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Der iPott

Lauter Superlative auf engem Raum: die meisten Arbeitsplätze, das meiste Bauland, der größte Binnenhafen, die meisten Universitäten und Theater. Im Ruhrpott herrscht Aufbruch. Keine Kohle mehr heißt hier nicht Feierabend, sondern Neubeginn.

Von Uli Hauser und Michael Streck

Diese Geschichte handelt von Kampf, welcher der Sage nach im Muttental bei Witten begann, wo ein junger Schweinehirte sich vor vielen Monden abends ein Feuerchen machte, das brannte und brannte und brannte und gar nicht ausgehen wollte, weil befeuert von Kohle unter der Wiese. So ging das los, im Mittelalter, eine großartige Erfolgsgeschichte zunächst. Aus Bauern wurden Bergleute, und aus den Wiesen wurden Zechen, und aus Dörfern wurden Städte, und aus den Städten wurde das Revier: der Kohlenpott, das Ruhrgebiet, der Pütt, der Schmelztiegel für Stahl und Eisen und Menschen. Immer entlang von Emscher und Ruhr, die am Rande der Winterberger Hochfläche entspringt und nach 220 windungsreichen Kilometern bei Duisburg in den Rhein mündet. Die Kohle lieferte die Basis, das Wasser sicherte das Leben, der Mensch machte sich die Erde untertan, und die Region wuchs und wuchs. Die Polen kamen zuerst, zu Tausenden, Hunderttausenden, und Multikulti war schon, ehe es das Wort überhaupt gab. Alsbald war das Revier ein gigantischer Flickenteppich, komplett unterkellert, von knapp 4500 Quadratkilometern - flächenmäßig größer als die Stadtgebiete von London, Tokio und Berlin zusammen. Nur sind London, Tokio und Berlin bekannter, glamouröser, schicker und schöner.

Nun, da die Welt in Ballungsräumen denkt, von global cities schwärmt und in Superlativen versinkt, will auch das Ruhrgebiet dabei sein. Als größte Stadt Deutschlands mit 5,3 Millionen Einwohnern. Als überraschendste Metropole und 2010 sogar als Kulturhauptstadt Europas. In Wahrheit hat der Ruhrpott ja alles, was eine Weltstadt braucht: die Menschen, die ethnische Vielfalt, Kultur, modernste Sportarenen. Forscher, Künstler, Visionäre und Spinner. Universitäten und Einkaufszentren so groß wie die Malls in Amerika. Naherholungsgebiete, Wälder und Parks. Paläste und Hütten. Milliardäre und Proleten. Thyssen-Krupp verlegt seine Firmenzentrale vom feinen Düsseldorf zurück nach Essen, Sir Norman Foster, britischer Architekt von Weltrang, gestaltet die Duisburger City neu. Der Pott ergrünt in Parks auf alten Halden, Zechen, Hütten, an Kanälen und an der Ruhr sowieso. Entlang der Emscher wird für insgesamt acht Milliarden Euro renaturiert. Aber wer weiß das schon außerhalb des Reviers?

Graue Bilder von gestern

Denn in den Köpfen vieler nisten die vermaledeiten grauen Bilder von gestern. Die vom Dreck aus den Schloten und Ruß, Pommes und Pils. Und von Ureinwohnern, die eine merkwürdige Sprache pflegen und sich konsequent den Regeln der deutschen Grammatik verweigern. Sagt der in Wanne-Eickel geborene Politologe Claus Leggewie, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen: "Viele glauben immer noch, dass du hier morgens aufwachst und dein Hemdkragen schwarz ist." Dann mahnt er: "Es muss endlich Schluss sein mit den Minderwertigkeitskomplexen!" Die Menschen hier dürften ruhig klotzen und nicht kleckern, Gutes tun und auch darüber reden. In einem Wort, das machen, was sie an sich verabscheuen: protzen. Aber angeben, übertreiben, ein bisschen die Wahrheit hübschen war noch nie die Stärke der Ruhrpötter.

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Für die Abteilung Prunk und Protz gibt es Zugereiste. Hanns-Ludwig Brauser aus dem Taunus ist Chef der Wirtschaftsförderung "Metropoleruhr". Der gelernte Verwaltungswirt verteilt dicke Mappen und Imagebroschüren, in denen steht, dass das Revier ungefähr so toll ist wie Tokio oder New York oder Greater London. Brauser ist gerade auf dem Sprung nach Kanada und Kalifornien für eine Werbekampagne. Er erzählt von Zukunft, von blühenden Landschaften und einmaligen Perspektiven. Ein Tremolo der Superlative ist das, ein Festival der guten Laune. 14.000 Hektar freie Fläche zum Bebauen, fast 100-mal mehr als Hamburgs Hafencity. 17 der 100 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands sitzen im Pott. Chemie, Logistik, Energiewirtschaft - alles Spitze. Nanotechnologie in Dortmund. Duisburg als größter Binnenhafen der Welt. Überhaupt, das dichteste Hafennetz. Fünf Unis, neun Fachhochschulen und eine Kunsthochschule. Obendrein einmalig günstiger Wohnraum. Brauser kann das runterspulen wie weiland Dieter Thomas Heck den Abspann der Hitparade, und wer ihm zuhört, könnte glatt meinen, dass der Ruhrpott im Jahre 2008 aus einer Abfolge von Zahlen, Schaubildern und Statistiken besteht.

Wer aber das Ruhrgebiet und seine Menschen wirklich begreifen will und eine Ahnung davon bekommen möchte, wie sie wurden, was sie sind, muss runter. Einfahren in den Berg, 1000 Meter tief und tiefer. In einem klapprigen Stahlkäfig abwärts in den Flöz, wo Gleise liegen und Züge fahren und Kohle ist. Den Bückling machen, sich durch Streben zwängen, eine verstaubte Nase holen und ein schwarzes Gesicht. Ein Kampf ist das, bis heute. Streng genommen heute erst recht, da sie über Tage die Geschichte des Reviers am liebsten auf Halde legen würden. Bergbau war gestern. "Von aufgetürmten Steinwänden behütet und bedroht, fressen wir uns täglich zwei Meter weiter in den Stein, in die Kohle, und wir wissen nicht, wo das Hineinfressen enden wird. Jeden Tag zwei Meter, jeden Tag dieselbe Arbeit. Der Erdenbauch ist unermesslich", schrieb Max von der Grün in seinem beklemmenden Bergarbeiter-Roman "Irrlicht und Feuer". Damals, 1963, knechteten 500.000 Kumpel, geblieben sind 31.000. Der Erdenbauch ist eben doch ermesslich. Im Jahr 2018 sollen die letzten Gruben dicht sein. Deutsche Kohle rechnet sich nicht mehr.

Wie anno dunnemals

Man sieht in einem Kilometer Tiefe in der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop hart arbeitende Männer im Flöz H, die wie anno dunnemals Unterwäsche aus Grobripp tragen, weil die sich nicht statisch auflädt. Man sieht auch ein großes, rotes Steuerungsmodul für die gigantische Fräse, die sich Tag für Tag zehn Meter tiefer in den Berg frisst. Die Maschine könnte im digitalen Zeitalter ebenso gut von Australien oder Indien aus gefahren werden, der Kumpel von heute weiß längst alles über Effizienz und Produktivität. Die Arbeit aber ist im Wesentlichen so, wie sie immer war: hart, schmutzig, gefährlich. Ludwig Vossbeck, Steiger, vierte Generation, spricht vom Stolz. Er hat nicht gezögert, als sein Vater sagte: "Du wirst Bergmann." Er wurde. Selbstverständlich wurde er. Und bedauert es nicht, "ein ehrenwerter Beruf ". Männer auf knappem Raum, die eine knappe Sprache sprechen. Kein Platz für Ellenbogen, zu eng dort unten. Das nahmen und nehmen sie mit ans Licht. Die Welt unten prägte auch die Menschen oben. Kumpel heißt Freund, Kollege, Kamerad. Das größte Kapital im Pott war nicht Kohle oder Stahl - es war stets der Mensch, der damals wie heute nach der Devise lebt: nicht unterbuttern lassen. Erst kämpften sie ums Überleben, danach kämpften sie um Arbeitsplätze, heute kämpfen sie eben um Anerkennung im globalen Wettbewerb.

Helmut Laakmann sitzt im "Reichsadler", einer legendären Tränke in der Nähe der mittlerweile abgewickelten Krupp-Hütte in Duisburg-Rheinhausen, und erzählt vom Kampf. Das Bier kostet einen Euro zwanzig, das Mittagessen drei achtzig. Früher, als Krupp hier das modernste Hüttenwerk Europas betrieb, war der Reichsadler rund um die Uhr geöffnet, "dreischichtig". Mittlerweile hocken dort Rentner beim Preisskat. Laakmann, 59, Kommunalpolitiker der Linken, war jener Arbeiterführer, der 1987 der von Entlassung bedrohten Belegschaft zurief: "Kruppsche Arbeiter, nehmt die historische Chance wahr, um das auszufechten, was wir ausfechten müssen." Rheinhausen machte trotzdem dicht, aber Laakmann erinnerte die Leute immerhin an ihren Stolz und half mit, einen ordentlichen Sozialplan auszuhandeln. Auf dem ehemaligen Hüttengelände hat sich nunmehr Logport angesiedelt, das Logistik-Zentrum des Duisburger Hafens, die jüngste Erfolgsgeschichte im Pott. Dort entstehen Tag für Tag neue Arbeitsplätze, und abends donnern die Lastwagen durch Rheinhausen, auf ihren Rücken die Container, und die Gläser wackeln auf den Tischen. Das Brummen der Lkws ist die Geräuschkulisse des heutigen Rheinhausen. Logistik ist so wichtig geworden wie ehedem Stahl, und so ist auch Rheinhausen angekommen im globalen Zeitalter.

Laakmann ergeht sich nicht in Trauer nach alten Zeiten, er ist kein Sozialromantiker, "war ja auch viel Scheiß". Und dann erzählt er doch eine Geschichte von früher, die für ihn exemplarisch den Menschenschlag Ruhr erklärt. Wie er, der Betriebsleiter und Boss über 500 Arbeiter, nächtens durchs Werk streifte und eine Putzfrau sah, die eine Bunkeranlage, voll mit Erz, steuerte, als der Meister mal kurz weg war. Laakmann fragte: "Wat machst du denn da?", und die Frau antwortete völlig verdutzt: "Jetzt mach hier mal nicht den Dicken, dat mach ich schon seit Jahren, ich kann das." Da musste Laakmann lachen, schenkte ihr eine Flasche Sekt und sagte: "Tu mir einen Gefallen, mach dat nie wieder." Laakmann nimmt einen Schluck Bier, er sagt: "Das ist es, verstehst du? Die Leute hier sind robust. Die packen zu. Die können improvisieren. Es gibt nirgendwo so viel Potenzial wie im Ruhrgebiet."

Der Pott ist Labor, Werkstatt oder Sandkasten

Sie müssten lediglich mehr an sich glauben und verdammt noch mal akzeptieren, dass im Ruhrpott alles Gute eben von unten kommt. Schon insofern sind Vergleiche mit London und Paris und Berlin obsolet. Wenn die Leute dort von "unten" sprechen, meinen sie maximal die U-Bahn. Das Ruhrgebiet ist anders, und das ist gut so. "Wir sind eher breitgeklopfte Dörfer, in wenigen Jahren planlos zusammengewürfelte Siedlungen, als über Jahrhunderte gewachsene Städte", sagt der junge Dortmunder Oberbürgermeisterkandidat Jörg Stüdemann (SPD). Er vergleicht den Pott wahlweise mit einem großen Labor, einer Werkstatt oder einem Sandkasten. Überall wird experimentiert, probiert oder gebuddelt. "Ein bisschen wie Gründerzeit", sagt Stüdemann. Wer heute durchs Revier fährt, kann das nur ahnen. Und noch nicht zwangsläufig sehen. Wir sprechen noch von Visionen, die langsam, ganz langsam Gestalt annehmen. Wandel braucht seine Zeit.

Es wäre ja schon viel damit getan, wenn der Metropolengedanke verfinge im Bewusstsein. So etwas wie die "Vereinigten Städte des Ruhrgebiets". Das wäre ganz nach dem Geschmack von Bodo Hombach. Der mächtige Geschäftsführer der WAZ-Gruppe holt hinter einem großen Schreibtisch sein Mittagessen aus einem Henkelmann, "wenn ich das nicht aufesse, macht meine Frau Ärger". Er war einst der Kronprinz von Johannes Rau, selig. Einige nannten ihn sogar Raus Gehirn. Ein Wahlkampfstratege, blitzgescheit und voller Ideen, Ruhrpott durch und durch. Er wohnt in Mülheim direkt an der Ruhr. Hombach war Sonderbeauftragter im Kosovo und hat dort gelernt, grenzübergreifend zu arbeiten. Er trieb die verschiedenen Fraktionen nach dem Bürgerkrieg dazu an, Brücken zu bauen und Egoismen zu überwinden. Was im Kosovo die ethnischen Gruppen waren, sind im Revier die Städte, die erst jetzt anfangen zu begreifen, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben - wie die Kumpel. Hombach sagt: "Hier kannst du einen Blaumann erst mal nicht von einem Milliardär unterscheiden. In Düsseldorf sofort. Bei uns sagen die Leute: Wir haben Probleme, aber wir schaffen es." Das liebt er so am Revier. Kein Jammern. Kein Zetern. Kein Gedöns. Mund abputzen, weitermachen.

Der Pott, das wissen die Leute sogar im Norden, Süden und im Osten, war die Herz-Lungen-Maschine der Republik. Ausgebombt, zerstört, wiederaufgebaut, nicht schön, weil für Schönheit und Schnörkel und Fisimatenten, wie sie im Revier sagen, keine Zeit war. Zweckmäßig stattdessen - sitzt, passt, hat Platz: fertich. Das war das Credo der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit. Der Zweck heiligte im Ruhrpott schon immer die Mittel. Kein Zufall, dass der Regionalverband Ruhr einst unter Zweckverband firmierte. Damals schauten die in München und Hamburg anerkennend auf die Malocher, die auch ihren Wohlstand aus der Erde hauten. Man nahm's zur Kenntnis, aber wer nicht musste, reiste nicht in den Pott. Später versorgten Schimanski und Thanner die Nation alle paar Monate mit Revier-Folklore, das reichte.

Einmalige Kulturlandschaft

Touristen drehen oft noch ab im Münster- oder Sauerland, als machte der blaue Himmel einen Bogen um die Ruhr. Heißt nicht die stets verstopfte Autobahn 40 "Ruhrschnellweg", "nur schnell weg"? Als ginge es lediglich darum, möglichst flott durch den Beton zu rauschen von Westfalen hinüber ins Rheinland; kein Blick nach links und rechts und tschüs. Sie verpassen allerdings eine weltweit einmalige Kulturlandschaft: die höchste Theaterdichte auf dem Kontinent, mindestens alle paar Autobahnausfahrten ein Symphonieorchester, wenigstens. Festival auf Festival - Duisburger Akzente, Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, Bochum Total, Mülheimer Theatertage, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Tage alter Musik in Herne, das Klavier-Festival Ruhr und neuerdings die Love-Parade. Folkwang-Tanz-Theater in Essen, Schauspielhaus in Bochum. Für die soeben zu Ende gegangene Ruhr-Triennale kamen die Trendscouts aus New York eingeflogen und staunten über beleuchtete Hochöfen und kolossale Spielplätze wie die Jahrhunderthalle in Bochum oder die Zeche Zollverein in Essen. Das gibt es nur im Revier.

Unten können sie, das haben sie über drei Jahrhunderte bewiesen. Jetzt machen sie oben. Essen wird bald Europas Kulturhauptstadt, und in der Begründung der Jury heißt es ausdrücklich: "stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet und seine Menschen". Für Dieter Gorny ist klar: "Die Kulturhauptstadt, das sind unsere Olympischen Spiele." Er war früher Viva-Chef in Köln, dann MTV-Mann in London, heute ist er Professor in Düsseldorf, wohnt in Essen und ist eine Art Lautsprecher des Reviers. Gorny will das Ruhrgebiet hip machen, zu einem Umschlagplatz der Neugierde, einer Wundertüte, gewissermaßen zum iPott. Das klingt schon gut. Ihm geht es um Kunst und Reibung und immer wieder um Bewegung. "Wandel durch Kultur", sagt er, "das ist der turnaround." Auch er kämpft. "Der entscheidende Punkt ist der Kampf um die Köpfe", sagt er. Um die Jungen, die Kreativen, um die Eliten, die er so gern im Ruhrpott sähe. Die Kulturhauptstadt ist nur eine Etappe auf diesem Weg: "Wir bauen hier eine Metropole, und 2010 ist Richtfest." Erst danach werde sich erweisen, welchen Weg das Revier nehme. Wenn der Wandel klappt, sagt Gorny, kann der Pott sogar Labor für Deutschland sein. Weil dort schon die Probleme drängen, die andere Regionen noch verdrängen: zu wenige Junge, zu viele Alte und die Transformation der Arbeits- in die Wissensgesellschaft. "Hier gerät was in Bewegung", sagt er, "wir müssen Leute halten und andere anziehen."

Mit anderen Worten: den Dualismus leben. Das Neue wagen, ohne das Alte zu leugnen. Es ist nämlich nicht so, dass der Ruhrpötter sich gegen den Wandel sträubt. Eine Umfrage im Auftrag der Ruhr 2010 GmbH ergab, dass die Menschen im Revier sich sehr wohl nach urbanem Lebensgefühl und öffentlichem Raum sehnen, mithin durchaus Metropole wollen. Zugleich aber verhaftet sind mit der eigenen Scholle, mit Tradition und: Toleranz. Schon mal gehört, dass im Ruhrpott Schwarze oder Inder mit Baseballschlägern durch Innenstädte getrieben werden? Eben nicht. Jeder nach seiner Fasson ist hier Lebensprinzip. Viel Ballonseide und Minipli, die etwa in Friseurläden wie "Pasha's Haarem" entsteht. Stört keinen und erinnert an New York mit seiner anarchischen Kraft und der "Who gives a shit?"-Mentalität. Gibt es in Deutschland noch einen anderen Flecken, an dem ein Langzeitarbeitsloser mit Sprechchören gefeiert wird? Samstags mittags in Gelsenkirchen betritt Erich, vulgo: "Asi Erich", unter großem Hallo die Fankneipe "Auf Schalke". Erich schlägt sich seit seiner Geburt durchs Leben, und wenn man fragt, was er früher beruflich gemacht hat, antwortet einer aus dem Kreis: "Pferdewetten, glaub ich." Aber Erich ist ein Idol und schafft es immer, sich ins Stadion zu mogeln, und sobald er den Fanblock betritt, stehen die Kuttenträger stramm und singen "Asi Erich, Fußball-Gott!" Das ist keine Verhöhnung, das ist pure Anerkennung. Erich kämpft wenigstens, er kommt von unten. Er scheitert zuweilen, steht aber immer wieder auf.

Von Subkultur bis Massentauglichkeit

Schalke: Das ist ein Spitzenklub - aber eben auch Asi Erich. Und der Ruhrpott wird Kulturhauptstadt - ist aber eben auch Volkstheater wie der "Mondpalast" von Wanne-Eickel, wo jeden Abend der Genitiv dem Dativ sein Tod ist und umgekehrt. Zum 75. Geburtstag des Baldeneysees spielen auf einer Seebühne vor mehr als 10.000 Menschen die Essener Philharmoniker, sie spielen Mozart und Bach, und am Ende gibt's ein Feuerwerk. 15 Kilometer nordwestlich füllt der Selfmade-Schlagersänger Michael Wendler aus Dinslaken die Oberhausen-Arena mit 13.000 Menschen und Texten von raumgreifender Schlichtheit, "Sie liebt den Diieee-Jayyyyy", und am Ende ruft er: "Soll der Wendler sich jetzt nackich machen?" Tags darauf verfolgen 1000 Leute in einer ausrangierten und zur Kirche umgebauten Gebläsehalle in Duisburg, wie der an Krebs erkrankte Christoph Schlingensief, gebürtig in Oberhausen, seinen Kampf um Leben und Tod inszeniert.

Dies sind die Parameter, zwischen denen sich das Revier bewegt: Schlingensiefs monumentale Kunst und Wendlers monumentaler Kitsch. Oben und unten. Beides geht. Und bitte keine Sozialromantik und mitleidtriefenden Geschichten vom Aschenputtel der Republik. Wenn die Leute im Kohlenpott nämlich zwei Dinge abkönnen, dann sind es erstens die Wahrheit und zweitens darüber lachen. Ludger Stratmann etwa spiegelt die Wahrheit im Pott und überhöht sie. Der bekannte Kabarettist aus Bottrop war früher Arzt. Seine Programme heißen "Machensichmafrei, bitte" oder "Heute komm ich mal mit mein Bein" und handeln von denen, die er jahrelang behandelte. Er machte sich nach den Sprechstunden Notizen mit den nettesten Sottisen und Sprüchen und nimmt gern den Hang des Ruhrpötters zum Fremdwortverdrehen auf die Schippe: "Unser ganzet Haus musste ejakuliert werden."

Stratmann steht neben dem Tetraeder, einem stählernen Konstrukt, auf einer begrünten Halde in Bottrop, Denkmal selbstverständlich. "Denkmäler sind hier im Pott überall, wo mal einer hingepinkelt hat." Von hier oben hat man einen prima Blick über die Halde Mottbruch, die Skyline von Essen, das Müllheizwerk Karnap, Zeche Zollverein, Straßen, Schlote, Schalke-Arena. "Vom Ruhri erfahren Sie irgendwann immer die Wahrheit, er kann nicht anders, irgendwann kracht es raus", sagt er, und exakt so verhält sich die Chose auch bei ihm. Es kracht raus. "Dat ganze Gerede vom grünen Pott geht mir auf den Sack." Der Doktor schaut hinunter auf die begrünte Halde und eine immens scheußliche Ski-Halle und spricht: "Hamburg ist schön. Und Bayern ist schön. Dat hier is zwar grün. Aber in Bayern ist es eben doch schöner." Nein, nein, sagt er, die Schönheit des Ruhrpotts komme von innen. Also wieder: die Menschen. Und zur Bestätigung führt der Kabarettist die Besucher in Willi "Ente" Lippens' Lokal "Mitten im Pott". Schön grün dort unterm Hochspannungsmast und gleich an der Autobahn.

Lippens "konnt nicht wech"

Lippens, einst Fußballprofi von Rot-Weiss Essen und Borussia Dortmund, war einer von Stratmanns drei Privatpatienten, "der andere hatte 'ne Pommesbude, der Rest war Knappschaft, viel Silikose". In den 1970er Jahren dribbelte die Ente die Bundesliga schwindelig, und Berti Vogts bekam eine Woche vor dem Duell mit ihm regelmäßig Durchfall vor Schiss, wieder ausgetanzt zu werden. Lippens hätte Essen mehrmals verlassen und reich werden können. Er hatte ein hoch dotiertes Angebot von Ajax Amsterdam, und einmal stand der Präsident von Hertha BSC vor seiner Tür mit einem schwarzen Koffer, "600.000 Mark waren da drin". Beinahe wäre Lippens schwach geworden, aber dann spielten sie samstags gegen Werder Bremen, er schoss das eins zu null, und 30.000 Zuschauer sangen fortan bis zum Schlusspfiff "Ente, du darfst nicht gehen". Er blieb, logisch blieb er, "da konnt ich nicht wech". Kriegt heute noch Gänsehaut, "so wat gibt's nur hier".

Ente kann stundenlang Dönekes aus seiner Karriere erzählen und über die lustigen Seiten des Reviers. Und man könnte über die vielen Anekdoten glatt dazu neigen, viel zu verklären und zu verdrängen an solchen Abenden. Doch hinter all den Schmonzetten von Stratmann und Lippens verbirgt sich auch eine andere, fast melancholische Seite. Humor ist ein Bruder der Demut. Und das Revier ist eine immer noch demütige, geerdete Region mit vielen Problemen, aber auch vielen, die an Lösungen arbeiten.

Der Gelsenkirchener Bürgermeister Frank Baranowski sitzt an einem sonnigen Vormittag auf einer Holzbank auf dem Gelände der alten Zeche Consolidation, eine Trendsportanlage wird eröffnet. Die Imagemacher können ihm viel erzählen vom Revier als Kulturhauptstadt, von Perspektiven und Superlativen. Denen fehlen Fünf-Sterne-Hotels und internationale Schulen. Baranowski fehlen Arbeitsplätze. Er spricht langsam, macht lange Pausen. Seine Stadt galt jahrelang als Synonym für den Niedergang. Den Trend haben sie gestoppt. Sie hatten einst sieben Zechen in Gelsenkichen mit bis zu 5000 Bergleuten. Alle geschlossen. "So was", sagt der SPD-Mann, "kann doch keine Stadt verkraften." Baranowski redet nicht von Visionen und dem grünen Pott, sondern von den kleinen Fortschritten. Es gibt nur noch zwei Ein-Euro-Läden in der siechen Fußgängerzone, das ist so ein Fortschritt. Die Arbeitslosigkeit ging von knapp 27 auf 14,2 Prozent zurück. Und er ist froh, dass die Quote der Abzügler sinkt. Baranowski sagt: "Bildung ist der Schlüssel. Bildung, Bildung und noch mal Bildung." In seinem Gelsenkirchen bekommt jedes Kind einen Kindergartenplatz. Sie kämpfen hier um jedes Kind. Die Leute vom Jugendamt besuchen jedes Neugeborene, überreichen Vater und Mutter einen Gutschein für zehn Stunden Elternschule und ein Schalke-Lätzchen. Vielleicht bleiben die jungen Eltern. Das wäre ein Anfang.

Das Revier bietet großartige Chancen

Ein paar Kilometer entfernt, hoch über der stillgelegten Zeche Nordstern residiert Professor Karl-Heinz Petzinka, Architekt und Chef einer der größten Wohnungsbaugesellschaften der Republik. Er verwaltet alte Bergbausiedlungen, 78.000 Wohnungen insgesamt. Er versteht sich als Visionär, aber eben als bodenständiger Visionär: "Der Übergang Bayerns von der Milchwirtschaft zur Hightech-Gesellschaft hat auch zwei Generationen gebraucht." Das Revier, sagt auch er, biete großartige Chancen. Im Wohnungsbau vor allem. Der Professor will das Zusammenleben von Jung und Alt revolutionieren, alle unter einem Dach, am besten mit Solarzellen drauf. Schon jetzt leben im Ruhrgebiet die meisten Rentner der Republik. Das versteht Petzinka aber nicht als Belastung, sondern als Herausforderung: "Wir müssen das Miteinander neu erfinden. Unsere Ideen könnten Modell für Europa werden", sagt er. Daran arbeiten seine Designer, Architekten und Wissenschaftler in dollen Büros. Das ist sein Labor der Zukunft. Eine Werkstatt der Ideen. Sie werkeln heute schon an Lösungen für Schwierigkeiten, die morgen auf ganz Deutschland zukommen. Falls irgendwo der Satz stimmt, dass Probleme dazu da sind, gelöst zu werden, dann im Revier. Ein ewiger Kampf ist das, aber Aufgeben kommt nicht in die Tüte.

Zu besichtigen nach wie vor unter Tage, im Bergbau, an sich längst abgeschrieben und begraben. "Vielleicht", sagt Steiger Ludwig Vossbeck einen Kilometer unter der Erde in der Schachtanlage von Prosper Haniel, "vielleicht ist ja doch nicht Schluss in zehn Jahren." Falls die Stahlpreise weiter steigen und der Kokspreis durch die Decke schießt. Wer weiß, was in zehn Jahren ist? Bis dahin fließt viel Wasser die Ruhr hinunter. In Duisburg hat Thyssen-Krupp gerade wieder einen Hochofen in Betrieb genommen, den ersten seit 15 Jahren. Das ist doch was. Und wenn es doch nicht klappt und sie unten dichtmachen, geht's oben weiter. Irgendwie. Muss ja. Der Steiger spricht: "Die können über uns sagen, was sie wollen. Aber wir sind Weltmeister im Wandel."

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und Uli Hauser