schreiber in seinem Buch "Inside Islam" (siehe Seite 24). Dabei sind etwa die Hälfte aller hier lebenden Muslime, immerhin rund 2,5 Millionen Menschen, Deutsche, die meisten davon in Deutschland geboren.

Gute Nachrichten liefert der jüngste Bertelsmann-Religionsmonitor. Mehr als 90 Prozent der befragten "hochreligiösen sunnitischen Muslime" finden, dass die Demokratie eine gute Regierungsform sei. 93 Prozent sind der Meinung, man solle allen Religionen gegenüber offen sein. 85 Prozent sagen, jede Religion habe einen wahren Kern. Das sind erfreuliche Werte. Ob islamistische Extremisten sich an Bertelsmann-Umfragen beteiligen, ist natürlich eine andere Frage.

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