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Die brisante Beichte des Vatikanbankers

Geheimkonten, Mafia- und Bestechungsgelder: Dem Vatikan droht neues Ungemach. Derzeit packt der geschasste Ex-Chef der Vatikanbank pikante Details aus, die sicher in der Öffentlichkeit landen werden.

Von Luisa Brandl, Rom

  Gotti Tedeschi: katholischer Banker mit brisanten Informationen

Gotti Tedeschi: katholischer Banker mit brisanten Informationen

Ettore Gotti Tedeschi kann der Justiz einiges erzählen über die geheimnisumwitterte Vatikanbank IOR. Er war schließlich deren Chef, bevor er zu Pfingsten rabiat rausgeworfen wurde. Er kennt die Geheimkonten, die Mafiaerlöse und Bestechungsgelder und die Intrigen. Und der Banker spricht nicht etwa mit der verschwiegenen vatikanischen Justiz, sondern mit italienischen Ermittlern aus Rom und Neapel, aus deren Berichten regelmäßig pikante Details an die Medien sickern. Der Vatileak-Skandal ist läppisch im Gegensatz zu dem, was die römische Kurie nun von den Enthüllungen des frommen Tedeschi befürchten muss.

Der katholische Bankier, der sich einer persönlichen Beziehung zu Papst Benedikt XVI. rühmt, hat nicht aus eigenem Entschluss die Zusammenarbeit mit der italienischen Justiz gesucht. Der Hintergrund ist eine Hausdurchsuchung in seiner Villa im lombardischen Piacenza sowie in seinem Büro in Mailand. Die Karabinieri beschlagnahmten 47 Aktenordner im Zusammenhang mit einem anderen Bestechungsskandal beim Rüstungskonzern Finmeccanica und sind dabei auf ein brisantes Schreiben gestoßen: Gotti Tedeschi, der angetreten war, Licht in das notorische Dunkel der Vatikangeschäfte zu bringen, zählt darin auf 200 Seiten die Missstände des Geldinstituts auf.

Flossen Gelder aus illegalen Geschäften auf IOR-Konten?

Ein Beispiel für die schmutzigen Deals des "Instituts für religiöse Werke", wie IOR übersetzt heißt, ist ein Konto, dass das Bistum in Trapani im Namen einer Stiftung eingerichtet hat, wie die Zeitung "Il Foglio" schreibt. Der zuständige Bischof Francesco Micchichè sei inzwischen zurückgetreten. Auf dieses Konto seien, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft in Trapani, Gelder aus illegalen Geschäften des mächtigen Mafiapaten Matteo Messina Denaro geflossen, der ausgerechnet im Gebiet der Diözese an der Ostküste Siziliens seit Jahren unauffindbar untergetaucht ist.

Im prallen Dossier des Bankers, der zweieinhalb Jahre an der Spitze der IOR stand, befinden sich Arbeitsnotizen, E-Mails, Briefe und angeblich eine komplette Liste dubioser Inhaber von anonymen Nummernkonten, auf die über Jahre Milliarden Euro geflossen sind und die niemals kontrolliert wurden. Die IOR-Bank hat 130 Angestellte, 44.000 Konten und verfügt über geschätzte sechs Milliarden Euro Kapital, hat aber keinen Bankstatus und veröffentlicht keine Bilanzen.

Geschützt wie ein Mafia-Jäger

Gotti Tedeschi wusste, dass er einen gefährlichen Job machte. Er hatte Angst um sein Leben. Eine Kopie des Dossiers sollte im Fall seines Todes von seiner Sekretärin an den Papst geschickt werden, zwei weitere Kopien an einen Anwalt und an einen befreundeten Journalisten. Gotti Tedeschi wurde von einer privaten Leibwache beschützt, doch nun kümmert sich die italienische Polizei um den Banker und stellt ihn künftig unter Schutz wie einen Mafiajäger.

Die Banco Santander, die größte Privatbank Europas, geriet wegen Unregelmäßigkeiten bei der Kreditvergabe an die Holding Finmeccanica ins Visier der Ermittler. Tedeschi ist seit Kindertagen mit der Nummer eins von Finmeccanica, Giuseppe Orsi, eng befreundet. Der ebenfalls streng katholische Orsi steht im Verdacht in eine Bestechungsaffäre des Konzerns verwickelt zu sein. Es geht um Schmiergelder an Politiker der Partei Lega Nord und an die katholische Bewegung "Comunione e Liberazione". Die Ermittler vermuteten, Orsi habe bei seinem Jugendfreund brisantes Material versteckt. Tedeschi wurde in Mailand als Zeuge verhört.

Bertone erwirkt die Entlassung seines Erzfeindes

Als gegen den damaligen IOR-Chef Tedeschi 2010 selbst ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche anhängig war, drängte er den Papst zu mehr Transparenz. Es wurde eine Finanzaufsicht im Vatikan installiert, die Verstöße verfolgen sollte. Doch deren Befugnisse wurde auf Betreiben von Gotti Tedeschis Widersacher Kardinalstaatssekretär Tarciso Bertone aufgeweicht. Fortan ließ Gotti Tedeschi den zweiten Mann im Vatikan, Bertone, links liegen und wandte sich nur noch direkt an Papst Benedikt. Bertone setzte darauf seine Hebel im Aufsichtsrat in Bewegung und bewirkt prompt die fristlose Entlassung des Bankiers.

Gotti Tedeschis Dossier in den Händen der Ermittlungsrichter wird nun die Manöver offenlegen, die zu seinem Rauswurf führten. Seine Probleme bei der IOR sollen begonnen haben, als er nach den Namen hinter den Nummernkonten gefragt habe. Nichts fürchtet der Vatikan mehr, als dass Intrigen und Interna der geheimnisumwitterten IOR-Bank ans Licht kommen. Vatikansprecher Padre Lombardi warnte Gotti Tedeschi und die italienischen Richter eindringlich davor, die Angelegenheiten des Kirchenstaates öffentlich zu machen. In einem seltenen Interview sagte Paolo Cipriani, Generaldirektor der IOR und Gegner Gotti Tedeschis, es gebe keine chiffrierten Konten bei der Vatikanbank, alle Bankkunden seien bekannt und würden überprüft.

Vatikan will auf die "White List"

Die Geschäfte der IOR führt nun der bisherige Vizechef Ronaldo Schmitz, 73. Das frühere Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank wird nun die IOR auf die große Prüfung vorbereiten müssen. Denn im Juli entscheidet ein Expertenausschuss für Geldwäsche des Europarats über die Aufnahme der IOR in die "White List" jener tugendhaften Geldinstitute, die über jeden Verdacht erhaben sind. Gotti Tedeschi wird die Nagelprobe mit Spannung erwarten.

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