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Eine Branche mit Steher-Qualitäten

Fehlende Freier, fallende Preise, falsche Hoffnungen: Im Puff herrscht tote Hose. Doch das Milieu gibt nicht auf. Discount-Bordelle, Wellness-Tempel und Sexpartys für jedermann sollen in die Zukunft führen. Die Kleinen des Gewerbes setzen auf Rabatte, Großinvestoren auf exotische Männerfantasien.

Von Kuno Kruse

Gastgeberin Nicci, Körbchengröße E, reißt entschuldigend die Schultern hoch. "Warte, muss mir nur schnell die Brust abwaschen", sagt sie, huscht splitternackt zur Dusche, wirft noch einmal den Kopf über die Schulter und verzieht den getünchten Schmollmund, "klebt so".

Es ist wieder "Party" in einem Hamburger Keller. An der Bar liebevoll zubereitete Schnittchen, Gurken, Würstchen, Kerzen, Konfekt und Kondome. Im Raum Sofalandschaften und viel sichtfreie Liegefläche für gruppendynamische Prozesse.

"Man muss sich immer wieder was Neues einfallen lassen", sagt die Gastgeberin, während sie an der Bar stehend einem Neuzugang hinter ihr den nackten Po über den Frotteegürtel reibt, dass sich sein Bademantel öffnet. "Sonst kannst du mit Ficken nicht mehr überleben."

Sonderangebot

Heute ist Aktionstag, zum Sonderpreis, mit, wie Nicci sagt, "allem Drum und Dran und Drin". Bei so vielen Schnäppchenjägern gehen nachmittags die Bademäntel aus, und Aushilfskraft Carmen klopft mit der Hand aufs Bett wie ein besiegter Ringer auf die Matte: "Pause! Ich kann nicht mehr."

Die Gäste: Handwerker, Techniker, IT-Berater und ein Hochschulprofessor. Gespräche am Tresen: HSV, die Börse, gespritzte Lippen und die süßen Welpen, alles wie unter Nachbarn in der Eckkneipe. Ein gerade ausgewachsener Michel aus Lönneberga, einfältig stolz dabeizusitzen, findet es "toll, was für Tricks die draufhaben und was für Spaß!" Die Party-Fee neben ihm rollt mit den Augen. Aber Nadja, seit Stunden bestiegen, stimmt ein: "Besser hier, als in einem Puff Stunde um Stunde auf einen Freier zu warten."

Denn es herrscht Baisse in den Bordellen, Depression in vielen Rotlichtbars, wo einsame Frauen, vom eintretenden Gast aus dem Halbschlaf gerissen, gelangweilt die Beine übereinanderschlagen. Die Münder formen sich zu einladendem Lächeln, eine springt zur Tanzstange, als hätte jemand ein Geldstück in einen Automaten gesteckt. "Wenn du heute mit 50 Euro nach Hause gehst, kannst du zufrieden sein", sagt eine Dame, die schon so viele Jahre auf einem Barhocker wartet, dass sie auch kleine Scheine als persönliches Kompliment zu nehmen weiß. "Zu Hause fällt mir doch nur die Decke auf den Kopf."

Besserer Überblick

4300 Prostituierte veranschlagte die Polizei vor zehn Jahren allein in Hamburg. Heute hat sie nur noch 2400 auf dem Schirm, in Laufhäusern und Klubs, an Bordsteinen und in den rund 350 "Modellwohnungen", die über das ganze Stadtgebiet verstreut sind. "Die Differenz ist auch darauf zurückzuführen, dass wir heute einen besseren Überblick haben", sagt Detlef Ubben, Leiter der Milieu-Dienststelle des Hamburger Landeskriminalamts, "aber es sind tatsächlich viel weniger geworden."

Auf der Großen Freiheit überstrahlen Disco-Spots das betagte Rotlicht. Angesagte DJs, aseptischer Tabledance und Discount- Kneipen statt abgenutzter Separees.

Die bedrängte Reeperbahn ist das Schaufenster eines Strukturwandels, der die Rotlichtzonen der gesamten Republik durchzieht: In Hannover hat sich das verruf ene Steintor zur Partyzone aufgebrezelt. In Köln wirbt das einst so erfolgsverwöhnte Großbordell Pascha mühsam um Kunden: Shuttle-Service für das ganze Ruhrgebiet, Seniorennachmittage, halber Preis für Golfspieler, 30-Euro-Expresstage bei den "Girls" in der ersten Etage oder Aktionen wie Tatjanas "Blasrekord": 148 Ergüsse in sieben Stunden - alle drei Minuten einer. Als wäre es eine Clownsnummer auf dem Sommerfest im Autohaus.

Digital gesteuerte Triebabfuhr

Die Kleinanzeigenseiten der Boulevardblätter sind ausgedünnt. "Modelle" jeden Alters, jeder Nationalität und jeder Gewichtsklasse präsentieren sich heute, die Beine gespreizt, im Internet, bieten günstig alle Stellungen, Naturmund oder Natursekt, Spanisch, Griechisch, Russisch, Kaviar - manierliche Code-Worte für wenig distinguierte Vorlieben. Schon fürchten Marktpessimisten die digital gesteuerte Triebabfuhr via Internet. Ein erheblicher Teil der Nachfrage erledigt sich inzwischen manuell am Bildschirm.

Pfennigfuchsende Freier tauschen sich in Foren über Preis-Leistungs-Verhältnisse aus, "erste Stellung hinten, kaum mitgegangen", oder sie klagen über abtörnende Kommentare wie "Na, wird's bald?" oder "Geht doch …". Dabei geht es in den Foren eher um Dienstwillig- als um Freundlichkeit, und mancher Kommentar offenbart tiefste Menschenverachtung: "Da stehe ich doch lieber auf verschleppte Ausländerinnen, albanisch."

Die Chance, auf solche Verbrechensopfer zu treffen, wird in Veröffentlichungen auf 1:10 geschätzt. "Da gibt es keine wirklichen Zahlen und gar nicht so viele Fälle", sagt Ubben, "95 Prozent kommen mit Absicht als Prostituierte nach Deutschland." Doch viele unter falschen Annahmen. "Irgendwann erreichen sie einen Punkt, an dem sie sich verweigern." Dann erst spüren sie die Knute. Die Frauen werden in Schuldenfallen gelockt und so zu Sklavinnen gemacht, die die angeblichen Unkosten ihrer "Vermittler" niemals abarbeiten können. Es sind keine Gitterstäbe, es sind die Angst vor Prügel und die Drohungen gegen die Familien in der Heimat - und manchmal einfach die Scham -, die sie von der Flucht abhalten.

Rumäninnen ohne Opferbewusstsein

Die Wahrscheinlichkeit, auf kriminelle Strukturen zu stoßen, ist vor allem in versteckten Ecken des Gewerbes hoch, wo es keine Puffmütter mehr gibt und auch kein Milieu. So verdrängen in Großfamilien eingebundene Rumäninnen mit "20 Euro, alles machen" in Hamburg-St. Georg willenlose Heroinmädchen. Für die jungen Frauen ist Misshandlung oft der Väter Art. "Sie haben keinerlei Opferbewusstsein", sagt Ermittler Ubben.

Für die Frauen des Gewerbes verschärft die EU-Erweiterung die Krise. Die Alteingesessenen wie Uschi aus dem Ruhrpott schimpfen auf die "Billigweiber", die für 20 Euro alles machen. "Aber dann", sagt sie und hält inne, als hätte sie sich selbst ertappt, "siehst du das Schicksal dahinter." Gerade habe sie in einem Laufhaus im Ruhrgebiet wieder junge Tschechinnen getroffen. "Ein ganzer Bus voll, alle rübergekauft. Dürfen nicht raus, verdienen das Geld nicht, sich freizukaufen. Bekommen eine Schachtel Zigaretten am Tag und zehn Euro zum Essen." Nach einem tiefen Zug aus der Mentholzigarette sagt sie: "Ich würde sie so gern alle mitnehmen und nach Hause bringen."

Mechthild Eickel von "Madonna e. V.", einer Bochumer Beratungsstelle, hilft vor allem legal arbeitenden Prostituierten beim Ausstieg. Hier ist das Hauptproblem weniger Zwang und Menschenhandel, sondern der "Mangel an Alternativen". Für schlecht ausgebildete Frauen hießen die "Ladenkasse oder Fließband". Und viele verglichen einfach die Einkommensmöglichkeiten: "Stärker ausgebeutet als im Bordell fühlen sich diese Frauen im Supermarkt oder in der Fabrik."

Prostitution statt Sozialamt

Vicky aus Hamburg wusste schlicht nicht weiter. Das Kind klein, der Vater weg, die letzten 50 Mark im Portemonnaie in eine Kleinanzeige investiert. "Ich war zu stolz, zum Sozialamt zu gehen." Arbeiten konnte sie nur zu Hause - "das Kind". Der erste Freier, sagt sie, "hat mich die ganze Nacht vorgenommen, ich hab am ganzen Körper gezittert". Er zahlte viel zu wenig. "Danach hab ich mich erst mal nach den Preisen erkundigt." Das war der Einstieg. Heute ist sie selbstbewusster, ihre mollige Figur ist ihr Kapital: "Eine Dicke muss immer da sein."

Der Ausstieg "kommt bei vielen erst mit dem Älterwerden", sagt Mechthild Eickel, "das wird einfach zu anstrengend". Bis dahin aber wollen viele Frauen nicht als Opfer gesehen werden. Sie nennen sich "Sexarbeiterinnen", und zu ihrer Selbstbestimmung gehört auch, selbst zu bestimmen, wann, wie oft und mit wem sie Sex haben. Gegen Geld.

Doch der Markt ist eingebrochen, die Krise sortiert das Gewerbe neu. Nach dem Vorbild der Elektronikmärkte lockt jetzt auch die Erotikbranche mit dem Preis. So findet der Kunde zum Beispiel in Berliner Pornokinos schon für 30 Euro flotte Bedienung. "Bei jeder schlechten Konjunkturmeldung wird der Geldbeutel fester zugeschnürt", sagt Kinobetreiberin Moni, und so bieten ihre legalen Ich-AGs freundlichen Service, der nur noch zehn Euro über den Tarifen der Straßenmädchen liegt.

Catwalk und Chip

Ein weißes Häuschen, vierspurige Durchgangsstraße im Hamburger Osten. "Geiz macht geil" ist gelb auf grün an die Fassade gemalt. Eine Ampel am Eingang regelt den Verkehr, rot bedeutet, der Laden ist voll. Meist steht sie auf Grün. Eine Empfangsdame drückt auf einen Knopf, Models schreiten über einen imaginären Laufsteg, wie bei einer Wäscheschau, geben höflich die Hand, stellen sich kurz vor und verschwinden wieder im Warteraum. Erscheint ihre Nummer auf der elektronischen Anzeige, sind sie ausgewählt. Der Kunde kauft einen Chip: 38,50 Euro für Französisch und Verkehr.

Mineralwasserflaschen, Schminkutensilien, Dessous und Pizzakartons: Der Warteraum des Personals erinnert an die Garderobe einer Balletttruppe. Gründe, hier auf die Nummer zu warten, nennen die Sexarbeiterinnen viele: das knappe Geld, die Steuernachzahlung, der fehlende Hortplatz. Mütter, die hier anschaffen, sind oft alleinerziehend. 20 Euro pro Kunde bleiben beim Standardprogramm bei ihnen. Sonderwünsche werden extra berechnet. Mary, kinderlos, lässt sich gerade eine Harley- Davidson zusammenbauen. Im Geizhaus macht es die Masse.

"Sex als kalkulierbare Dienstleistung, einfach zum Entladen", sagt Doris Gutsche, 27 Jahre im Milieu und eine der drei Betreiberinnen des Geizhauses. Auf die Reeperbahn hätten sie sich wegen des Machtgefüges nie gewagt. "Hier draußen sind wir keine Konkurrenten." Die 2002 von der rot-grünen Bundesregierung durchgesetzte Legalisierung der Prostitution hat Bordellinhabern eine völlig neue Option ermöglicht: "Wir können jetzt die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen." Das konnten sie davor nicht, ohne selbst Ärger mit dem Gesetz zu riskieren. Früher galt jedes gewaschene Laken schon als Förderung der Prostitution. Heute hat Doris Gutsche Beschützer und Kampfhund auf das Altenteil verbannt.

Supermärkte des Beischlafs

Wenn das Geizhaus der Discounter ist, bilden die Laufhäuser den flächendeckenden Einzelhandel. In fast jeder größeren Stadt stehen diese Supermärkte des Beischlafs. Überall locken als legale Sonderangebote Frauen aus Bulgarien, Rumänien, Polen und dem Baltikum: "Kommst du verwöhnen? 50 Euro." Ein Preis, der sich bundesweit eingependelt hat.

Viele Huren wechseln von einem Laufhaus zum anderen oder kommen als "Terminfrauen" vorbei, gern dort, wo gerade Messe ist. Die Mieten für die Zimmer, in denen sie während ihrer Tourneen auch wohnen, liegen zwischen 50 und 150 Euro die Nacht, inklusive Wäsche und Security, die auf Klingeldruck im Zimmer steht. Aus den Mieten können bei zu wenigen Feiern genannte "Blockschulden" entstehen, die Frauen mühsam abbezahlen müssen. "In den Hauptstoßzeiten während der Messe arbeitest du dich wund, um die Blockschulden abzubezahlen" sagt eine ehemalige Prostituierte, die inzwischen in einen Pflegeberuf gewechselt ist. In einigen Bundesländern zieht nach dem neuen Gesetz der Bordellbetreiber auch gleich die Abschlagszahlung fürs Finanzamt ein. Es gibt Laufhäuser mit Kantinen und auch einige wegen der guten Verdienstmöglichkeiten sehr gefragte Häuser mit Wartelisten. Marktplatz des Wandergewerbes sind ausgerechnet die Anzeigenseiten in der Hausfrauen-Postille "Heim und Welt".

Die Betreiber müssen aufpassen, dass ihnen die Lieferanten keine Zwangsprostituierten auf den Flur stellen, sonst droht Anklage wegen Unterstützung des Menschenhandels. Ein niedersächsischer Bordellchef berichtet von sogenannten Agenturen, die ihm Frauen vermittelt hätten. "Und dann wollten sie bei denen abkassieren." Das stellte er ab. Rainer Lederer, Laufhaus- Betreiber im schwäbischen Sindelfingen, sagt: "Normalerweise rufen Frauen an, um sich zu bewerben, aber wenn mich ein Mann anruft und wenn er dann auch noch zwei oder drei Frauen anbietet, lege ich auf." Lederer war Getränkehändler, sein Kompagnon Immobilienmakler. Sie wollen keinen Ärger.

Damals gab es keine Frau ohne Luden

Der gehörte im Milieu früher immer dazu. Uschi zum Beispiel, die großbusige Herzensdame aus dem Pott, hat schon einiges hinter sich: einen zerschmetterten Kiefer, Messerstiche, einmal eine Kugel gefangen, und einmal hat ihr Lude sie an den Füßen aus dem Fenster gehalten. "Es war nicht alles rosarot." Als sie in den Siebzigern anfing, kam keine Frau ohne Lude in den Puff. Und kein Mann galt dort als Kerl, der nicht selbst eine Frau "laufen" hatte.

LKA-Dienststellenleiter Ubben geht davon aus, dass in Hamburg noch heute hinter 90 Prozent der Frauen jemand anderes steht. Das kann ein Zuhälter sein, der sie ausbeutet, oder ein Ehemann, der sich am Haushaltsgeld bedient. "Mitunter", sagt Ubben, "ist es aber auch eine Frau." Doch nur bei "krimineller Ausbeutung" schreiten seine Leute ein. "Wir haben nichts gegen Prostitution", sagt er, "wir wollen nur, dass diejenigen, die sich dazu entschließen, das aus freien Stücken tun."

Die meisten Bordsteinschwalben, die auf der Reeperbahn gleich neben der Davidwache stehen, haben einen festen Freund. Den haben sie in einer Disco kennengelernt, so wie Mandy aus "sag ruhig Mecklenburg", die so lüstern die Lider senken kann. Er sei nett und stark, liebe sie und verlange gar nichts. Irgendwann werde sie mit ihm weggehen. Mädchenträume, die schnell zu Albträumen werden.

"Es wird abgedrückt. Alles!"

Es ist nicht das brandgefährliche Gemisch aus Kopflosigkeit und Kokain, das Frauen zu den Luden zieht. Vielen gefallen die Jungs mit den Pumpmuskeln, die ihre Panerai-Uhr zum Glitzern aus den Hummer hängen. Irgendwo ist immer Party im Milieu oder Boxkampf, ein paar Schauspieler sind da und andere Semi-Prominenz. Er spendiert Urlaub auf Ibiza, wenn sie gut ist, und große Brüste aus Silikon. Huren spannen sich gegenseitig Zuhälter aus, Zweitfrauen versuchen, die Erstfrauen durch Arbeitsleistung zu verdrängen. "Ich muss kaum poussieren", sagt ein Lude, "ich sage nur: Wenn du mit mir zusammen sein willst, muss Knete rüberkommen." Denn hier gilt: "Es wird abgedrückt. Alles!" Die Mädchen leben von dem, was die Zuhälter auf den Nachttisch legen.

Reich wurden durch die Prostitution meistens nur Männer. So sind es die klassischen Zuhälter, die jetzt die Preise hochhalten - und denen die Kunden weglaufen. Fallende Umsätze lö sen über Nacht Revierkämpfe aus. Es gärt im Milieu. "Die Sitten verfallen", stellt eine Hamburger Kiez-Autorität fest.

Nur auf St. Pauli ist Gummi noch Pflicht. Dort, wo kein Neonlicht mehr leuchtet, wird es gefährlich. Jakob, südländischer Typ, wundert sich über das Geschäftsgebaren mancher Kollegen aus den Billigpuffs abseits der Meile. Er kennt all diese "kleinen Bushidos", die ihrer Frau gerade mal einen Zwanziger zurücklassen und den Rest verzocken. "Dann krakeelt sie, er schlägt zu, ihr Auge ist blau, sie kann sich so nicht hinstellen, und sie sind die ganze Woche ohne Knete." So blöd könne man doch gar nicht sein.

Selbstbestimmtes Arbeiten

"Heute braucht keine mehr einen Zuhälter", sagt Uschi, die sich in schweren Kämpfen von den Kerlen befreit hat. Tatsächlich haben sich vielerorts ludenfreie Bordellstrukturen etabliert. Nicht wenige Etablissements werden von Frauen geführt. Vorbild ist Berlin, wo es nie Sperrbezirke gab und sich daher eine völlig andere Rotlichtkultur entwickeln konnte. In der Hauptstadt verteilen sich plüschige Wohnungen über die Bezirke, oft geleitet von Frauen. So mancher Klub ist ein solider Familienbetrieb.

So hat die eingesessene "Villa Rascona", mit dem Ambiente eines Fellini-Films, völlig unberührt von dem, was als das klassische Milieu gilt, gerade seinen Generationswechsel vollzogen. Heute steht Soy, die junge Inhaberin, in Jeans und T-Shirt hinter dem Bar-Tresen. Ihre Eltern haben darauf bestanden, dass sie erst einmal ihr Biologie-Studium abschließt, bevor sie den Nachtclub von ihnen übernehmen durfte, zusammen mit ihrem Ehemann, der nachts die Gäste empfängt und tagsüber an seiner Promotion arbeitet. "Aber ich glaube," sagt Soy, "ich bin die einzige Biologin in dem Gewerbe."

Frauen, die hier auf Freierfang gehen, wissen das Familiäre zu schätzen. Nicht jede nimmt in jeder Nacht einen Gast mit aufs Zimmer. Zum Job gehört nicht nur der Sekt, sondern auch das Warten. Und manche der Frauen hat es hierher eher verschlagen, als das sie jemand hineingezogen hat. "Wir hatten ein Kind, dann kam die Trennung," sagt eine der Frauen, "ich wollte niemanden mehr in der Disco suchen." Ihre Kollegin hatte einen eigenen Kiosk, aber dann, sagt sie "kam die Steuernachzahlung." Stefanie Klee, Elder-States-Woman der Hurenbewegung, erklärt, dass sich vor allem in der Berliner Wohnungsprostitution viele milieufrei halten können." Die Autorin Tamara Domentat hat im Rahmen des "Förderprogramms Frauenforschung" des Berliner Senats die Szene erkundet. "Viele Frauen arbeiten aus eigenem Antrieb", schreibt sie. Und "selbstbestimmt". "Der Bordell-Alltag wird von Menschen organisiert, die sich an den Gepflogenheiten und zivilen Umgangsformen regulärer Arbeitgeber orientieren." Manche Frauen reize nicht nur das Geld, sondern Neugier und der Tabubruch. Von Politik und Nachbarn jahrzehntelang geduldet, wurden "Modellwohnungen" jetzt mit Verweis auf das Baurecht geschlossen. Besonders engagiert zeigt sich ein Baustadtrat der CDU, der gegen Großbordelle starker Investoren in Gewerbegebieten allerdings keine Einwände erhebt. Solche großen Anlagen liegen im Trend.

Vorbild ist der Augsburger Klub Colosseum. Es ist Vormittag, und in der feuchtwarmen Luft der Wellness-Landschaft sitzen einige junge Frauen beim Frühstück. Mittags wird geöffnet. Nadine findet es gut, hier zu arbeiten, auch wegen der Duschen, "denn manche stinken, das geht gar nicht". Ihr ist es wichtig, dass sie hier jeden Freier ablehnen und kommen und gehen kann, wann sie will. Sie verbringt hier die Wartezeit auf den Studienplatz in Maschinenbau. Hier wird auch noch richtig Umsatz gemacht. Der Freund ihrer Kollegin Anja möchte, dass die aufhört. "Aber man kann nicht wieder als Arzthelferin arbeiten, wenn man sich an das Geld gewöhnt hat."

Luxustempel wie das Colosseum, das Morgenland in Ulm oder das gerade eröffnete Paradise beim Stuttgarter Flughafen sind die neuen Kapitalanlagen des Gewerbes. Arabische Bögen, Säulen, Mosaike, Bodenlampen, Beduinenzelte: 5500 Quadratmeter orientalische Männerfantasie. Türkisches Dampfbad, gläserne Sauna, Schneekabine, Zigarrenlounge mit Kamin, nackte Frauen auf tausendundeinem bestickten Kissen, Schaukeln und Diwans und auf der Galerie der Business-Raum mit Computer und Internet - für den Job nach dem Blowjob.

Transparente Struktur

Ein Paradies voller Jungfrauen, in das zu gelangen sich niemand in die Luft sprengen muss. Die Pforte öffnet sich für 69 Euro, Liebesdienste extra. "Wir sind ein gläserner Laden", versichert Klubbesitzer Jürgen Rudloff. Neben den freiberuflichen Haremsdamen arbeiten hier noch 40 Festangestellte in der Gastronomie. Jeder Cent wird in das elektronische Abrechnungssystem eingetippt. Der Unternehmer kassiert für das Finanzamt bei den Huren einen Steuerabschlag von täglich 25 Euro.

Den Frauen wird einiges abverlangt, auch an Überwindung und Risikobereitschaft: Geblasen wird ohne Kondom. Sechs Millionen Euro haben Unternehmer aus der Region in das Projekt Paradise investiert. Es soll nun zur Marke werden und irgendwann vielleicht an die Börse gehen.

Unternehmensberater Ralf Reitz, der Rudloff auf dem Behördenweg begleitete, sieht trotz der Krise auch Chancen. Denn die knapp 400.000 in Deutschland tätigen Prostituierten machen immer noch einen Jahresumsatz von 14,5 Milliarden Euro. Das mache dieses Geschäft auch für seriöse Investoren interessant. "Die Leute, die jetzt einsteigen, sind nicht mehr die mit den tätowierten Armen."

Albaner-Toni will eine Großanlage bauen

Dennoch hegen die Behörden den Verdacht, dass die Vermögen nicht so seriös verdient wurden, wie sie jetzt reinvestiert werden. In Hamburg, zum Beispiel, will der auf dem Kiez bekannte Albaner-Toni so eine Großanlage im Industriegebiet bauen, da, wo jetzt der Straßenstrich ist.

Haki Simsek, Betreiber der Fünf-Millionen-Euro-Investition FKK-Club Artemis in Berlin, sieht das alles sehr gelassen. "Der Gesetzgeber ist auf dem richtigen Weg", sagt er. "Denn seit 2002 kann man alles auf solide Beine stellen." Simsek hat sein Geld mit Spielautomaten in Würzburg gemacht, "wir sind alle auf der Straße groß geworden". Er erkennt eine Zeitenwende: "Es geht auf die legale Schiene oder gar nicht mehr. Die meisten haben das verstanden, der Rest wird untergehen."

Auf der Beerdigung von Indianer-Aki waren im vergangenen Sommer in Frankfurt alle noch einmal zusammengekommen, die Luden, die Boxer, die Rocker, die Albaner. Alle sagten dem Frankfurter Puffbesitzer und Rotlichtfürsten, der seinen Lebensmittelpunkt zuletzt auf Mallorca gefunden hatte, Adieu. "Könige wie Aki werden nicht jeden Tag geboren", sagt Simsek, "dieses Milieu wird es in zehn Jahren nicht mehr geben." Und so war die Trauerfeier im engsten Verbrecherkreis auch ein Abschied von einer Epoche.

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