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Wenn Bäume Pullover tragen

Im amerikanischen Yellow Springs müssen Bäume in diesem Winter nicht frieren. Einwohner der Stadt haben einem Birnbaum ein buntes Winterkleid gestrickt. Die Baum-Wolle schützt aber nicht nur vor abgestorbenen Ästen, sondern verrät sogar etwas über seine Besucher.

Im Winter sind die meisten Bäume kahl - das gilt jedoch nicht für Bäume, die das Glück haben in Yellow Springs zu wachsen: In der kleinen Stadt im US-Bundesstaat Ohio haben die Bürger einem Birnbaum einen Pullover gestrickt. In grün, gelb oder rot, geringelt oder mit Zopfmuster leuchten die umstrickten Äste aus und sind mittlerweile ein Touristenmagnet. Besucher lassen sich vor und mit dem bunten Stamm fotografieren, während die Einwohner munter weiterstricken und die neuesten Teile an das lebende Objekt nähen. In kleinen gestrickten Taschen verstecken Besucher Familienfotos, Gedichte und Witze - anschauen und lesen ist dabei ausdrücklich erwünscht.

Wie die Internetausgabe der "Dayton Daily News" berichtet, startete das Kunstprojekt im vergangenen Oktober, als auf einmal an einem Baum die erste kleine Strickumhüllung auftauchte. Darauf gestickt waren die Worte "Knitknot Tree" (englisches Wortspiel: knit=stricken, knot=Knoten, aber auch Ast). Damit hatte der Baum auch gleich seinen Namen, und ab diesem Zeitpunkt "ging es los wie verrückt und Menschen aus der ganzen Stadt fügten weitere Abschnitte hinzu", sagte Corrine Bayraktaroglu, eine der Künstlerinnen, der "Dayton Daily News".

Die Arbeit in den obersten Äste wäre zu gefährlich

Die Menschen würden es lieben, den bestrickten Baum zu berühren, so eine andere Baum-Ausstatterin: "Als ich einmal im Baum arbeitete, kam ein Mann vorbei und sagte einfach nur 'Danke'." Je mehr das Einkleiden fortschreitet, umso schwieriger wird die Arbeit jedoch: Erst mussten die Künstler auf einen Stuhl steigen, doch in den Baumwipfeln ging es dann nur noch mit einer Leiter. Aus Angst vor Unfällen bleiben deswegen die höchsten Äste nackt.

Die Strickkunst habe bereits Anhänger in anderen Städten gefunden, berichtet die "Dayton Daily News": Einwohner von Columbus, Indiana, strickten im Februar wärmende Mützen für 33 Birnbäume, während in der Stadt Charleston in West Virginia sogar Türklinken einen Wollüberzug bekamen.

Ob der "Knitknot Tree" von Yellow Springs im Frühjahr sein Wollkleid wieder los wird, haben die Behörden bisher noch nicht entschieden. Den restlichen Winter allerdings muss man sich um Frostschäden keine Sorgen machen - der Baum könnte höchstens kalte Füße kriegen: Weil den Hunden der Stadt kein Respekt vor der Kunst zuzutrauen ist, geht der Winteranzug der Bäume nicht bis ganz auf den Boden.

Angelika Dehmel
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