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So schwer haben es die Superreichen

Das Leben ist hart für eine neue Generation superreicher Amerikaner. Sie wissen nicht mehr, wohin mit all dem Geld. Drittvillen? Viertwagen? Reisen ins Weltall? Selbst die Freizeitgestaltung ist für die Millionäre eine echte Herausforderung.

Von Jan Christoph Wiechmann

Bei den Superreichen geht der Trend zur Drittvilla

Bei den Superreichen geht der Trend zur Drittvilla

Unsere Freunde von der Upper East Side in Manhattan haben ein sehr amerikanisches Problem. Sie wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. Sie haben zu viel davon. Er hat sich als Hedge-Fund-Manager an der Wall Street schwindelig verdient, und nachdem er sich selbständig machte, verdiente er noch mehr. Nun verwaltet er mehr als 200 Millionen Dollar im Jahr. Das sagt er beim Barbeque in seiner Sommervilla so nebenbei: "Ich habe gerade die 200 Millionen Dollar überschritten. Noch ‘n Beck's-Bier?"

12.000 Dollar Monatsmiete

Unsere sonst sehr unprätentiösen Freunde haben sich zunächst ein paar New Yorker Statussymbole gekauft: einen Mercedes 600 als Zweitwagen, einen Audi Coupé als Sonntagswagen und ein Abendessen mit den Clintons. Sie kaufen ihren Schmuck bei Tiffany und ihre Schuhe bei Manolo Blahnik auf der Fifth Avenue. Sie mieten ein Penthouse für monatlich 12.000 Dollar, einen Fitnesstrainer für 800 Dollar und würden ihr Geld gern für die 2000 Dollar teuren Logenplätze eines Basketballspiels der New York Knicks im Madison Square Garden ausgeben, aber dazu werden sie schon von anderen Superreichen eingeladen, die auch nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld.

Du kannst in New York schnell vom Millionär zum Multimillionär aufsteigen. Aber so schnell nicht wieder fallen.

Je mehr Millionen, desto weniger Steuern

Unsere Freunde von der Upper East Side hassen Präsident Bush, aber sie haben ihn wegen seiner netten Finanzpolitik gewählt. Sie zahlen so gut wie keine Steuern. Je mehr Millionen sie verdienen, desto weniger Steuern zahlen sie. Amerika sitzt auf 8,5 Trillionen Dollar Schulden, aber der Steuersatz unserer Freunde ist inzwischen auf unter 15 Prozent gefallen. Vor etwa 100 Jahren verdiente John Rockefeller, damals reichster Mann Amerikas, 7000 Mal so viel wie ein Arbeiter. Heute verdienen Hedge-Fund-Manager 38000 Mal so viel.

An Dick Cheneys Steuersatz jedoch kommen auch unsere Freunde nicht heran. Der Vizepräsident zahlte 2005 laut der Organisation "Citizens for Tax Justice" auf sein 8,1-Millionen-Dollar-Jahreseinkommen nur 5,7 Prozent Steuern. Der Wert seiner Aktienoptionen vom Kriegskonzern Halliburton - das er einst leitete - stieg in demselben Jahr um 3210 Prozent. Je mehr Kriege Amerika führt, desto reicher wird Cheney. Je länger die Kriege dauern, desto besser für ihn. Cheney hätte sich rein finanziell keinen besseren Krieg wünschen können als diesen endlosen, vermaledeiten Irakkrieg. So ähnlich verhält es sich auch bei unseren Freunden. Je mehr Arbeiter die Unternehmen entlassen, desto besser verdienen sie. Das sagen sie beim Barbeque ganz nebenbei: "Man müsste jetzt Chrysler kaufen. Die werden noch kräftig entlassen. Noch ‘n Beck‘s?"

Das schwere Leben der Superreichen

Das Leben als Superreicher in Amerika ist keineswegs leicht. Es gibt immer mehr dieser Superreichen. Seit Bushs Amtsantritt hat sich ihre Zahl verdoppelt. Unter den 400 reichsten Amerikanern befinden sich erstmals keine Multimillionäre mehr, sondern nur noch Milliardäre. Man muss schon eine Menge Kreativität aufwenden, um als Superreicher aus der Masse der Superreichen hervorzustechen. Unsere Freunde denken über einen Viertwagen nach und eine Drittvilla in der Karibik, aber originell ist das nicht gerade. Sie haben ihre Tochter deswegen in einen Kindergarten gesteckt, in dem fünf Kinder von vier Betreuern umsorgt werden. Aber es sind keine normalen Betreuer. Es sind Psychologen und Soziologen mit Master-Abschluss. Gemeinsam sitzen diese fünf Betreuer um die vier spielenden Kinder herum und evaluieren täglich ihr soziales Verhalten und die Zukunftschancen in einer wettbewerbsintensiven, globalisierten Welt.

Noch schwieriger ist die Freizeitgestaltung. Die Frau hat mit Mitte Vierzig noch mal Schwimmstunden bei einem Privattrainer genommen, um die Beinarbeit beim Rückenschwimmen zu perfektionieren. Sie hat Ballettunterricht bei einem Privattrainer genommen und einen Fotokurs bei einem Starfotografen belegt. Sie wollte gern ein bedeutendes Fotoessay schaffen über arme schwarze Kinder in Camden, New Jersey, der gefährlichsten Stadt Amerikas, bis sie feststellen musste, dass sich die armen schwarzen Kinder von Camden eher für die Diamanten in ihrem Ohr interessierten als für ihr bedeutendes Fotoessay.

Eigene Wohnung für die fünfjährige Tochter

Auch der Hauskauf ist für Superreiche nicht ganz unkompliziert. Unsere Freunde hatten eine große Sommervilla auf dem Land in Pennsylvania, aber um etwas Geld loszuwerden, mussten sie jetzt eine noch größere Sommervilla kaufen, mit Pferdekoppel und einem Pool in Olympiagröße, dessen Umbau allein eine halbe Million Dollar kostet. Sie sind keineswegs selbstsüchtige Menschen, deswegen haben sie für ihre fünfjährige Tochter einen eigenen Wohntrakt gebaut samt Zimmer für die Tagesmutter, eine illegale Immigrantin aus Ecuador, die einspringt, wenn die illegale Babysitterin aus Guatemala nicht kann, weil sie die illegale Köchin aus Mexiko vom Bahnhof abholt.

Unsere Freunde finden uns exotisch. Sie finden es exotisch, in Brooklyn zur Miete zu leben. Sie finden es exotisch, dass Kinder in staatliche Schulen gehen. Sie finden es exotisch, mit der U-Bahn zum Strand nach Coney Island zu fahren. Wir sind ihre Brücke zur Welt. Wir sind der Beleg für ihre Bodenhaftung. Wir haben unseren Freund bei einem guten deutschen Bier nach einem sicheren Investmenttipp gefragt. Aber er konnte uns nicht helfen. Er kennt sich bei Beträgen unter 20.000 Dollar nicht so aus.

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