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Der #Aufschrei und sein Echo

Vor einem Monat begann mit #Aufschrei eine längst überfällige Sexismus-Debatte. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Über Verbitterte, Abwiegler, Ablenker, Verunsicherte und Ermutigte.

Ein Gastbeitrag von Anne Wizorek

  Bei Günther Jauch beeindruckte #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek Redaktion und Publikum mit ihrer Souveräntität. Die freie Beraterin für digitale Strategien und Online-Kommunikation lebt in Berlin.

Bei Günther Jauch beeindruckte #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek Redaktion und Publikum mit ihrer Souveräntität. Die freie Beraterin für digitale Strategien und Online-Kommunikation lebt in Berlin.

Stellen Sie sich vor, Ihnen würde am Arbeitsplatz jemand sagen, dass Sie Ihren Job schlecht machen. Nicht, weil es stimmt, sondern: weil er oder sie es kann. Weil die kritisierende Person weiß, dass Sie dieser Kommentar nervt und sogar an sich selbst zweifeln lässt. Und weil er oder sie genau das erreichen möchte. Weil er oder sie weiß, dass Ihnen niemand glauben wird, sollten Sie sich beschweren. "Du bist schlecht." Jeden Tag, immer wieder. Bis Sie wahrscheinlich einfach nicht mehr zur Arbeit gehen können und wollen.

Die meisten von Ihnen würden eine solche Situation sicher als Mobbing identifizieren und verurteilen. Und das vollkommen zu Recht. Umso erstaunlicher ist es, im Fall der Sexismus-Debatte zu beobachten, wie die Herabwürdigungen von vielen Menschen plötzlich angeblich nicht mehr eindeutig als solche zu erkennen sind - nur weil der Faktor Geschlecht ins Spiel kommt.

Plötzlich geht es um missverstandene Signale, gescheiterte Flirts und fehlenden Humor, darum, übergriffige Situationen mit Fassung zu (er)tragen. Alle, die sich anfangs unter #aufschrei geäußert haben, sind hysterisch, übertreiben und schildern sowieso nur Einzelfälle. Es wird von Grauzonen gefaselt, wo gesetzlich genaue Definitionen bestehen und wo wissenschaftlich erwiesen ist, dass es - völlig unabhängig vom Geschlecht - ein eindeutiges Bewusstsein dafür gibt, was Grenzüberschreitungen und übergriffiges Verhalten sind.

Auch George Clooney darf keine Frauen belästigen

Und wie oft der arme George Clooney für einen an den Haaren herbeigezogenen Vergleich herhalten musste, habe ich am Ende nicht mehr zählen können. Deswegen aber auch an dieser Stelle noch einmal zum Mitschreiben, Ausdrucken und meinetwegen an die Wand hängen: Ein Übergriff ist ein Übergriff ist ein Übergriff. Er ist nicht mit einem Flirt gleichzusetzen. Flirten passiert auf Augenhöhe und hat eine ernsthafte Kontaktaufnahme mit dem Gegenüber als Menschen zum Ziel. Eine sexuelle Belästigung geschieht von oben herab und dient ausschließlich dazu, das Gegenüber wissentlich zum Objekt zu degradieren und zu signalisieren: Du hast hier nichts zu melden, denn ich habe Macht über dich. Insofern merken sich bitte ab sofort alle: Auch ein George Clooney darf keine Frauen belästigen und diese werden es ebensowenig als "irgendwie schöner" empfinden.

Innerhalb der Sexismus-Debatte in den Medien werden dieselben Ablenkungs- und Entschuldigungsmechanismen benutzt, die Betroffenen seit eh und je entgegenschlagen: "Habt euch nicht so, war doch nur ein Witz, das bildet ihr euch ein, wehrt euch halt besser." Unzählige, auf bloßen Geschlechterkampf und -krampf gebürstete Artikel, die den Kern des Problems ignorieren oder verdrehen. Sexismus wird als Problem in vielen Debattenbeiträgen erneut verharmlost oder gar unsichtbar gemacht, obwohl es unsere Gesellschaft durchdringt wie Wasser einen Schwamm.

Es passiert überall

Oft wird auf den Unterschied zwischen Sexismus und sexualisierten Übergriffen verwiesen. Es stimmt, sie sind nicht dasselbe. Doch stehen sie unmittelbar in Zusammenhang und müssen auch so diskutiert werden. Denn traurig, aber logisch: Eine Gesellschaft und Kultur, die allgemein das Wesen und Handeln von Frauen abwertet und Frauen wie Männer auf bestimmte Stereotype beschränkt (stark vereinfacht: Frau muss nur gut aussehen und nichts können, Mann ist der Jäger und Macher), sieht dann eben wenig bis keinen Anlass, übergriffiges Verhalten überhaupt zu bestrafen. Ein Verhalten, das mit herabwürdigenden Blicken und Bemerkungen beginnt, bis zum tätlichen Übergriff geht und eingesetzt wird, um Macht auszuüben. Es geht hier um gezielte Demütigungen.

Wie eingangs im Mobbing-Beispiel gezeigt, hat ein solches Verhalten reale Konsequenzen für die Betroffenen. Es perlt nicht ab, es nagt an ihnen, beeinträchtigt ihr Leben. In ihrer Vielzahl sind auch vermeintliche "Kleinigkeiten" weit davon entfernt, harmlos zu sein. Nicht selten sind Selbstekel, enorme Selbstzweifel und Essstörungen die Folgen sexueller Belästigungen. Viele Frauen versuchen den Belästigungen zu entgehen, indem sie bestimmte Orte, Kleidung oder ein gewisses Verhalten meiden. Nur um festzustellen, dass es diese angebliche Sicherheit gar nicht gibt. Laut einer repräsentativen Umfrage des BMFSFJ sind 60 Prozent aller Frauen in Deutschland sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Die Orte des Geschehens: der Ausbildungs- und Arbeitsplatz, der öffentliche Raum, das soziale Umfeld. Es kann jederzeit und überall passieren. Es ist Sexismus mit System - es ist unsere derzeitige Realität. Als würden uns lauter Essensreste zwischen den Zähnen hängen. Doch bislang sind wir zu faul zum Putzen, weil wir uns bereits an den hässlichen Anblick gewöhnt haben (oder es mussten).

Die Verbitterten, die Abwiegelnden, die Ablenkenden, die Verunsicherten, die Ermutigten

Das macht auch #aufschrei sichtbar und ist in seiner Offenheit besonders - und erst dadurch so kraftvoll geworden. Was sich sonst hinter erschreckenden, aber eben doch abstrakten Statistiken verbirgt, hat plötzlich ein Gesicht bekommen. Das der eigenen Freundin, Tochter, Mutter, Lebenspartnerin, Kollegin.

Um die aktuelle Verworrenheit der Debatte etwas aufzudröseln und zu zeigen, wo wir stehen, möchte ich einmal die Haupttendenzen der Argumentationen zusammenfassen. Die daraus formulierten Gruppen bestehen jeweils aus Männern wie Frauen.

Die Verbitterten

Sie zeichnen sich vor allem durch biologistische "Argumente" aus und würden sich vermutlich selbst als "Die Realistischen" bezeichnen. Laut ihrer Auffassung sind Männer willenlose, allein durch ihre Triebe gesteuerte Wesen, die statt Hirn und Herz nur ihren Penis einsetzen. Männer können also schlichtweg nicht anders, wenn sie Frauen belästigen und dürfen deshalb auch nicht für ihr Fehlverhalten belangt werden. Frauen sollen sich daher mal nicht so anstellen und müssen eben aushalten, was die Natur da verzapft hat.

Was die Verbitterten vergessen: Die Sache mit den Trieben mag vielleicht auf den ersten Blick als praktische Erklärung und damit Entschuldigung wirken. Doch schon auf den zweiten Blick stellen sich diverse Fragen: Wenn wir alle stets nur unseren Trieben gehorchen könnten, würden wir dann nicht immer noch auf sanitäre Einrichtungen verzichten und stattdessen unsere Geschäfte da verrichten, wo wir gehen und stehen? Würden wir dann nicht im Fall des akuten Hungergefühls direkt die Restaurantküche stürmen, anstatt uns gediegen an einen Tisch zu setzen und eine Bestellung aufzugeben? Und was ist mit all den tollen Männern, die es bereits problemlos schaffen, allgemeine wie individuelle Grenzen von Frauen nicht nur zu respektieren, sondern auch zu verstehen?

Die Abwiegelnden

Sie sind diejenigen, die gerne mit Begriffen wie "hysterisch" und "überflüssig" um sich werfen und behaupten, dass durch #aufschrei alle Männer unter Generalverdacht gestellt würden. Hier paart sich Ignoranz mit Unwillen und wird zu einer gefährlichen Kombination. Ihre Erfahrungswelt (er)kennt keine Diskriminierung durch sexistisches Verhalten, und deswegen kann es schlicht nicht geben, was #aufschrei sichtbar machte. Sollte es doch mal Belästigungen geben - alles Einzelfälle, natürlich - müssten sich Betroffene einfach nur besser wehren und wären das Problem schnell los.

Ich frage mich, ob die Abwiegelnden auch Menschen in bombardierten Kriegsgebieten raten, sich doch einfach mal stabilere Häuser zu bauen? Die dahinter stehende Logik ist jedenfalls dieselbe: Nicht der Angriff wird verteufelt, sondern das Handeln der Betroffenen. Mit dieser Attitüde eines vorwurfsvollen "Selbst schuld!" lässt es sich für die Abwiegelnden bequem weiterleben, ohne Verantwortung übernehmen oder zugeben zu müssen, welchen perfiden Status Quo sie damit aktiv aufrecht erhalten. Einen Status Quo, der ihnen in der Regel nicht nur nicht weh tut, sondern oft sogar nützt.

Die Ablenkenden

Ihr häufigster Konter: Aber Männer sind auch von sexuellen Übergriffen betroffen! Und ja, das stimmt. Das hat #aufschrei – entgegen der Behauptung der Ablenkenden - aber auch niemals verneint oder unsichtbar gemacht. Im Gegenteil: Auch Männer haben den Hashtag genutzt, um ihre Erfahrungen mit Übergriffen zu teilen.

Dass #aufschrei sich auf Frauen konzentriert, liegt schlicht daran, dass sie häufiger von sexuellen Belästigungen betroffen sind. Das zeigt die Anzahl der entsprechenden Tweets genau so wie Statistiken: Im Fall berufstätiger Menschen sind bis zu 50% Frauen von sexuellen Belästigungen betroffen, während es 10% bei den Männern sind. Den Fakt der Häufigkeit legen die Ablenkenden allerdings gern als Ungerechtigkeit in der Berichterstattung über Sexismus aus. Als ob betroffene Frauen stolz darauf wären, mehr Leidensgeschichten erzählen zu können. Ein reichlich fragwürdiger "Vorteil", den die Ablenkenden hier generieren. Und nein, auch eine Kanzlerin ist noch kein Zeichen dafür, dass in unserem Land Geschlechtergerechtigkeit herrscht.

Die Verunsicherten

Sie sind vor allem durch die Fehlleitung der Debatte verunsichert worden, indem sexuelle Übergriffe fälschlicherweise mit Flirts gleichgesetzt wurden. Von ihnen gibt es allerdings zwei Sorten.

Die eine Sorte sieht als einzig mögliche Konsequenz, nicht mehr allein mit Frauen im Auto zu fahren oder im Aufzug stehen und macht jetzt ganz gern vor Witzigkeit strotzende "War das schon Sexismus? Höhöhö"-Bemerkungen. Sie versuchen, Betroffene und deren Wunsch nach Veränderung als Moralpolizei zu verleumden und sich selbst als Hüter und Hüterinnen des Spaßes zu inszenieren. Kurz gesagt: Ihre vermeintliche Unsicherheit ist lediglich der Unwille, das eigene Handeln zu reflektieren.

Der Begriff der Unsicherheit wurde darüber hinaus in der gesamten Debatte stets als etwas Schlimmes dargestellt. Dabei signalisiert er im Fall der zweiten Sorte der Verunsicherten, dass hier ein Erkenntnis- und Denkprozess eingesetzt hat. An ihrem Weltbild wurde durch #aufschrei kräftig gerüttelt, jetzt ordnet es sich neu, und das ist verdammt gut so. Wichtig ist nun, welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Kleiner persönlicher Hinweis: Bitte macht es nicht wie Sorte eins. Nehmt das Problem ernst und handelt entsprechend.

Die Ermutigten

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass dies meine Lieblingsgruppe ist und ich mich selbst dazu zähle. Allein die zahlreichen Zuschriften und Kommentare, die ich bekomme, lassen erkennen, dass auch trotz so manch stumpfer Berichterstattung, sehr viele Menschen eben nicht in das verharmlosende Gelächter einstimmen oder ganz verstummen.

Es sind Frauen, die merken, dass sie mit ihrer Scham und Wut nicht allein sind, keine Schuld tragen und daraus neue Kraft schöpfen. Es sind ältere Frauen, die froh sind, dass die Debatte angestoßen wurde, da sie sich schon viel länger mit dem Status Quo quälen, als meine Generation es muss. Manche erzählen davon, wie sie #aufschrei mittlerweile als Codewort nutzen, um übergriffige Situationen als solche bezeichnen zu können. In den meisten Fällen sogar erfolgreich, so dass sich ihr Gegenüber entschuldigte und verstand, wo das Problem lag.

Unter den Ermutigten sind auch jede Menge Männer aller Altersgruppen, die sich bereits gegen das kranke Männlichkeitsbild wenden, das Frauen lediglich als verfügbare Objekte wahrnimmt. Sie schämen sich für das Verhalten ihrer Geschlechtsgenossen und entwickeln den Mut, sich nun auch offen dagegen auszusprechen. Exemplarisch dafür eine Mail, die ich erhalten habe:

"Ich habe die Diskussion um den alltäglichen Sexismus in den letzten Tagen übers Internet verfolgt. Ich bin geschockt von der Anzahl und dem Inhalt der Erzählungen. Diese Diskussion ist so was von überfällig gewesen. Ich habe in den letzten Tagen sehr viel darüber reflektiert. Zum einen mein eigenes Verhalten, zum anderen aber auch, wie mit Frauen in meinem Alltag umgegangen wird. Und es fällt mir jetzt leichter, gegen den alltäglichen Sexismus (vor allem in einer homogenen Gruppe von Männern) einzustehen. Unfassbar wie lange ich es vielen Freunden habe durchgehen lassen, wenn sie Frauen in meinem Umfeld beleidigt und abgewertet haben. Diese Diskussion ist das, was ich mir als Mann von einem modernen Feminismus erwartet habe."

Viel Arbeit

Mein derzeitiges Fazit zur Debatte lautet: Viele haben die Aufschreie zwar gehört, doch wirklich zugehört und angemessene Konsequenzen gezogen, haben immer noch nicht genug Leute. Dazu gehört ebenso, dass sich die Diskriminierungen in unserer Gesellschaft mitnichten auf weiße heterosexuelle Frauen beschränken. Doch die #aufschrei-Geschichten die unter #queeraufschrei oder den zusätzlichen Hashtags #rassismus, #ableism und #transphobie getwittert wurden, haben es noch schwerer, überhaupt wahrgenommen zu werden, obwohl sie durch Mehrfachdiskriminierung stärker betroffen sind. Wenn ich sie in Interviews erwähne, fallen sie meist als erstes der Redaktion zum Opfer. Umso wichtiger, dass sie weiterhin auf Alltagssexismus.de sichtbar gemacht werden und nicht aufhören, sich zu beteiligen.

Um uns von unserer sexistischen Gesellschaft endlich zu verabschieden, bedarf es einer verschränkten Verantwortungsübernahme in Politik, Medien, Bildungseinrichtungen und Privatem. Anhand der Art wie die Debatte bislang verlief, zeigt sich, wie sehr wir eigentlich noch am Anfang von etwas stehen, das ein wahrhaftiger Kulturwandel werden muss. Ist das viel Arbeit? Oh ja. Ist es unmöglich? Oh nein!

Auf ihrer Website kleinerdrei hat Anne Wizorek ein FAQ zu "Aufschrei" veröffentlicht

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