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Was, wenn es vor 100 Jahren schon Internet gegeben hätte?

Gäbe es dann einen "Kaiser-Wilhelm-Liveticker"? Oder ein Wikileaks für die Kriegspläne der Alliierten? Das Projekt Aera - Breaking History überträgt den Alltag von 1914 in die Jetztzeit.

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Zeichnung des Schülers Franz Przybyla

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand. Zeichnung des Schülers Franz Przybyla

Am letzten Juni-Wochenende des Jahres 1914 war es nicht übermäßig warm, aber sommerlich, die Kinder freuten sich auf die nahenden Ferien und die erzchristlich-monarchistische "Kreuzzeitung" beklagt die hohen Schulkosten in den Kolonien. "Die durchschnittliche Klassenbesetzung in Deutsch-Südwestafrika beträgt 19,2 Schüler, während sie im Königreich Preußen 51,1 Schüler beträgt. Die Kopfquote für einen Volksschüler beträgt rund 500 M. zu stehen, während das Deutsche Reich für einen Realschüler nur 284 M. aufzubringen hat." An diesem Samstag, den 27. Juni ahnte in Deutschland noch niemand, dass sich das Problem bald erledigen würde, und es im Vergleich zu den kommenden zwei Jahrzehnten ohnehin lapidar war.

Aera - Breaking History. Nicht aus der Geschichte lernen, sondern Geschichte nacherleben.

Aera - Breaking History. Nicht aus der Geschichte lernen, sondern Geschichte nacherleben.

Am nächsten Tag fällt der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz-Ferdinand in Sarajewo einem Attentat zum Opfer, als sein Konvoi versehentlich in eine falsche Straße einbiegt und beim Wenden dem 19-jährigen Gavrilo Princip vor die Flinte fährt. Der drückt zweimal ab und löst damit die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts aus - den Ersten Weltkrieg, dessen Auswirkungen bis ins Jahr 1989 nachhallen. Über die politischen Dimensionen (70 Millionen Soldaten und 40 Staaten waren beteiligt), die Opfer (in den "Stahlgewittern" starben zehn Millionen Menschen, 20 Millionen wurden verletzt) und die gesellschaftlichen Umwälzung (Ende des "bürgerlichen Zeitalters", Aufstieg des Faschismus) wurde viel geschrieben. Wie aber die Menschen vor Kriegsausbruch und während der "Julikrise" lebten, was ihren Alltag bestimmt, über was sie sich sorgten und freuten, ist fast aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden.

Reklame für Wohnen auf Tempelhofer Feld

Hätte es damals schon das Internet gegeben oder soziale Medien wie Facebook oder Twitter, ließe sich jetzt, 100 Jahre später, das Leben im Jahr 1914 präzise nachzeichnen. Diesen Versuch unternimmt das Projekt "Aera - Breaking History", das historische Quellen in moderne Medien übersetzt. Für die gleichnamige Nachrichtenseite wurden fünf zeitgenössische Zeitungen ausgewertet. Der Forschungsbereich "Art and Civic Media" der Leuphana Universität Lüneburg hat in mühevoller Kleinarbeit die Inhalte gehoben und digitalisiert. "Die Artikel bleiben im Wortlaut erhalten, werden jedoch in modernem Design und Schriftsatz präsentiert und mit Fotos und Illustrationen ergänzt", sagt Jutta Doberstein, Projektverantwortliche von der Uni Lüneburg. Selbst zeitgenössische Werbung ist eingebunden - Reklame etwa für immer noch bekannte Produkte wie "Odol Mundwasser", immer noch bekannte Probleme wie Übergewicht und für immer noch offene Fragen wie die Verwendung des Tempelhofer Felds in Berlin.

Wie in heutigen Nachrichtenseiten üblich, sind die Themen nach Ressorts gegliedert. Im Bereich Lifestyle etwa fallen alle Meldungen, die den Kaiser, seine Frau, die Thronfolger und deren Verwandte und Kollegen auf den anderen Thronen Europas betreffen. Am 27. Juni 1914 notiert die "Kreuzzeitung": "Seine Majestät der Kaiser besuchte heute Vormittag in Kiel den Earl of Brassey auf seiner Jacht 'Sunbeam' und den Fürsten von Monaco auf dessen Jacht 'Hirondelle'. Zur Frühstückstafel an Bord der 'Hohenzollern' waren geladen: die Konteradmirale Henkel, Schaumann und Jasper und die Gesandten Graf Botho Wedel und Graf Brockdorff-Rantzau." Das würde man heute sicher etwas anders ausdrücken, aber im Wesentlichen hat sich die "Hofberichterstattung" über Royals kaum geändert.

Interessen haben sich kaum geändert

Das ist eines der erstaunlichsten Dinge, die "Aera" offenbart: Wie sich die damalige und heutige Weltlage ähneln: Vor hundert Jahren gab es ebenfalls Guerillakriege, führten Nomaden ebenfalls einen Dschihad (gegen die Briten) und machten ebenfalls Jugendbanden die Vororte von Paris unsicher (die selbsternannten "Apatschen"). Auch die Interessen der Leser haben sich im Laufe der vergangenen zehn Dekaden nur geringfügig geändert.

Eine kleine Auswahl an Themen, die so oder so ähnlich auch heute noch zu finden wären:

Den Machern geht es aber nicht darum, dass man aus der "Geschichte lernen soll", wie Jutta Doberstein sagt. "Unsere Form der Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen des Sommers 1914 ist eine Möglichkeit, der jüngeren Generation zu vermitteln, dass die für uns heute so selbstverständliche Demokratie für die Protagonisten unserer Erzählung ein hart erstrittenes Privileg bedeutete."

Niels Kruse

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