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Weißer Rauch und viele Fragen

Sein erster Auftritt als Papst war ein starkes Zeichen, eine Demonstration der Bescheidenheit. Franziskus muss die Kirche aus ihrer tiefen Krise befreien. Es ist fraglich, ob er dies schaffen kann.

Von Frank Ochmann

Gut eine Stunde dauerte es, bis nach dem unerwartet frühen weißen Rauch über der Sixtinischen Kapelle die Fenster zur Mittelloggia über dem Petersplatz geöffnet wurden. Zwar standen unten wie gewohnt bei einem solchen Anlass die Schweizer Gardisten, dazu Kapellen und Abordnungen der italienischen Streitkräfte. Marschmusik schalte durch die Arkaden des Bernini. Trotzdem lag nichts Triumphales über diesem Augenblick.

Als sich der Gewählte zum ersten Mal zeigte, reckte er nicht die Arme, strahlte nicht beseelt vom Amt, das ihm so kurz zuvor verliehen worden war. Nachdenklich schaute der neue Pontifex hinunter auf die Hunderttausenden, die an diesem Abend im strömenden Regen auf ihn gewartet hatten.

Anders als sein Vorgänger trug er auch keine purpurne Mozetta, nicht jenen mit Hermelin gesäumten Schulterumhang, dessen Rot an das imperiale Erbe der Päpste erinnert. Wie es Bergoglios Ruf entspricht, bestimmte eher Bescheidenheit die Szenerie, nicht Pomp.

Ein starkes Zeichen der Demut

Auch in den folgenden Minuten änderte sich daran nichts. Vom 265. Nachfolger des Apostels Petrus erwarteten die Gläubigen nach alter Sitte den ersten Segen "Urbi et orbi", für die Stadt Rom und die ganze Welt. Doch Jorge Bergoglio, der am Morgen dieses 13. März noch Erzbischof von Buenos Aires war, bat zunächst selbst um den Segen. So wurde es still auf dem Platz, während der neue Papst sich hoch oben in Demut beugte.

Mit geschlossenen Augen umklammerten die Menschen Rosenkränze und Kreuze, wünschten dem neuen Pontifex das Beste. Kein Ritus der römischen Kirche sieht dieses gemeinsame Beten bei der Vorstellung eines neuen Papstes vor. Und gerade deshalb wurde es zu einem mächtigen Zeichen.

Wenn Überraschungen ein Beleg für göttliches Wirken sind, dann muss der Heilige Geist am 13. Tag nach dem Rücktritt Benedikt XVI. mit ganzer Kraft über den Vatikanischen Hügel gebraust sein. Denn alle in den Tagen zuvor noch heiß gehandelten Kandidaten schauten weiter als Kardinäle aus den Seitenfenstern von Sankt Peter. Stattdessen wurde einer vom "Ende der Welt", wie er selbst sagte, als Oberhaupt der katholischen Kirche präsentiert.

Ist die Kirche "ganz und gar in Verfall" geraten?

Es war zumindest beim zweiten Nachdenken etwas Ungeheuerliches, das der kleine, zitternde Kardinal Jean-Louis Tauran kurz nach acht verkündete: Der neue Papst hatte sich den Namen Franziskus gegeben. So hieß jener Heilige, der auch den Ehrennamen "Alter Christus" trägt - der andere, der zweite Christus. Wie sonst kaum eine Gestalt in der Kirchengeschichte steht Franziskus nicht nur für selbstauferlegte Armut.

Mit dem Namen des Heiligen aus Assisi verbindet sich auch das Bild eines Auserwählten. Der Legende nach ist es Jesus selbst, der Franziskus vom Altarkreuz herab aufforderte: "Geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät."

Es hieße diesen hoch gebildeten Jesuiten zu unterschätzen, wollte man ihm unterstellen, er habe das bei seiner Namenswahl nicht gewusst. Er übernimmt die Leitung der katholischen Kirche zu einer Zeit, da diese tief in der Krise ist. Kein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht weltweit von Missbrauch, Geldwäsche, Verrat und Vetternwirtschaft die Rede ist.

Nicht nur sein Alter könnte eine Bürde sein

Vom Vatikan bis in die letzte Vikarie hat spätestens der Rücktritt Benedikt XVI. zu enormer Verunsicherung geführt. Waren es wirklich nur Alters- und Krankheitsgründe, die ihn am Abend des 28. Februar den Hubschrauber Richtung Castel Gandolfo besteigen ließen? Hinter der versiegelten Tür des apostolischen Appartements im Damasus-Palast liegen wohl noch immer jene ominösen 300 Seiten, auf denen die von Benedikt eingesetzte Dreierkommission ihren Bericht über die Zustände in der katholischen Kirche und insbesondere in der regierenden Kurie niedergelegt hat.

Spätestens wenn Franziskus diesen Report in Händen hält, dürfte er sehen, ob die ihm nun anvertraute Kirche tatsächlich "ganz und gar in Verfall" geraten ist, wie es schon seinem Namenspatron vor über 800 Jahren beschrieben worden sein soll. Und dann?

Dann stellt sich die entscheidende Frage: Wird dieser 76-Jährige aus Argentinien derjenige sein können, der den Strom der negativen Schlagzeilen beendet? Wird er das Haus Christi wieder aufbauen können, das an nicht wenigen Ecken schweren Schaden genommen hat? Beim Konklave 2005 gab es daran zumindest Zweifel, auch wenn Bergoglio durchaus etliche Stimmen auf sich ziehen konnte.

Doch schon damals wurden Positionen laut, die ihm die Entschiedenheit und Kraft absprachen, die nun mal nötig ist, um sich vor allem gegen die mächtige vatikanische Kurie durchzusetzen.

Dass die dringend Reform braucht und vermutlich auch einen eisernen Besen zu spüren bekommen muss, ist seit vielen Jahren ein zentrales Thema nicht nur bei jenen, die der Kirche Übles wollen. Bedenken, dass Franziskus schon wegen seines Alters am Ende wie Benedikt die Kraft fehlen könnte, sind aber nicht einfach auszuräumen.

Und noch ein Problem könnte sich schon in Kürze als schwere Belastung des eben erst begonnen Pontifikats herausstellen: die vor allem in Argentinien nicht verstummen wollenden Vorwürfe, Jorge Bergoglio habe sich in den finsteren Zeiten der argentinischen Diktatur bis 1983 allzu nah an die Machthaber gewagt. Von Verrat und Lüge ist die Rede.

Selbst wenn sich das alles als falsch herausstellen sollte, wiegt es doch überaus schwer. Denn nichts bräuchte die katholische Kirche an ihrer Spitze derzeit dringender, als einen blütenweißen Neuanfang. Ob ihr der aber mit Franziskus gelingen kann, ist am Tag seiner Wahl zumindest fraglich.

von Frank Ochmann

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