Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Unter der Gürtellinie

Laura Himmelreichs stern-Artikel über Altherrenwitze wird schlechter Stil und Tabubruch vorgeworfen. Die Reaktionen zeigen vor allem eines: Dass Sexismus zu Deutschland gehört wie Bier und BMW.

Von Sophie Albers

  Da ist er wieder, der alte Reflex: Frau ist selbst schuld, soll sich "nicht so haben", soll sich anders anziehen. Wie wäre es mit einer Burka-Pflicht für Frauen, um die Männer vor sich selbst zu schützen?

Da ist er wieder, der alte Reflex: Frau ist selbst schuld, soll sich "nicht so haben", soll sich anders anziehen. Wie wäre es mit einer Burka-Pflicht für Frauen, um die Männer vor sich selbst zu schützen?

Ich war 22 Jahre alt. Studierte in Bonn. Stand morgens an einer Ampel. Trug einen Minirock. Als ich hinter mir eine Stimme hörte: "Da geht mein Fahrradständer hoch." Als Nächstes hatte ich eine Hand unterm Rock, zwischen den Beinen. Ich war komplett erstarrt. Die Ampel sprang auf Grün. Ich habe angefangen zu brüllen. Die Menschen um mich herum waren plötzlich alle taub und blind. Der Mann, Typ freundlicher Handwerker, drehte sich um, rief "Komm doch!" und lief weiter. Sein Kollege lachte. Ich habe jahrelang keine Röcke mehr getragen, fühle noch heute Ekel, wenn ich an diesen Augenblick denke.

Jede Frau in diesem Land hat meist gleich mehrere solcher Übergriff-Geschichten parat. Mal mehr, mal weniger heftig, aber für immer im Gedächtnis. Männer, die sich lauthals über Brüste, Beine, Hintern auslassen, die Körper berühren, die sie verdammt noch mal nichts angehen. Die die Frau sexualisieren, ihr "Nein" ignorieren, die abfällig fragen, ob sie wohl "ihre Tage habe", die ihr ins Wort fallen, sie verniedlichen, kleinreden, sie bevormunden, sie "Zicke", "Schlampe", "Tante", "Weib", "Torte", "Bitch" nennen. Das ist keine Frage von Alter, Herkunft oder Hintergrund. Sexismus ist deutscher Alltag. Punkt.

"Ein beschwipster Fauxpas"

Wie verbreitet diese Haltung ist, steht gerade wieder gedruckt, getwittert und gepostet nachzulesen, diesmal in den Reaktionen zu Laura Himmelreichs stern-Artikel über die Übergriffigkeit von Männern im Politikalltag: "Wer das nicht erträgt, sollte am Abend die Hotel-Bars meiden", heißt es, "Eine absolute Belanglosigkeit, dieser beschwipste Fauxpas!", "Hat Brüderle damals Sie zu vorgerückter Stunde angesprochen oder haben Sie Brüderle angesprochen?" Da ist er, der alte Reflex: Frau ist selbst schuld, soll sich "nicht so haben", soll sich anders anziehen. Wie wäre es mit einer Burka-Pflicht für Frauen, um die Männer vor sich selbst zu schützen?

Das Bewusstsein dieses Sexismus ist Teil der weiblichen DNS, es begleitet uns jeden verdammten Tag: in Bus und Bahn, auf der Straße, tags, nachts, auf der Arbeit, in der Bar. Angefangen bei der Werbung, die - trotz anhaltender Diskussionen - immer noch und immer wieder gern Frauen wie Pornodarstellerinnen aussehen lässt und sexistische Klischees bemüht, über Gestarre in der U-Bahn, Sprüche von Kollegen bis zum unentspannten Heimweg im Dunkeln.

Warum ändert sich eigentlich nichts?

Natürlich heißt es jetzt, nicht alle Männer sind Sexisten. Aber warum wird das sexistische Verhalten anderer dann toleriert? Warum ist männliche Kritik am "männlichen" Verhalten die Ausnahme? Warum ändert sich eigentlich nichts?

Weil diese Gesellschaft so sexistisch ist, dass es Frauen immer noch übel genommen wird, wenn sie Sexismus laut und deutlich benennen. Weil es Tradition ist, das Opfer zur Täterin zu machen. Und deshalb, Herr Sexist, verbleibe ich mit unfreundlichen Grüßen bis zum nächsten Artikel zum Thema.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools