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Sarrazins Hasspredigt

Das Sachbuch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin sorgte für Verkaufsrekorde und Empörungswellen. stern.de hat noch einmal nachgelesen. War die ganze Aufregung gerechtfertigt?

Von Frank Thomsen

Es ist das meistverkaufte Sachbuch des Jahres, gar des Jahrzehnts: "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Ob es auch das meistgelesene Sachbuch ist, weiß niemand. Wahrscheinlich ist das nicht. Das Buch ist im Grunde unlesbar. Thilo Sarrazin schreibt gestelzt, er wiederholt bis zur Erschöpfung, er zitiert lieber fünf Statistiken zu viel als eine zu wenig. Das Buch des Jahres ist für den Leser vor allem - ein zähes Ringen um jede Seite. Durchzuhalten nur, wenn man wissen will: Rechtfertigt der Text die Wellen der Empörung, das Parteiausschlussverfahren der SPD, ja eine regelrechte Hysterie - oder nicht?

Wer darauf eine Antwort sucht, muss 400 Seiten lesen, 46 Tabellen und Schaubilder anschauen und zu 538 teils ausführlichen Fußnoten blättern. Und stellt zunächst mal Harmloses fest: Das Buch ist in neun Kapitel aufgeteilt, sie handeln von Arbeitsmarkt und Bildung, von Armut und Geburtenraten. Es geht um Produktivität, Grundeinkommen, Hochschulabsolventenquoten, Pisa. Alles kreist um die Frage, ob die Deutschen auf Dauer intelligent, fleißig und tatkräftig genug bleiben werden, um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen.

"Deutschland schafft sich ab" ist in weiten Teilen ein faktendurchtränktes Wirtschaftssachbuch, das liberale Ökonomen gern schreiben und das es so oder ähnlich auch schon gibt - die Fußnoten verweisen auf entsprechende Bücher oder Zeitungsartikel. Einiges ist interessant, vieles nicht sehr originell, oft schwere Kost. Als Leser muss man sich durch Sätze quälen wie diesen: "Zerlegt man das sektorale Wachstum der Arbeitsproduktivität in die Faktoren Humankapital, Sachkapital und Multifaktorproduktivität, so zeigt sich, dass Deutschland bei der Produktivitätssteigerung des Humankapitals und der Multifaktorproduktivität seit Mitte der neunziger Jahre eher schlecht abschneidet." Aha!

Sarrazins Weltsicht teilt jeder Arbeitgeberfunktionär. Die Hartz-IV-Zahlungen liegen zu hoch. Statt mehr Geld bräuchten manche Empfänger einfach nur einen Kochkurs. Armut ist relativ - wer in Deutschland zu den Armen zählt, dem geht es noch gut. Soweit Sarrazin Lösungen anbietet, zeichnet er das Bild eines fordernden, strengen Staates, der besser als das Individuum weiß, was gut ist für den Einzelnen. So soll das Arbeitslosengeld gesenkt werden. Statt Geld für hilfebedürftige Kinder gibt es in Sarrazins Welt verpflichtende Ganztagskindergärten und -schulen. Kommt ein Kind zu spät zur Schule, wird den Eltern die Stütze gekürzt. Die Kinder will er nur an Wochenenden und abends zu ihren Eltern lassen, damit sie nicht zu viel Computer spielen, denn die fördern die Verblödung.

Der Skandal findet sich erst ab Kapitel sieben

Das ist ziemlich hartherzig, bisweilen skurril - aber skandalös? Skandalös ist das nicht. Um den Aufschrei zu verstehen, den es um das Buch gab, muss man bis Kapitel sieben und acht durchhalten. Hier geht es um Geburtenraten und muslimische Migranten. Die Fakten sind bekannt und bedenklich: Gebildete bekommen weniger Kinder als Bildungsferne. Muslimische Migranten, vor allem aus der Türkei, absolvieren nur selten die Hochschule, dafür kassieren überdurchschnittlich viele von ihnen Arbeitslosengeld. Und türkische Migrantenfamilien haben viele Kinder.

Das Thema ist gesellschaftlich brisant. Es zu behandeln, dringend nötig. Das hätte das Verdienst und die Leistung dieses Buches werden können: Die Geburtenkrise der eingeborenen Deutschen und die Bildungprobleme und zunehmende Ghettoisierung muslimischer Migranten sauber zu beschreiben und zu analysieren.

Doch das reichte Sarrazin nicht. Er nutzt die Fakten als Nährboden, auf dem er seine Theorien (die Gene!) und Ängste (Überfremdung!) züchtet.

Die Gene: Wenn die Dummen viele Kinder kriegen und die Schlauen wenige, dann verdummt Deutschland, weil Intelligenz in Teilen vererbt wird - also keine Hoffnung besteht. Mit Sarrazin: "Die Entleerung der unteren Schichten von intellektuellem Potenzial" ist weit fortgeschritten.

Die Überfremdung: Wenn muslimische Migranten weit mehr Kinder bekommen als christliche Deutsche, dann schafft sich Deutschland ab. Die Türken erobern Deutschland durch Fertilität. Verschärfend kommt für Sarrazin hinzu, dass viele von ihnen bildungsfern sind. Manche gar genetisch bedingt, so Sarrazin. Der "angeborene Schwachsinn", den er noch im versehentlich öffentlich gewordenen Manuskript vielen Zuwanderern aus der Türkei attestiert hatte, konnte ihm der Lektor ausreden - nun ist vorsichtiger von Erbkrankheiten die Rede. Verzweifelt ruft der Autor um Hilfe: "Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist." Und: "Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden."

Abstoßend Thesen über Muslime

Es wird nicht recht klar, vor wem es ihn mehr gruselt: vor dummen Menschen oder vor muslimischen Menschen. Bei den Migranten, von denen viele schlecht gebildet sind, ist die Sache für Sarrazin einfach: Entweder sie finden einen festen Job - oder sie haben hier nichts verloren. Da man das der deutschen Unterschicht so aber schlecht sagen kann und nicht mal Sarrazin empfiehlt, diesem Teil der Bevölkerung das Kinderkriegen zu verbieten, bleibt ihm hier als Lösung nur: Weniger Arbeitslosengeld, damit die Unterschicht es sich mit ihren Kindern nicht mehr so gemütlich machen kann, und Anreize für die Klugen. Frauen mit abgeschlossenem Studium sollen, schlägt Sarrazin vor, eine Wurfprämie von 50.000 Euro für ein Kind erhalten.

Man spürt, wie angewidert Sarrazin von Muslimen ist, wie sehr ihn die Sorge um eine Islamisierung Deutschlands umtreibt. Auch darüber hätte er skandalfrei schreiben können. Hat er aber nicht, weil er auf Relativierungen weitgehend verzichtet. Da rechnet einer ab mit Kopftuchträgerinnen und Mekka-Betern. Wenn sie so werden wie wir Deutsche, dann ist das okay, wenn nicht, hat er keine Verwendung für diese Menschen.

Sarrazin schreibt nicht mit heißem Herzen, sondern mit dem Blick eines Buchhalters. Seine Rüstung ist die Furcht, seine Klinge die Besoffenheit an der Wirkung seiner Provokationen. Seine Losung lautet: Das wird man doch mal sagen dürfen…

Darf man. Und als Leser darf man das abstoßend finden.

zum aktuellen Jahresrückblick 2011

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