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Respekt, Benedikt!

Es gibt viele Gründe, die katholische Kirche und den Papst sehr kritisch zu sehen. Benedikts Rücktrittentschluss verdient jedoch Hochachtung. Der Machtverzicht kommt einem Wunder gleich.

Ein Kommentar von Thomas Schmoll

Jeder Papst geht in die Geschichtsbücher ein. Aber kaum einer schrieb Kirchen- oder gar Weltgeschichte. Als Joseph Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 zum Papst gewählt wurde, hatte das schon etwas Historisches - allerdings ohne jedes eigenes Zutun des Bayern. Er war der erste Deutsche nach einem halben Jahrtausend, der zum Oberhaupt der katholischen Kirche gekürt worden war. "Wir sind Papst" - so titelte die "Bild"-Zeitung tags darauf. Nicht alle teilten die Freude, galt Joseph Kardinal Ratzinger doch als stockkonservativer Kirchenvertreter und "Großinquisitor". Heute können alle Deutschen stolz auf ihren Landsmann sein. Er hat Kirchen- und Weltgeschichte geschrieben - und das aus eigenem Antrieb. Sein Rücktritt als Papst ist ein Jahrtausendereignis im wahrsten Sinne des Wortes, er kommt einer Revolution gleich, ja, sogar fast einem Wunder.

"Verzeihung für alle meine Fehler"

Es gibt viele Gründe, die katholische Kirche und ihren höchsten Vertreter kritisch zu sehen. Da muss man gar nicht erst mit der Inquisition kommen. Das Nein zu jeder Verhütung ist anachronistisch, die Stellung der Frau absolut nicht zeitgemäß - und, und, und. Die Beurteilung von Joseph Ratzinger als Papst kann man natürlich nicht davon loslösen. Wohl aber seinen Rücktritt. Er ist ein selbstbestimmter Akt, der eine innere Einsicht vorausging. Dafür - man mag zur Kirche stehen, wie man will - muss man Joseph Ratzinger Respekt zollen und sich verneigen. Allein, dass er, der von Amts wegen her Unfehlbare, sagt "Ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler" verdient Hochachtung.

Erst ein einziger Papst seit der Geburt Jesu Christi - Gregor XII. war 1415 unter Druck zurückgetreten - hat sich aus freien Stücken dazu entschlossen, den Posten abzugeben. Es war Coelestin V., der 1294 dazu gedrängt worden war, das Amt zu übernehmen. Der Legende nach sagte er: "Wer bin ich, um eine so große Last, eine solche Macht zu übernehmen? Ich schaffe es nicht, mich selbst zu retten; wie soll ich da die ganze Welt retten?" Ein halbes Jahr später war ihm die Last zu viel geworden, er gab auf und wurde wieder Einsiedler. Als Grund nannte er auch seinen Gesundheitszustand.

Chance für eine Öffnung für Reformen

Papst Benedikt XVI. war acht Jahre lang im Amt. Seine Begründung geht in die Richtung seines Vorgängers. "Das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Köpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen." Seine Entscheidung habe er "im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes" getroffen.

In seiner Rücktrittserklärung stellt Benedikt fest: "Die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen." Das ist eine Erkenntnis, die aufhorchen lässt. Sie könnte ein Fingerzeig für kommende Generationen sein. Es wäre gewagt, die These aufzustellen, der Papst habe sich entschieden, einem jüngeren Reformator Platz zu machen und befürworte das sogar. Das wäre vermutlich überinterpretiert. Dennoch verschafft der Rücktritt der Kirche die Chance, den Heiligen Stuhl mit einem Nachfolger zu besetzen, dem nicht der Ruf des orthodoxen Hardliners vorauseilt.

Öffentliches Sterben seines Vorgängers

Der Vatikan, das wissen wir, ist ein Hort von Intriganten. Machtkämpfe gehören zum Kirchenstaat seit Jahrhunderten wie das Weihwasser zu katholischen Kirchen. Genau das macht den Rücktritt so wertvoll. Benedikt hat auf Macht, viel Macht, verzichtet und sich entschlossen, den Rest seines Lebens in einem Kloster zu verbringen. Papst Johannes Paul II. schrieb in seinem Tagebuch: "Und jetzt, in dem Jahr, indem mein Leben das achtzigste Jahr erreicht ("octogesima adveniens"), muss man sich fragen, ob es nicht Zeit ist, mit dem biblischen Simeon zu sagen: 'Nunc dimittis' ("nun entlässt du") ." Der Pole litt damals schon an der Parkinsonschen Krankheit. Interpretationen, dahinter hätten sich Rücktrittsgedanken verborgen, wurden schnell dementiert. Johannes Paul II. starb am 2. April 2005. Seine letzten Auftritte waren von schwerer Krankheit gekennzeichnet. Die Welt wurde Zeuge eines öffentlichen Sterbens. Seine Anhänger werteten das als Willenskraft, seine Kritiker sahen darin einen alten Mann, der einfach nicht von der Macht ablassen will. Papst Benedikt erspart sich und uns das.

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