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"Enttäuschung im 'Wir sind Papst'-Land"

Wird Benedikt XVI. als großer Papst in die Geschichte eingehen oder wird ihm der desolate Zustand der katholischen Kirche zur Last gelegt werden? Die Pressestimmen aus dem In- und Ausland.

  Die Rücktrittsankündigung des Papstes ruft in der Presse unterschiedliche Reaktionen hervor

Die Rücktrittsankündigung des Papstes ruft in der Presse unterschiedliche Reaktionen hervor

Ist die Rücktrittsentscheidung des Papstes ein Zeichen von Mut, oder stiehlt er sich aus der Verantwortung? In der deutschen und internationalen Presse wird die Ankündigung von Benedikt XVI., sein Amt zum 28. Februar aufzugeben, unterschiedlich aufgenommen. Während einige Journalisten den Rücktritt als Chance bewerten, monieren andere den desolaten Zustand der katholischen Kirche, die der Pontifex hinterlässt.

"Süddeutsche Zeitung": "Kirche war selten so reformbedürftig"
"Es ist Größe und Tragik zugleich: Nur mit seinem Rücktritt sprengt Benedikt die Ketten der Tradition, überall sonst hat er an diese Ketten nicht gerührt, da und dort hat er sie sogar verstärkt; nur dieses eine Mal wächst er über sich, über sein Herkommen, sein traditionelles Verständnis von Kirche hinaus (...) Ecclesia semper reformanda, Kirche ist immer reformbedürftig; so heißt ein Satz, der oft Augustinus, oft Martin Luther zugeschrieben wird. Einerlei. Wenn es zu ihrem Wesen gehört, sich ständig zu erneuern, hat sie das wesentlich lange vergessen. Die Kirche war selten so reformbedürftig wie am Ende des Pontifikats Benedikts."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Introvertierter, scheuer Gelehrter"
"Dem christlichen Denker und Religionsphilosophen blieb es wichtig, während seines Pontifikats seine Interpretation von Leben und Lehre Jesu zu schreiben. (...) Die Stürme der Massenbegeisterung, die der Papst bei seinen Reisen erlebte, waren mehr das Ergebnis von Amtscharisma und lebendiger Erinnerung an seinen Vorgänger, als dass sie der introvertierte, scheue deutsche Gelehrte auf dem Papstthron selbst geweckt hätte. Ratzingers Bedeutung als Theologe ist über jeden Zweifel erhaben. Als Oberhaupt der Kirche hat er, der seine Rolle als Papst des Übergangs sah, sich in die Pflicht nehmen lassen. Zu seiner Vorstellung von Pflichterfüllung gehört dann auch, dass er in einer Zeit schwerer Prüfungen für die Kirche und andauernder Kritik an ihren Würdenträgern die Verantwortung in jüngere Hände legen will."

"Libération" (Frankreich): "Ein seltsamer Beruf"
"Woran mag ein Papst denken? Es ist ein seltsamer Beruf im 21. Jahrhundert. Er lebt in einem Zwergstaat, einem Fürstentum, und übt eine Macht aus, von der Machiavelli im 16. Jahrhundert sagte, sie sei eine Ausnahme in der Vielfalt der Formen politischer Macht. Woran mag ein Papst denken in seinen seltsamen Kleidern und seinem eigens für ihn konstruierten Fahrzeug, ein Papst, der fließend Latein spricht und gleichzeitig ein Twitter-Konto hat, um zeitgemäß zu sein? Man wird niemals wissen, ob Benedikt XVI. der körperlichen oder der metaphysischen Erschöpfung nachgegeben hat. Ob sein Körper nicht mehr die erforderliche Kraft für das Amt aufbringt. Oder ob die Seele nicht mehr glaubt, ob durch die unausweichliche Verweltlichung Zweifel entstanden sind, was vielleicht auch einem Papst passieren kann."

"Stuttgarter Zeitung": "Mut garantiert Anerkennung"
"Für seine sehr einsame, kirchenhistorisch fast einzigartige Entscheidung wird Papst Benedikt XVI. Mut gebraucht haben, der ihm umgekehrt noch einmal hohe Anerkennung garantiert. Die katholische Kirche könnte diesen Akt als Zeichen verstehen: mit einer quasi revolutionären, souveränen Geste gibt das Oberhaupt zu verstehen, dass Vernunft und Glauben sehr wohl auf einen Nenner gehen. Nur derart reformiert und belebt wird die katholische Kirche im Auftrag von Jesus Christus im 21. Jahrhundert ankommen können, ohne sich mit der Zeit gemein machen zu müssen."

"Frankfurter Rundschau": "Zutiefst verunsicherte Kirche"
"Er hinterlässt eine Kirche, die zutiefst verunsichert und geschwächt ist, die sich den Vorwurf machen lassen muss, in Fragen der Sexualmoral und der gesellschaftlichen Liberalisierung keinen Millimeter vorangekommen zu sein. Es ist bezeichnend, dass Benedikt stattdessen die Remissionierung der westlichen Länder ein zentrales Anliegen war. Für die Anliegen der Gläubigen in jenen Ländern, in denen die Kirche noch Kraft hat, in denen sie junge Leute anzusprechen vermag, hatte der deutsche Papst dagegen kaum ein Gespür."

"The Times" (Großbritannien): "Nachfolger aus Afrika wünschenswert"

"In der sozialen Ethik hat der Papst es abgelehnt, die Lehren der Kirche über die Verteilung von Kondomen zu erneuern, um die Verbreitung von Aids zu verhindern. Durch diese Haltung wird menschliches Leid fortgesetzt, besonders in südlichen Ländern. Aus diesen Gründen wäre es wünschenswert, wenn der Nachfolger Benedikts beispielsweise aus Afrika käme. Das Pontifikat von Benedikt erscheint wie die Zwischenregierung eines Führers der Christenheit, dessen intellektuelle Fähigkeiten seine körperliche Stärke weit in den Schatten stellten. Wenn der neue Papst die Energie von Johannes Paul II. und den Reformgeist von Johannes XXIII. mitbrächte, könnte er eine Neuzeit für die Kirche und ihre moralische Autorität einleiten."

"Tagesspiegel": "Kirchenpolitik verstand dieser Papst"
"So gelang es dem Mann, der sich doch einen höchst politischen Namen als Papst gab - Benedikt als Friedensstifter und Europa-Förderer - dann nie, das Wesen der Politik zu fassen. Weltlicher Politik. Er geriet bei der Ablehnung der Homosexuellen-Ehe sogar in die Niederungen der italienischen Innenpolitik. Kirchenpolitik allerdings verstand dieser Papst sehr wohl, und nicht zuletzt, sie zu betreiben. (...) Lenkende Hand der Kirche bereits zu der Zeit, hart und durchsetzungsstark an den über Jahrtausende exerzierten Regeln festhaltend; konservativ und traditionell und leider abgewandt von dem, was ihn als jungen Konzilstheologen vielleicht einmal beseelt haben mag."

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz): "Papst blieb Deutschen fremd"
"Die vielen positiven Stellungnahmen (zur Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. in Deutschland) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Papst vielen Menschen in seinem Heimatland fremd blieb. In Deutschland wich die Freude über die erste Wahl eines Deutschen zum Papst seit fast 500 Jahren im April 2005 rasch einer Ernüchterung. Fast zu einem Desaster für das Bild Benedikts XVI. entwickelten sich die Vorgänge um die Wiederaufnahme der Piusbruderschaft in die katholische Kirche Anfang 2009. Als zeitgleich mit dieser Entscheidung ein Interview bekannt wurde, in dem Richard Williamson, Bischof der Pius-Brüder, den Holocaust leugnete, herrschte in deutschen Medien und auch unter Politikern wochenlang helle Empörung."

"tageszeitung": "Nichts ist gut"
"Gut, dass dieser Papst weg ist. Denn nichts ist gut. Nicht im Staate Vatikan und schon gar nicht im Rest der Weltkirche. Papst Benedikt XVI. ist es in seinem fast achtjährigen Pontifikat gelungen, die gegen den Katholen aus der deutschen Provinz gehegten Befürchtungen sogar zu übertreffen. An der Aufarbeitung der zahllosen sexuellen Gewaltverbrechen innerhalb seiner eigenen Institution zeigte der Stellvertreter Gottes so wenig Interesse wie an einer Auseinandersetzung mit der faschistoiden Organisation Opus Dei."

"Westdeutsche Zeitung": "Respekt und Anerkennung"
"Nach acht Jahren nun endet das Pontifikat des deutschen Papstes. Für seine historische Entscheidung hat Joseph Ratzinger Respekt und Anerkennung verdient. Anerkennung dafür, dass er die Bürde des Amtes im Alter von 77 Jahren klaglos auf sich nahm und seiner Kirche gehorsam diente. Respekt dafür, dass er wusste, wann es Zeit ist, die Macht abzugeben. Dazu sind nicht viele Mächtige fähig."

"Nürnberger Zeitung": "Benedikt hat den Weg frei gemacht"
"Viele sehnen sich nach einem inspirierenden Geist in der katholischen Kirche. Benedikt XVI. hat vielleicht ganz bewusst auch deshalb den Weg frei gemacht. Damit die alte Mutter Kirche neue Kraft schöpft. Denn das war stets ein Zeichen ihrer Vitalität: dass sie die Traditionen hochhielt, aber nach einem reiflichen Prozess des Nachdenkens immer auch am Ruder drehte. Nicht von ungefähr hat Benedikt in seiner gestrigen kurzen Stellungnahme vom "Schifflein Petri" gesprochen, das zu steuern ihm so viel Kraft gekostet habe. Will heißen: Auf den nächsten Papst kommt eine neue Kursbestimmung zu. Und das in stürmischen Zeiten."

"Politiken" (Dänemark): "Nicht viel Grund, dem Papst zu danken"
"Der Ruhestand sei dem bald 86 Jahre alten Papst Benedikt gegönnt. Andere sollen sein geistiges Format, sein Vermögen als Theologe und seine weitere Leistung als Nachfolger des Heiligen Petrus beurteilen. Aber mit rein weltlichem Blick betrachtet, gibt es nicht viel Grund, dem Papst zu danken. Ratzinger wollte die Kirche nicht erneuern. (...) Auch nach innen war er ein ausgekochter Konservativer. (...) Man muss hoffen, dass das bevorstehende Konklave den Mut hat, einen Mann zu wählen (...), der die Kirche öffnen und modernisieren kann. Und der veraltete Dogmen abschaffen kann, die die katholische Kirche zu einem Anachronismus werden lassen könnten."

"Märkische Oderzeitung": "Kirche als unbelehrbare Moralagentur"
"Statt das große Ganze, das hinter dem Leben Stehende, das große Warum zu verdeutlichen, ihm Raum zu geben, geriert sich die katholische Kirche nach wie vor als unbelehrbare Moralagentur, der man jedoch die Glaubwürdigkeit spätestens seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle, vor allem aber deren Vertuschung nur noch mit sehr viel gutem Willen abnehmen mag. Diesen wohl größten Imageschaden in der bisherigen modernen Kirchengeschichte hat der Papst gewiss nicht allein zu verantworten, er hat ihm jedoch durch sein auch in diesem Falle viel zu langes Schweigen Vorschub geleistet. Nicht nur sein Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen, auch diese Bilanz zeigt, wie menschlich, aber auch fehlbar ein Papst ist."

"General-Anzeiger Bonn": "Enttäuschung im Wir-sind-Papst-Land"
"Überhaupt ist nirgendwo auf der Welt die Enttäuschung über Benedikt größer als im Wir-sind-Papst-Land. Man wusste ja, dass hier ein ebenso scharfer wie scharfsinniger Dogmatiker zum Nachfolger des Apostels Petrus berufen wurde. Und doch hofften gerade die Deutschen auf so etwas wie Güte und Altersmilde ihres Landsmanns und darauf, dass tiefere Einsichten zu einem Wandel der katholischen Kirche führen würde. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte ja vor 50 Jahren unter Mitwirkung von Joseph Ratzinger beschlossen, dass die Kirche nach den Zeichen der Zeit forschen und diese im Lichte des Evangeliums neu deuten solle. Nun erwartete man gerade im Land der Reformation, dass Rom sich der Lebenswirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert stärker annähert. Doch das Gegenteil war der Fall."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Persönlichste, bewegendste Botschaft"

"Ein Mann von fast 85 Jahren mit einem schier übermenschlichen Pensum hat erkannt: "Ich kann nicht mehr. Es ist genug. Und es ist gut loszulassen." Das ist die vielleicht persönlichste, bewegendste Botschaft des gestrigen Tages. Und es ist auch das konservativste Signal des ganzen achtjährigen Pontifikats, eben weil es auf christliche Ursprungs-Ideale rekurriert. Viele andere kirchenpolitische Entscheidungen Benedikts XVI. dagegen zielten eher auf eine Form des Konservatismus, der Traditionen und Bräuche vor allem deshalb fortschreiben oder beleben will, weil sie alt und scheinbar ehrwürdig sind."

"Gazeta Wyborcza" (Polen): "Ratzinger geht als großer Papst in die Geschichte ein"
"Er ist fast 86 Jahre alt, hat Verantwortungsgefühl und weiß jetzt, dass die Kirche in einer schlechteren Situation ist, als sie sein Vorgänger hinterlassen hat. Hier die moralische Kompromittierung durch pädophile Geistliche, da die Streitigkeiten der Römischen Kurie wie bei Kindern im Sandkasten. ... Und doch muss so eine Entscheidung schwer fallen, sie geschieht erst zum zweiten Mal in der Kirchengeschichte. So tritt sie (die katholische Kirche) in einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte. Benedikt XVI. hat viel riskiert. (...) Josef Ratzinger geht als ein großer Papst in die Geschichte ein."

mlr/DPA/AFP/DPA

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