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Heikle Mission im Land der Opfer

Die Nahost-Reise von Papst Benedikt XVI. ist ein Spießrutenlauf: Zunächst versuchte er in Jordanien, die Wut der Muslime über seine Politik zu besänftigen. Nun ist er in Israel eingetroffen, wo er die Wiederaufnahme des Holocaustleugners Williamson rechtfertigen muss. Dabei besteht eine tiefe theologische Kluft zwischen Juden und Christen.

Von Frank Ochmann

Benedikt XVI. ist der dritte Papst, der nach Israel kommt. Aber erst der zweite seit der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen Vatikanstadt und Jerusalem im Mai 1994. Allein dieses Datum - fast ein halbes Jahrhundert nach Staatsgründung Israels - zeigt das komplizierte Verhältnis zwischen katholischer Kirche und jüdischem Staat. Einer der Gründe ist offensichtlich: Fast alle Christen dieser Region sind zumindest von ihrer Abstammung her Araber oder Palästinenser. Und das erfordert Rücksichten, wie viele im Vatikan glauben.

So war Paul VI. zwar schon 1964 zu einem Kurzbesuch in Israel, verweigerte aber eine diplomatische Anerkennung. Das änderte erst Johannes Paul II., der einige Jahre später, im März 2000, Israel einen ersten offiziellen Besuch abstattete. Diese Reise hinterließ vor allem einen tiefen menschlichen Eindruck. So baute der von Krankheit gezeichnete Johannes Paul II. Brücken auch da, wo Theologie und Diplomatie es nicht vermochten. Daran wird sein Nachfolger zweifellos gemessen, wenn nun auch er nach Israel kommt.

Die Reise eines Papstes ins "Heilige Land", in das die Wurzeln des Christentums reichen, ist schon allein wegen dieses Ursprungs nie Routine und immer mit tiefen Gefühlen verbunden. So bewegend ein Pilgerbesuch auf den Spuren Jesu und der kirchlichen Anfänge für das Oberhaupt der Katholiken und die kleine Schar seiner Anhänger in dieser Region sein muss, so beunruhigend, ja sogar bedrohlich kann eine solche Visite für die werden, die mit übergroßer Mehrheit am östlichen Ufer des Mittelmeeres und in den angrenzenden Gebieten leben. Denn mit dem Papst kommt unvermeidlich eine 2000-jährige und über lange Perioden unheilvolle, ja blutige Geschichte.

War die Begegnung mit Vertretern des Islam in den ersten Tagen der "Pastoralvisite" Benedikts schon alles andere als leicht, so beginnt mit dem Eintreffen in Israel ein noch deutlich heiklerer Teil. Dass das Christentum aus dem heutigen israelisch-palästinensischen Raum stammt und samt seiner Gründungsgestalt aus dem Judentum hervorgegangen ist, schafft einerseits eine ganz besondere Verbundenheit. Doch die christliche Kirche gründete sich, indem sie sich vom Judentum absetzte, nicht indem sie es umarmte. Der Streit um die Bedeutung des jüdischen Erbes begann noch zu Lebzeiten Jesu und setzte sich nach dessen Tod noch heftiger fort.

Spätestens nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer 70 nach Christi wurde die Abspaltung vollständig vollzogen. Darüber können auch freundliche Formeln wie die heute gern verwendete von den "älteren Brüdern" nicht hinweghelfen. An die Stelle einstigen Nebeneinanders trat schon früh ein Gegenüber, das sich bis zur offenen Feindschaft entwickelte. Und es lag nicht nur an unglücklichen Umständen, dass es so kam. Ein antijüdischer Impuls ist geradezu zwangsläufig im christlichen Glauben enthalten. Denn wer Jesus Christus für den Messias und menschgewordenen Gott und Erlöser hält, wie es die Kirchen naturgemäß tun, kann nicht zugleich mit den Juden auf einen ganz anderen Messias warten. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern eine der Logik.

Begegnung nie frei von Reibung und Schmerzen

Schon darum kann eine Begegnung von Juden und Christen niemals frei von Reibung und Schmerzen sein. Zwar mühen sich viele christliche Theologen und auch Amtsträger, ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Synagoge und Kirche zu propagieren. Doch enthalten alle amtlichen Bibelausgaben auch heute Sätze wie den aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, in dem er über die Juden sagt: "Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen." Sicher lassen sich auch freundlichere Zitate in der Bibel finden, trotzdem gehören solche vernichtenden Urteile weiter zur "Heiligen Schrift" der Christen.

So ist es nur zu verständlich, dass von jüdischer Seite jedes christliche Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Erst recht das eines Papstes. Denn es waren Bibelzitate und amtliche Lehrschreiben, mit denen Juden über Jahrhunderte zu "Gottesmördern" gestempelt, geächtet, verfolgt und schließlich in den Tod getrieben wurden. Es ist diese überaus schwere Last, die jedes Kirchenoberhaupt zu tragen hat, wenn es den Boden Israels betritt.

Benedikt allerdings hat diese Bürde in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich erschwert. Und das ohne erkennbare Not. Als Theologe ersten Ranges wusste er natürlich, welche grundsätzlich antijüdische Haltung die extreme Rechte der Katholiken pflegt und dass für sie die Missionierung und Taufe der Juden nach wie vor unverzichtbares Ziel ist. Der Papst hat diese Position von der Minderwertigkeit des jüdischen Glaubens und vom Absolutheitsanspruch der katholischen Kirche gebilligt, indem er auf die Radikalen zuging. Wie sonst ließe es sich erklären, dass am Karfreitag nun wieder für die Bekehrung der Juden gebetet wird? "Auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen." Das bedarf keiner Interpretation.

Als wäre das noch nicht genug Last für einen Besuch in Israel, ist auch die jüngst erfolgte Wiederaufnahme eines Holocaustleugners im Bischofsrang durch den Papst noch nicht ausgestanden. Denn Piusbruder Richard Williamson tut es nach eigenem Bekunden zwar Leid, welches Ungemach er mit seinen Äußerungen im Januar über Papst und Kurie gebracht hat. Distanziert allerdings hat er sich von seiner Position bislang nicht. Das wiederum hat der Vatikan bedauert - und von da an geschwiegen.

Schweigen zur Seligsprechung von Papst Pius XII.

Um Schweigen geht es schließlich auch bei einem weiteren schweren Problem, das den Besuch Benedikts überschattet. Denn in den zuständigen Büros des Vatikans wird seit Jahren die Seligsprechung von Papst Pius XII. vorangetrieben, der zum Beispiel, damals noch als vatikanischer Botschafter, das Reichskonkordat mit der Regierung Hitler aushandelte. Auf dessen unveränderter Grundlage ist auch heute noch das Verhältnis von Staat und katholischer Kirche bei uns geregelt. Es ist auch Pius XII., dem vor allem von jüdischer Seite vorgeworfen wird, er habe die Autorität seines Amtes nicht gegen die Verfolgung und Vernichtung der Juden eingesetzt. Dabei war es eine katholische Heilige und Jüdin von Geburt, die sogar schon seinen Vorgänger aufzurütteln versuchte.

"Als ein Kind des jüdischen Volkes, das durch Gottes Gnade seit elf Jahren ein Kind der katholischen Kirche ist", schrieb die Philosophin und spätere Nonne Edith Stein bereits am 20. April 1933 an Papst Pius XI.: "Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel?" Dann folgt "zu Füßen Eurer Heiligkeit" der Satz, der bis heute schmerzlich nachhallt: "Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält."

Mit kirchlicher Hilfe nach Südamerika

Weder der elfte Pius noch sein Nachfolger auf dem päpstlichen Thron haben das von der in Auschwitz ermordeten und inzwischen heiliggesprochenen Edith Stein so früh beklagte Schweigen gebrochen. Stattdessen gelang etlichen Kriegsverbrechern mit kirchlicher Hilfe über die berüchtigten, zu Zeiten Pius XII. auch durch Rom führenden "Rattenlinien" die Flucht nach Südamerika. Auch diese drückende Last muss Benedikt XVI. auf sich nehmen, wenn er unter den Augen von KZ-Überlebenden in die Holocaust-Gedenkhalle von Yad Vashem in Jerusalem tritt. Zumal als Papst aus dem Volk der Täter.

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