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Der Goldene Reiter empört die Bundeswehr

Joachim Witt landete bisher zwei Hits. Gerade versucht er es wieder. Sein neuer Song "Gloria" ist miserabel, das Video schlecht. Als Vergewaltiger dargestellte Soldaten kriegen gar "das kalte Kotzen".

Von Thomas Schmoll

  • Thomas Schmoll

Der Wind pfeift. Die Kamera schweift über karge Berge. Dann darf man lesen "JOACHIM WITT IN" und - Bruchteile von Sekunden später - "GLORIA". Die Kamera beendet ihre Reise über die Bergwelt und trifft auf eine christliche Prozession. Schnitt. Es folgt eine Nahaufnahme eines geistigen Würdenträgers mit grauem Haar, der von urplötzlich auftauchenden Nebelschwaden umhüllt wird, die eigentlich nicht zum sonstigen Wetter passen, aber der Regisseur sicher für einen genialischen Einfall hielt. Der Geistliche schaut mit wenig aussagekräftigem Blick in die Ferne. Schnitt.

Ein Soldat läuft - ebenfalls in Schleierwolken gehüllt - durch die Kamera mit einem Sturmgewehr in der Hand vorbei an Ruinen. Nun weiß der Betrachter: hier herrscht Krieg. Und tatsächlich: 43 Sekunden nach dem ersten Windpfeifen beginnt das Grauen - ein Grauen in vierfacher Hinsicht.

1. Die Musik ist furchtbar.
2. Der Sänger kann nicht singen.
3. Der Text ist stümperhaft.
4. Eine Frau wird vergewaltigt.

Während Barde Joachim Witt - im Video der grauhaarige Geistliche - radebrecht "So weit entfernt von dir, es war für immer, doch jetzt fehlst du hier, die Zeit steht still" vergehen sich mehrere Soldaten in einer heruntergekommenen Baracke an einer Frau. Ein grinsender Kamerad in Sonnenbrille filmt oder fotografiert sie dabei mittels Smartphone. Um bloß kein Klischee vom schmutzigen Krieg auszulassen, schaut ein kleines Mädchen mit traurigen Augen durch einen Türspalt dem Treiben zu.

"Gloria - es führt kein Weg zurück zu dir"

Bald ist das Video beim Refrain angekommen: "Gloria - 1000 Straßen hinter mir. Gloria - es führt kein Weg zurück zu dir." Dazu sieht man einen einsamen, kahlgeschorenen Mönch auf Wanderung und abermals die Prozession. Später taucht ein ölverschmutztes Meer auf, ein Junge beißt in einen gerade gefangenen Fisch, wie es seinerzeit Gollum am Fischweiher tat. Ein Gast bei YouTube schreibt: "Ich versteh die Verbindung zwischen dem Song und dem Video nicht." So dürfte es der großen Masse der Zuschauer gehen, die den Clip gesehen haben und der bei Youtube schon fast 300.000 Abrufe zählt. In der Tat erschließt es sich nicht, was Gloria mit dem Semi-Gollum, dem Krieg, der Vergewaltigung und dem lieben Gott zu tun haben könnte - falls mit "Gloria" nicht das biblische Wort für Ruhm gemeint ist.

"Ach du scheiße, was ist das denn für ein shit..."

Anfang der 80er Jahre hielt sich Joachim Witt mit seinem "Goldenen Reiter" wochenlang in den Charts auf, Ende der 90er schaffte er das mit "Die Flut" (gemeinsam mit Peter Heppner). Laut Eigenwerbung versteht er "Gloria" als "Ode an die Liebe". Nach seinem Album "Bayreuth 3" habe er "lange darüber nachgedacht, was man machen kann", sagt Witt in einem Stil, als hätte er bei Lothar Matthäus Rhetorikunterricht genommen: "Es muss irgendetwas Neues geben ... Es muss irgendwie einen Schritt nach vorne wieder machen, ohne sich selber unbedingt zu wiederholen." Das Fazit seiner Lebensbilanz laute, "dass nichts auf der Welt das allumspannende und zugleich so schwer zu fassende Gefühl der bedingungslosen Hingabe ersetzen kann". Kann man es schöner sagen? Bei YouTube entfährt es einem Kommentator: "ach du scheiße, was ist das denn für ein shit..."

All das wäre nur eine Randnotiz im Musikbusiness, würde als musikalische Entgleisung eines 63-jährigen Ex-Stars durchgehen, wären die Soldaten, die die Frau vergewaltigen, nicht eindeutig der Bundeswehr zuzuordnen. Und die ist ziemlich sauer. Ihr Gewerkschaftsverband wirft dem Musiker ehrverletzendes Verhalten vor. Verbandschef Ulrich Kirsch stellt Witt die Frage, warum dieser "die Verrohung im Krieg – darum geht es wohl – nicht zeigen konnte, ohne explizit Bundeswehrsoldaten als Frauenschänder und Mörder darzustellen". Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus sagte der Berliner Zeitung "BZ": "Beim nächsten Mal sollten die Macher erst das Hirn einschalten, bevor sie ein Video mit solchen Szenen veröffentlichen. Auch Künstler tragen bei aller Kunstfreiheit Verantwortung."

Witt: "Anspruchsvolles Horrorszenario"

Er habe niemanden beleidigen oder angreifen wollen, entschuldigte sich Witt auf Facebook. Als Künstler jedoch stellte er sich einen Persilschein aus: "Wir zeichnen in großen und anspruchsvollen Bildern ein apokalyptisches Horrorszenario!" Die Soldaten im Video seien austauschbar. "Als ehemaliges Mitglied des Bundesgrenzschutzes (noch zu Zeiten des Kalten Krieges) respektiere ich die Arbeit der Bundeswehr!"

Ob die Entschuldigung ankommt, ist fraglich. Groß ist die Wut unter Soldaten. "Erdpichel" schreibt im Bundeswehrforum: "Als ich das Video gesehen habe, kam mir - gelinde gesagt - das kalte Kotzen!" "Justice005" gibt zu bedenken: "Wären wir Angehörige eines anderen Kulturkreises, würde sich jetzt der wütende Mob in Bewegung setzen... Aber so bleiben wir ganz entspannt und feiern die Meinungsfreiheit, für deren Verteidigung sicher die meisten hier bereit wären zu sterben."

Witt kriegt den Zorn auf brutale Weise zu spüren: "Ich bekomme wegen des Videos schlimme Morddrohungen und habe Angst um mein Leben. Deshalb habe ich mir Personenschutz zur Seite stellen lassen", zitiert ihn die "Bild"-Zeitung. Im martialischen Stil seines Videos fügt er hinzu: "Ich habe das Gefühl, dass da draußen 200.000 bissige Hunde auf mich warten, die mich zerfleischen wollen." Eine Textstelle aus dem Song bekommt damit eine Note, an die Witt beim Dreh des Videos garantiert nicht dachte: "Gloria - ich kann dich nicht vergessen."

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