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Die Freiheit, die er als Nazi suchte und nicht fand

Er marschierte mit. Er stand hinter der nationalsozialistischen Ideologie und warb den Nachwuchs an. Doch Gabriel Landgraf kamen Zweifel - und er stieg aus.

Von Joel Stubert

  Seit 2004 verhilft die Aussteiger-Organisation Exit Neonazis wie Gabriel Landgraf zu einer Rückkehr in die demokratische Mitte der Gesellschaft

Seit 2004 verhilft die Aussteiger-Organisation Exit Neonazis wie Gabriel Landgraf zu einer Rückkehr in die demokratische Mitte der Gesellschaft

  • Joel Stubert

Gabriel Landgraf empfand ihn als Befreiung. Jenen Moment, in dem ihn die Kameraden zur Rede stellten. Jahrelang war er Mitglied der rechtsextremistischen Szene gewesen, hatte sich einen Namen gemacht. Er wollte Deutschland im Sinne der rechten Ideologie verändern. Doch irgendwann kamen ihm Zweifel. Zweifel an den Inhalten und den Methoden der Neonazis und auch daran, dass das Vierte Reich die versprochene Freiheit bringen würde. Seinen inneren Rückzug bemerkten auch seine Kameraden, nachspioniert hatten sie ihm und so mitbekommen, dass er längst nicht mehr voll und ganz einer der ihren war. Er stellte sich und bezog Position - gegen das rechtsradikale Gedankengut und gegen seine eigene Vergangenheit.

"Ich hatte nur noch eine große Leere vor mir, war in einem Schwebezustand. Ich hatte alles verloren", erzählt der heute 35-Jährige im Anschluss an eine Podiumsdiskussion im stern.de-Verlagshaus von Gruner + Jahr zum Thema "Jugendliche im Visier von Rechtsextremisten - eine Gefahr?".

Neues Umfeld durch Exit

"Aus Freunden wurden plötzlich Feinde. Ich bekam Drohungen von ehemals engsten Vertrauten, hatte kein soziales Umfeld mehr", berichtet Landgraf. Die stets proklamierte Kameradschaft - nicht mehr als eine Worthülse. Sie galt nur unter der Bedingung ein und derselben politischen Gesinnung. Das war vor rund sechs Jahren. Seitdem ist es Landgraf gelungen, sich ein neues Umfeld aufzubauen. Verantwortlich dafür ist die Aussteiger-Organisation Exit. Viele Rechtsextremisten haben auch ihre kompletten privaten Freundschaften in der Szene, eine Loslösung fällt ihnen entsprechend schwer. Trotz der guten Arbeit mit Exit, für die er auch selbst Aussteiger begleitet, verfolgt Landgraf sein altes Leben immer noch. "Es ist ein langer Weg zurück, ich bin mir bewusst, dass ich Täter war, diese Taten bereue ich heute. Ich kann es nicht ungeschehen machen. Leider gibt es noch viele Leute, die mir mit Vorurteilen begegnen."

"Ich habe meine Freiheit gefunden"

Vorwürfen, rechtes Gedankengut könne man nicht einfach so abstreifen, entgegnet er: "Es ist ein Prozess und der bedeutet viel Arbeit und Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen. Ich habe mit dem damaligen Leben abgeschlossen." Bei dem Thema wird er pathetisch: "Ich habe meine Freiheit gefunden." Jene Freiheit, die er als Mitglied der rechtsextremen Gruppen "Berliner Alternative Südost" oder "Märkischer Heimatschutz" suchte und von der er glaubte, sie in der rechten Ideologie gefunden zu haben. Als die Theorien später einstürzten, "war das schon hart".

Weniger hart war der Einstieg: Sein Großvater, lange nach dem Zweiten Weltkrieg noch überzeugter Nationalsozialist, erzählte ihm als Kind "von früher". Fasziniert von dessen Abenteuergeschichten, identifizierte sich der Spross mit Opas Biografie. Auf der Waldorf-Schule akzeptierte er zunehmend weniger Äußerungen gegen Nazis, verstand dies als Angriff gegen seinen geliebten Großvater.

Er begeisterte die Kinder - und stieg aus

Mit 13 begann Landgraf sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, sieben Jahre später trat er rechten Organisationen bei. Schnell stieg er auf, rekrutierte später sogar in Berliner Problembezirken Mitstreiter. "Wir haben da weitergemacht, wo die Sozialarbeit aufgehört hatte." Sie veranstalteten unverfängliche Fußballspiele oder Fahrten an den See und so gelang es den Neonazis leicht, die Jugend an sich zu binden. Schnell gaben sie den Einsteigern mehr Aufgaben. "Mit kleinen Jobs wie Aufkleber und Flyer verteilen oder Graffiti sprayen ging es auch bei mir los", schildert Landgraf.

Zum Umdenken führte dann das Bewusstsein der Verantwortung für die zweifelhaften Karrieren vieler Kinder und deren verbaute Perspektive. "Es gab mehrere Schlüsselerlebnisse", sagt Landgraf. "Einmal machte mich eine Mutter für den Gefängnisaufenthalt ihres Sohnes verantwortlich." Nach langem Überlegen distanzierte sich Landgraf mehr und mehr, bis er schließlich Exit kontaktierte. Es folgte der Bruch mit der eigenen Vergangenheit.

Mit Übergriffen muss er rechnen

Sein neues Leben brachte Landgraf ganz neue Erfahrungen: "Jetzt lebe ich einfach unbeschwerter. Ich genieße die Freiheit, genieße die Toleranz und die Bereicherung, die für mich durch die demokratische Gesellschaft entsteht." Er wirkt geläutert. Noch verlaufe sein neues Leben nicht reibungslos, oftmals werde er mit der Vergangenheit konfrontiert, nicht zuletzt durch seine Arbeit für "Exit".

Mit Übergriffen durch ehemalige Kameraden muss der Aussteiger auch rechnen: "Aber ich will keine Angst haben." Er weiß, dass die Szene die Verbreitung von Angst als ihre stärkste Waffe betrachtet. Er selbst hat dieses Spiel jahrelang aus dem innersten Zirkel heraus mitgespielt. Dennoch müsse er selbstverständlich einige Vorsichtsmaßnahmen treffen. "Ich weiß noch, in wie vielen Berufen Nazis sitzen, in Bezirksämtern oder anderen Bereichen in der Mitte der Gesellschaft. Solche Leute füttern das System natürlich mit Geld oder wichtigen Informationen. Deswegen muss ich vorsichtig sein." Seine genaue Adresse und seinen Namen gibt er deshalb erst nach einigem Zögern frei.

Landgraf studiert Soziale Arbeit. Durch sein Wissen um die rechte Szene und die eigenen Erlebnisse als Ausstiegshelfer bei Exit kann er im späteren Berufsleben mit praktischer Erfahrung glänzen, die selten ist. Dennoch mag er nicht mehr allzu viel über damals sprechen. "Es wühlt mich einfach zu sehr auf."

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