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Multikulti im Mikrokosmos

Das Wort Parallelgesellschaft nimmt in St. Georg niemand in den Mund. Dabei leben hier, hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, Moslems neben Stripperinnen neben Junkies neben Schwulen neben Familien - ein Gang durch das Multikulti-Musterviertel.

Von Özlem Topcu

Vorbei an den Bahnhofssäufern, da fängt St. Georg an. Der Steindamm macht mit seinen Striplokalen und Sexshops auf Reeperbahn, eine Straße weiter reihen sich schicke Edelgaststätten aneinander, hier und da Allerweltsgeschäfte: türkische Gemüseläden, teure und billige Boutiquen, Import-Export-Läden. Und überall im Viertel: die immer wieder kehrende Drogenszene, eine Schwulen- sowie die muslimische Gemeinde. Vielen St. Georgianern liegt das Image ihres Stadtteils sehr am Herzen, dass aber die Vorstellungen ziemlich unterschiedlich sind, versteht sich von selbst.

Unterschiedliche Interessen und Ansichten

Deshalb treffen sich die engagierten Gruppen in der "Interessensgemeinschaft St. Georg", in der organisatorische und alltägliche Fragen des Stadtteils gemeinsam besprochen werden. Zu ihren Mitgliedern gehört neben dem lokalen Bürgerverein, der Kirche, der Post, dem Einzelhandel und verschiedenen sozialen Einrichtungen auch die Centrumsmoschee. Die Moschee ist im "Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland" (BIG) organisiert, einem Dachverband, der 18 islamische Gemeinden in Norddeutschland umfasst. Von den 50 Moscheen in Hamburg sind neun im BIG organisiert.

"Das ist hier in St. Georg doch ganz normal. Wir haben hier eine Homosexuellen-Community, wir haben Junkies, den Einzelhandel und die Anwohner. Man muss doch zusammen leben können", sagt Ahmet Yazici, der stellvertretende Vorsitzende des BIG.

Wenn sich Sozialarbeiter, Vertreter der Wirtschaft und der Moschee an einen Tisch setzen, müssen alltägliche, aber auch durchaus kontroverse Probleme erörtert werden - da bleibt nicht viel Zeit für die ideologische Keule: "Wir versuchen zusammen Lösungen zu finden. Das klappt ganz gut. In St. Georg stört sich keiner an irgendjemandem oder irgendwas", hält Yazici fest.

Kein "Kampf der Kulturen", dafür Predigten auf Deutsch

Im Mikrokosmos von St. Georg scheint der von vielen Seiten der deutschen Gesellschaft heraufbeschworene "Kampf der Kulturen" keinen Platz zu haben. Zwar lässt sich die Neugier auf die jeweils andere Seite nicht aufzwingen und Vorurteile bleiben bestehen. Aber in dem Hamburger Stadtteil ist diese Neugier pragmatisch und spiegelt sich spätestens in der Zusammenarbeit der einzelnen so unterschiedlichen Interessensvertreter wider.

Nicht der Kampf, sondern das Zusammenleben der Kulturen, ist auch das Thema der Predigt von Imam Mustafa Özcan-Günesdogdu. "Trotz unserer religiösen, kulturellen und ethnischen Unterschiede müssen wir uns akzeptieren und diese Vielfalt als Bereicherung und nicht gar als Bedrohung ansehen. Deswegen lehnen wir einen 'Kampf der Kulturen' ab und sprechen uns für ein friedliches Zusammenleben in einer kulturellen Vielfalt aus", sagt der Imam und wechselt in der Predigt vom Türkischen ins Deutsche. Dieser Grundsatz bestehe seit der Entstehung des Islam vor 1430 Jahren. Er ermahnt die Medien und die Politiker, ihre Diskussion über den Islam differenzierter und besonnener zu gestalten.

Der Imam spricht vor vollem Haus. Die türkische Centrumsmoschee ist wie an den meisten Freitagen zum Bersten voll. Wer zu spät kommt, muss sich schon in einem der Gebetsräume lange umschauen, um noch einen kleinen Platz zu erhaschen. Imam Özcan-Günesdogdu, einer der drei professionellen Imame der Moschee, hat bereits seit fünf Minuten mit seiner Koranrezitation angefangen, da strömen noch zwei Jugendliche in den Raum. Sie verteilen grüßende Blicke an bekannte Gesichter und setzen sich still in eine Ecke. Keiner stört sich daran, schließlich ist es Mitten am Tag, die Leute müssen arbeiten und verbringen ihre Mittagspause hier. Es stört sich auch keiner daran, dass eine Besucherin, die offensichtlich nicht zu der Gemeinde gehört, inmitten einer betenden Masse von männlichen Muslimen sitzt, ohne Kopfbedeckung.

Die Anschläge in New York haben vieles verändert

Man hat sich mit der Tatsache arrangiert, dass viele der jungen türkischen Gläubigen der zweiten, dritten und vierten Generation besser Deutsch als Türkisch sprechen. Deshalb wird seit 1994 zunächst unregelmäßig, seit über vier Jahren aber regelmäßig die Freitagspredigt, die "Hutbe", an jedem ersten Freitag im Monat zusätzlich auf Deutsch gehalten. Mittlerweile ist dies eine akzeptierte Institution, auch wenn am Anfang vor allem ältere Muslime diese Neuerung skeptisch betrachteten.

Die Freitagspredigt regelmäßig auf Deutsch zu halten, ist nur eine von vielen Neuerungen, die die Leitung der Centrumsmoschee seit ihrem Bestehen entwickeln musste, um sich dem Wandel der Zeit und ihrer Gläubigen, aber auch der deutschen Gesellschaft anzunähern. "Vor zehn Jahren war es undenkbar, dass Frauen und Männer den gleichen Eingang zur Moschee nehmen. Jetzt ist das total normal", sagt Özlem Nas, Öffentlichkeitsreferentin der "Muslimischen Frauengemeinschaft in Hamburg".

Der Verein hat es sich neben seinen Programmen und Kursen speziell für Musliminnen ebenfalls zum Ziel gesetzt, den gesellschaftlichen Dialog mit kulturellen und interreligiösen Veranstaltungen voran zu bringen. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der "Tag der offenen Moschee", der jedes Jahr am 3. Oktober in vielen Moscheen in ganz Deutschland veranstaltet wird. Doch Interessierte können jederzeit an einer Führung durch die Centrumsmoschee teilnehmen.

Eine weitere neue Entwicklung ist das Medieninteresse an der Moschee seit den Anschlägen vom 11. September. Ahmet Yazici hat seitdem um die 400 Interviews gegeben: "Wir waren ja so ziemlich die einzigen in Hamburg, die die Presse empfangen haben. Die al-Quds-Moschee hat ja total dicht gemacht". In dieser Moschee sollen sich der Attentäter Mohammed Atta und seine Mittäter aufgehalten haben. Neben Journalisten aus ganz Europa seien sogar das japanische und australische Fernsehen da gewesen. Doch das Positive, was geschrieben oder gesagt wurde, könne an einer Hand abgezählt werden.

Moscheen sind keine "Integrations-Zentren"

Dennoch sehen sich die Vertreter der Moschee nicht in der Position, beweisen zu müssen, dass sie ihre Mitglieder zum Dialog mit der deutschen Gesellschaft und zur Integration aufrufen – und dass in ihrer Moschee kein Hass gepredigt wird. "Eine Moschee ist kein 'Integrations-Zentrum' für ihre Gläubigen. Das ist nicht ihre Aufgabe", sagt Ramazan Ucar, der Vorsitzende des BIG und gleichzeitig einer der Imame der Centrumsmoschee.

De facto wurden Moscheen aber über die Jahre zur sozialen Begegnungsstätte für "Gastarbeiter" bzw. Migranten, zu denen in der Centrumsmoschee nicht nur Türken, sondern auch afrikanische und indonesische Muslime, teilweise auch arabische Muslime gehören. Durch ihre Funktion als Begegnungsstätte und durch das Erkennen der Bedürfnisse, Fragen und Sorgen der Gemeindemitglieder habe sie aber unweigerlich integrative Aufgaben übernommen, erklärt Imam Ucar diese ambivalente Situation. Das Gotteshaus geht demnach ihrer primären Aufgabe als Helferin in Glaubensachen nach, kümmert sich aber parallel um die weltlichen Belange der Muslime in Form von Hausaufgaben-Nachhilfe für Schüler, Kleinkinderbetreuung, Freizeitangebote, Computerkurse und sogar Hilfe bei der Erstellung von Steuererklärungen.

Schwimm- und Sexualkundeunterricht

Mit dem gesteigerten Medieninteresse ging das gesellschaftliche Interesse für die Religion einher. Die Centrumsmoschee hat die Notwendigkeit erkannt, sich nach außen darzustellen und bestimmte Facetten des Islams zu erklären, die Deutsche interessieren. Eine immer wieder kehrende Frage sei, ob muslimische Mädchen am Schwimm- und Sexualkundeunterricht in der Schule teilnehmen dürften, so Imam Ucar. Dazu hat er einen klaren Standpunkt: "Wir wissen, dass unser Prophet selbst sehr gerne geschwommen ist. Ich sage den Leuten immer, 'Lasst eure Kinder zum Schwimmunterricht!' Genauso verhält es sich beim Sexualkunde-Unterricht in den Schulen: Die muslimischen Kinder sollen nicht nur daran teilnehmen dürfen, sie sollen teilnehmen müssen. Alle Eltern, denen die Zukunft ihres Kindes am Herzen liegt, sollten diesen Rat befolgen." Zu diesen beiden Themen hätten die Centrumsmoschee und das BIG mehr als einmal Presseerklärungen abgegeben, gerade weil es hier die meisten Missverständnisse und Vorurteile gebe, sagt Yazici.

Deutschland ist "voll von 'Parallelgesellschaften'"

In St. Georg dreht sich nur noch selten jemand nach einer Muslimin mit Kopftuch und langem Mantel um. Genauso wenig wie nach Händchen haltenden schwulen Paaren oder Fetisch-Artikeln in den Schaufenstern der Sexshops. Es wird miteinander und nebeneinander gelebt. Also kann das Konzept von "Multi-Kulti" doch funktionieren, und der Vorwurf, Muslime würden sich "Parallelgesellschaften" isolieren, ist eine völlig überzogene Annahme Panik schürender Politiker?

"Klar leben wir in einer Parallelgesellschaft! Deutschland ist voll davon. Sie brauchen doch nur Hamburg Blankenese und Hamburg Barmbek miteinander zu vergleichen. In Blankenese haben Sie die betuchten Hamburger, die Villen, die Reichen. In Barmbek die Arbeiter, die untere Schicht", sagt Yazici nüchtern und lacht. Man solle aufhören, ständig die Existenz von "Parallelgesellschaften" anzuprangern und zu beweinen, sondern Brücken zwischen diesen Gesellschaften aufbauen und erhalten: "Wir sind dazu bereit und unsere Moschee ist für jedermann zugänglich, der sich interessiert. Unsere Kinder gehen in die gleichen Schulen wie die deutschen, wir gehen in die gleichen Kneipen wie die Deutschen. So was muss doch in einer offenen Gesellschaft auch möglich sein", pflichtet ihm Imam Ucar bei.

Was bleibt, ist die Frage, wer von beiden Seiten den Anfang macht: Die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die die knapp drei Millionen Muslime nach jedem neuen Anschlag irgendwo in der Welt immer skeptischer betrachtet; oder die Muslime, die wie Özlem Nas langsam müde werden, immer wieder gegen die selben Vorurteile anzukämpfen: "Du kannst den Leuten erzählen, was Du willst, sie wollen es einfach nicht verstehen oder falsch verstehen. Langsam gebe ich mit damit ab", sagt die studierte Islamwissenschaftlerin frustriert. Dennoch zeigt das Beispiel aus Hamburg, dass Muslime bereit sind, ihren Part an der Diskussion wahrzunehmen, aber auch selbstbewusst ihren Glauben zu verteidigen wissen, wenn sie müssen.

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