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Deutschland ist wieder Missionsgebiet

1000 Jahre nach der Christianisierung sieht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche wieder akuten Missionsbedarf in Deutschland.

Deutschland ist nach Ansicht der evangelischen Kirche wieder Missionsgebiet. Der "dramatische Rückgang" der Kirchenmitgliedschaft in der DDR sei ebenso wenig ausgeglichen worden wie eine "schleichende Erosion der Kirchlichkeit" in vielen Bereichen der alten Bundesrepublik, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Berliner Landesbischof Wolfgang Huber, am Donnerstag in Kassel. "Die Einsicht, dass in all dem eine große missionarische Herausforderung liegt, nehmen wir eher zögernd auf; dass mehr als 1000 Jahre nach der Christianisierung unserer Region eine missionarische Situation entstanden ist, stößt sich mit dem Beharren in gewohnter Kirchlichkeit", so Huber zur Eröffnung der dreitägigen EKD-"Zukunftswerkstatt".

Die Kirche richte die Frage "Wie werde ich Christ?" allzu oft nur an Menschen, die ohnehin schon Christ seien, kritisierte Huber. Sie müsse sich aus einer "dreifachen mentalen Gefangenschaft" befreien. Das sei zum einen die Gefangenschaft im eigenen Milieu: "Zu überlasteten Müttern fällt uns der Zugang ebenso schwer wie zu verbitterten Hartz-IV-Empfängern." Hinzu komme eine "geistliche Furchtsamkeit": "Die Angst, für zu fromm gehalten zu werden, ist groß." Die dritte "mentale Gefangenschaft" sei die eines geistlichen "Lebens auf Pump" durch einen Aktivismus: "Wir fordern die Kräfte von beruflichen wie ehrenamtlichen Mitarbeitern bis zum Äußersten, ohne nach Notwendigkeit und Sinn der geforderten Aktivitäten zu fragen." Der Reformprozess der Kirche sei deshalb auch ein "Aufruf zu mehr Gelassenheit".

"Wir brauchen Werte, damit uns die Freiheit nicht überfordert"

EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt sagte, dass die Zukunftswerkstatt beim Aufbruch der evangelischen Kirche helfe. "1200 Teilnehmer aus allen 22 Landeskirchen, der Diakon genauso wie die Theologiestudentin oder der Kirchenmusiker. Hier diskutiert wirklich die ganze Kirche." Der Zukunftskongress sei "einerseits Stuhlkreis, andererseits Groß-Event".

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte auf dem Kongress, die neuen Medien wie das Internet drohten das Leben oberflächlicher zu machen. "Die ständige Erreichbarkeit und die schnelle Kommunikation führen zu einem Zwang zur sofortigen Reaktion. Für eine wohlüberlegte, abgewogene Antwort ist oft kein Platz mehr." Zuweilen scheine die Gesellschaft "das Maß zu verlieren". "Wir brauchen Werte und Orientierung, damit uns die scheinbar grenzenlose Freiheit unserer Gesellschaft nicht überfordert", sagte Schäuble. "Die Antworten auf diese Fragen muss die Politik, muss aber auch die Kirche finden."

DPA/DPA

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