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Hilfe, die nicht hilft

132 Euro? 350 Euro? Die Höhe des Hartz-IV-Satzes ist nicht das eigentliche Problem. Es liegt ganz woanders: Das Problem im deutschen Sozialwesen ist das Chaos im System. Niemand weiß, was der andere macht - und Familien wie den Thiels geht es von Jahr zu Jahr schlechter.

Von Walter Wüllenweber

  • Walter Wüllenweber

Es waren Probleme, die man riechen konnte, schon im Hausflur. Hund und Katze und Vögel und keiner, der sauber machte. Andrea Thiel war die Kontrolle entglitten. Über ihre Wohnung, ihre Kinder, über ihr ganzes Leben. Das war vor mehr als drei Jahren. Was mag wohl aus Andrea Thiel geworden sein?

Im Frühjahr 2005 besuchte der stern zum ersten Mal die langzeitarbeitslose, alleinerziehende Mutter in Berlin-Hellersdorf. Mit ihren siebenjährigen Zwillingen Florian und Yasmin hauste sie in einer Dreizimmerwohnung. Mensch und Tier lebten und schliefen gemeinsam im Wohnzimmer, weil der Rest der Wohnung kaum noch betreten werden konnte. Überall lag Müll. Yasmins Schrank brach auseinander. Der Herd war irgendwo in der Küche unter einem Berg von Krempel vergraben. Die Kinder aßen in der "Arche", einem Kinderhilfsprojekt. Florian war damals zu dick, Yasmin zu dünn und ihre Mutter vollkommen überfordert. Sie brauchte Hilfe. Dringend.

Also kümmerte sich das Sozialamt um die Thiels. Auch das Jugendamt, das Jobcenter, die Schuldirektorin und eine Handvoll Ärzte. Der Sozialstaat investierte Geld und Sozialarbeiterstunden. Die Hilfssysteme gaben alles. Was haben sie erreicht bis heute, bis zum Sommer 2008?

Was passiert ist

Die Thiels sind umgezogen in eine Vierzimmerwohnung. Die Kinder sind gerade zwölf geworden. Yasmin ist pummelig und Florian richtig fett. Fast 75 Kilo bringt er auf die Waage. "Er ist halt 'ne Eisvernichtungsmaschine", entschuldigt sich die Mutter. In der Schule sind die Zwillinge sitzengeblieben, zweimal. Sie essen weiter in der "Arche". Frau Thiel ist immer noch arbeitslos. Und wie sieht die neue Wohnung aus?

Ungefähr auf der halben Strecke zwischen Couchtisch und Glotze liegt eine Kinderunterhose auf dem Teppich. Ein paar Tage später scheint es, als habe sie sich bewegt, in Richtung des Kabelbergs, der diverse Elektrogeräte mit Strom versorgt. Dort wird sie in den nächsten Wochen bleiben. Bei jedem Besuch haben sich mehr Hundehaare und Katzenhaare in ihr verfangen. In diesem Zimmer schlafen Florian, seine Mutter, der Hund, die Katze und die Vögel. "In die anderen Zimmer kommt man ja kaum noch rein", sagt Frau Thiel.

Nichts hat sich geändert. Drei weitere prägende Jahre haben die Kinder nur den Lebensstil ihrer Mutter kennengelernt. Warum nur verpuffen all die Hilfsanstrengungen ohne jeden Effekt? Warum sind die Helfer so hilflos?

Eine typische Familie

Familien wie die Thiels sind die größte Herausforderung für den deutschen Sozialstaat. Niemand weiß, wie viele solcher Familien es gibt. Doch die Praktiker in den Jugendämtern und Arbeitsagenturen, Lehrer, Sozialarbeiter und Ärzte berichten, dass der Anteil der völlig überforderten Familien rasend ansteigt. Allein im Berliner Stadtteil Hellersdorf schicken 600 Familien ihre Kinder regelmäßig in die "Arche". "Bei einem Großteil sind die Probleme ähnlich, manchmal noch schlimmer. Die Thiels sind typisch für die Familien hier", sagt Bernd Siggelkow, Leiter und Gründer der "Arche". Auch Manuela Schmidt, Bezirksstadträtin für Jugend und Familie in Marzahn-Hellersdorf, stellt fest: "Der Anteil der Familien mit immer größeren Problemen nimmt stark zu."

Auch die Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm. "Das Phänomen der vielen Familien mit multiplen Problemen in nahezu allen Lebensbereichen bereitet uns die allergrößten Sorgen", sagt Werner Ballhausen, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, des Dachverbandes der deutschen Hilfsorganisationen. "Wir haben kein Angebot, um diesen Familien wirksam zu helfen."

Aber wer ist hier eigentlich zuständig? Die Verbände? Der Staat? Zunächst mal vier Ministerien auf Bundesebene: Arbeit und Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie und schließlich Bildung. Aber Bildung ist Ländersache, und die Jugendämter unterstehen den Kommunen. Sieht also so aus, als wären alle zuständig - und damit keiner. Eine Strategie, ein politisches Konzept, wie völlig desolaten Familien wie der von Frau Thiel geholfen werden kann, existiert in Deutschland weder im Bund noch in den Ländern, nicht in den Kommunen und in keinem Ministerium. Nirgendwo.

Es fehlt die Koordination

Dabei bieten verschiedene Institutionen den Bürgern jede nur vorstellbare Hilfe an. "Wir haben für jedes Einzelproblem das passende Hilfsangebot. Aber es gibt niemanden, der diese Hilfe koordiniert", sagt Werner Ballhausen von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege.

Alles überlässt der Sozialstaat dem Hilfsbedürftigen selbst. Doch die staatlichen Systeme sind maßgeschneidert für den vernünftigen, gut informierten und vor allem mündigen Hilfesuchenden. Sie basieren auf der Vorstellung von Menschen, die ihr Leben unter Kontrolle haben. Die nur vorübergehend und lediglich an der einen oder anderen Stelle ein wenig Unterstützung brauchen, etwa bei der Jobsuche oder in einer Erziehungsfrage. Im Kern müssen die Menschen selbst die Verantwortung für sich und ihre Kinder übernehmen können.

Aber genau das kann Andrea Thiel nicht. Das Leben in einer immer komplizierter werdenden Welt überfordert sie täglich neu, auch intellektuell. Und so bleiben die vielen Hilfen, die sie bekommt, ohne Wirkung. "Die kümmern sich ja alle. Aber die kümmern sich immer dran vorbei", sagt sie.

Eine Herausforderung für das Gesundheitssystem

Sie hängt im Sessel. Ein Brillenglas hat einen Sprung. Sie ist 48, stark übergewichtig und zuckerkrank. "Fünfmal spritzen muss ich am Tag. Und dann noch der Bluthochdruck. Also körperlich bin ich ein Wrack." Sie atmet schwer. Man muss kein Arzt sein, um zu erkennen, dass sie eine Herausforderung für jedes Gesundheitssystem ist. "Diät kann ich mir nicht leisten. Körner oder Bio ist bei Hartz IV nicht drin", behauptet sie.

"Das stimmt so nicht", widerspricht die Ärztin Beate Haberecht. Andrea Thiel ist bei ihr in Behandlung, für den stern hat sie ihre Ärzte und Helfer von der Schweigepflicht befreit. "Man kann sich als Diabetiker auch mit wenig Geld richtig ernähren", sagt Dr. Haberecht. Frau Thiel gelingt das nicht. Manche Ecken ihrer Wohnung wirken wie eine Sammelstelle für leere Cola-light-Flaschen. Das Zeug ist ziemlich teuer für jemanden, der sich gesundes Essen vom Munde abspart. "Moment mal", wehrt sich Andrea Thiel, "das muss ich trinken. Ich bin doch Diabetikerin." Ein Arzt hat ihr erklärt, dass sie wegen ihrer Krankheit Coca-Cola nicht mehr trinken dürfe. Allenfalls Cola-light. Seitdem glaubt Frau Thiel, sie dürfe ausschließlich das trinken, und verschmäht selbst Wasser oder Tee.

Beate Haberecht wundert sich nicht. "Patienten mit der Problematik von Frau Thiel haben wir inzwischen viele, und es werden immer mehr." Ihre Form der Diabetes hängt eng mit der Lebensweise zusammen. Immer öfter sind Haberechts Patienten nicht in der Lage, ihre Ernährung auf die Krankheit einzustellen. Sobald die Ärztin Tacheles mit ihnen redet, kommen sie nie wieder, wechseln zum nächsten Doktor. Frau Haberecht ist eine erfahrene Diabetologin, die auch schon in der DDR in Marzahn praktizierte. "Wenn die Patienten damals nicht zum Termin erschienen sind, haben wir die mitunter auch zu Hause aufgesucht. So etwas geht heute natürlich nicht mehr."

Kein Kalender, kein Telefonbuch, keine Ablage

Gegen Ende jedes Monats macht Frau Thiel ihre Krankheit immer besonders zu schaffen. "Dann ist das Geld aufgebraucht, und ich muss das Insulin strecken." Kann das stimmen? Insulin wird von der Krankenkasse bezahlt. "Aber die Zuzahlung ist so teuer", sagt sie. Klingt auch seltsam, Frau Thiel müsste eigentlich nur maximal ein Prozent ihres jährlichen Einkommens als Zuzahlung für Medikamente leisten. Alles darüber hinaus übernimmt die Kasse. Als Diabetikerin, die von Arbeitslosengeld II lebt, überspringt sie diese Grenze schon im ersten Quartal des Jahres. Allerdings: Man muss bei der Kasse einen Antrag stellen und nachweisen, welche Ausgaben man hat und welche Einnahmen. "Da müssen die Versicherten schon wie ein Buchhalter arbeiten", sagt Henry Kotek von der AOK Berlin, bei der Frau Thiel versichert ist. "Ohne Ablage klappt das mit dem Antrag nicht." Ablage? Frau Thiel hat keinen Kalender, kein Telefonbuch, und seit acht Jahren gelingt es ihrem Mann und ihr nicht, sich scheiden zu lassen, weil sie die nötigen Papiere nicht zusammenbekommen. So jemand wird nie einen Antrag stellen können, der die Krankenkasse zufriedenstellt. "Viele sind damit überfordert, das ist schon so", gibt Henry Kotek zu. Und darum zahlt Frau Thiel jahraus, jahrein die volle Zuzahlung für ihre Medikamente, obwohl sie es nicht müsste.

Nach diesem Muster wird Hilfe in Deutschland häufig organisiert: Sie passt sich den Anforderungen des Apparats an - in diesem Fall denen der Krankenkassen. Aber sie passt damit noch lange nicht zu den Anforderungen der Hilfsbedürftigen. "Der Mensch ist selbst für sich verantwortlich. Davon gehen wir hier aus", sagt Reinhard Müller. Er ist Geschäftsführer des Jobcenters Marzahn-Hellersdorf und damit zuständig für Frau Thiel. Jedenfalls für ihre Arbeitslosigkeit. Um ihre eigentlichen Probleme, darauf legt Müller Wert, kann sich das Jobcenter nicht kümmern. "Wir arbeiten beschäftigungsorientiert, nicht sozialorientiert."

Vor der Wende hat Andrea Thiel in einem Laden des Leuchtmittel-Kombinats Narva gearbeitet. 1990 wurde es aufgelöst. Seitdem hatte sie nie wieder einen Job. Im ersten Jahr bekam sie Arbeitslosengeld, danach wurde sie vom Sozialamt versorgt. Mit Geld. Doch das Sozialamt arbeitet sozialorientiert, nicht beschäftigungsorientiert. Es half Frau Thiel nicht, Arbeit zu finden, sondern über die Runden zu kommen. Seit der Hartz-IV-Reform im Jahr 2005 hat mit dem Jobcenter endlich eine staatliche Institution die Aufgabe, Frau Thiel in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Nie mehr feste Arbeit

"Für mich kommt das alles zu spät", sagt Andrea Thiel. "Schauen Sie mich an. Ich habe keine Ausbildung, bin krank und nicht leistungsfähig. Seien wir ehrlich: Ich werde nie eine feste Arbeit finden."

Jetzt, 18 Jahre nachdem Frau Thiel arbeitslos wurde, gibt das Jobcenter Gas. Seit dem Frühjahr hat sie einen Ein-Euro- Fünfzig-Job bei dem Projekt Betreuung arbeitsloser Leute und Lebenshilfe, Ball e. V. Sie hilft in der Küche und soll sich ans Arbeiten gewöhnen. Das Jobcenter bezahlt den Verein für die Betreuung von Frau Thiel. Ball e. V. beschäftigt sogar eine Sozialarbeiterin. Doch die war noch nie bei Thiels zu Hause. So weit geht die Lebenshilfe nicht. "Wir kümmern uns um Frau Thiels Chancen am Arbeitsmarkt. Mehr nicht", erklärt Frank Holzmann, Geschäftsführer von Ball e. V.

Jeder Helfer hat nur ein Puzzlestück des Problem-Gemäldes im Blick. Dieses Prinzip hat Frau Thiel nicht vollständig verinnerlicht. Oft ist ihr nicht klar, wen sie in welcher Angelegenheit um Hilfe bitten soll. Darum nervt sie den Fallmanager im Jobcenter mit der Frage, woher sie für ihren Sohn ein neues Bett bekommen soll. Florians Bett ist vor Monaten zusammengebrochen. Seitdem teilt er sich mit der Mutter die Wohnzimmercouch. Der völlig hilflose Fallmanager antwortet ihr, sie habe das Recht, ein Darlehen zu beantragen. Die monatlichen Raten von 80 Euro würden ihr selbstverständlich vom Arbeitslosengeld II abgezogen. Antragsformular, Belege vorlegen, und dann ein Darlehen. Frau Thiel weiß längst nicht mehr, wie hoch sie verschuldet ist, geschweige denn, bei wem. Das Angebot des Jobcenters hilft ihr nicht.

Für Hilfe reicht eine kurze Recherche

Was auch der Fallmanager nicht weiß: Es gibt in Berlin unzählige Organisationen, die Bedürftigen gebrauchte Möbel schenken und, wenn es sein muss, auch bringen, in allen Stadtbezirken. Zehn Minuten Internetsuche reichen, um ein Bett zu finden. Doch von all den Helfern ist niemand dafür zuständig, ein Bett für Frau Thiel zu suchen.

Wann immer sie eine Ausrede findet, schwänzt Frau Thiel ihren Ein-Euro-Fünfzig- Job. Die Kinder müssen nur mal hüsteln, schon können sie nicht zur Schule, und die Mutter muss zu Hause auf das kranke Kind aufpassen. "Bei Ball e. V. lachen die über mich, weil ich so aussehe."

Andrea Thiel sieht viel fern. Am liebsten schaut sie Sendungen über Schönheitsoperationen. In einer wurde behauptet, die Krankenkasse müsse eine Operation bezahlen, wenn jemand psychisch unter seinem Aussehen leide. Oder so ähnlich. "Na, ich leide doch. Und darum ist es mein Plan, mir den Bauch operieren zu lassen. Das ist mein Recht." Später sagt sie, ihr Plan sei es, nach Trier umzuziehen. Dort werden Fachkräfte gesucht. Haben sie im Fernsehen gesagt.

Bei den Thiels wird viel gekuschelt

"Mein größter Fehler waren natürlich die Kinder. Die hätte ich nie kriegen sollen", sagt Andrea Thiel. Die Kinder schreckt das Gerede der Mutter nicht. Sie sind stolz auf eine Mutter, die nicht trinkt, keine Drogen nimmt und sie nicht schlägt. Das ist bei ihren Freunden nicht selbstverständlich. Bei den Thiels wird viel gekuschelt. Andrea Thiel kann ihren Kindern nicht alles geben, was sie brauchen. Aber Liebe, daran mangelt es nicht.

Peter Thiel, der Vater, trägt nichts zum Unterhalt der Kinder bei und beteiligt sich auch nicht an der Erziehung. Er hat insgesamt sechs Kinder mit vier Frauen und bezieht Arbeitslosengeld II. Andrea Thiel befürchtet, Yasmin könnte als nächste Mutter werden. "Sie schaut schon nach den Jungs. Na, dann dauert das nicht mehr lange. Dagegen kann man nix machen."

Vater Thiel war schon mehrmals beim Jugendamt. "Ich habe denen gesagt, dass sie was machen müssen, dass mit dem Haushalt und mit den Finanzen komplett Land unter ist. Ein paarmal war ich schon da. Aber passiert ist nix." Das Jugendamt hat Andrea Thiel Erziehungshilfe angeboten. "Aber denen traue ich nicht. Die kommen mir nicht ins Haus. Das sind meine Kinder, und da bestimme ich."

Gegen den Willen der Eltern geht nichts

Frau Thiel hat recht, juristisch. Das Jugendamt kann nur tätig werden, wenn Eltern die Hilfe beantragen. Gegen ihren Willen läuft nichts. Das Grundgesetz garantiert Andrea Thiel das uneingeschränkte Erziehungsrecht. Nur wenn das Kindeswohl massiv in Gefahr ist, kann ein Gericht den Eltern das Sorgerecht entziehen. Doch Yasmin und Florian aus einer Familie zu reißen, in der sie geliebt werden, dafür reichen die Probleme ihrer Mutter nicht.

Manuela Schmidt, die für das Jugendamt zuständige Bezirksrätin, hat kapituliert: "Wir als Jugendamt allein können mit unseren Mitteln und Methoden einer Familie mit so gravierenden Problemen nicht nachhaltig helfen." Die Kommunalpolitikerin reicht den schwarzen Peter weiter zum Land und schließlich zum Bund. "Das sind Probleme, mit denen wir als Bezirk überfordert sind." Doch die für den Bund zuständige Familienministerin Ursula von der Leyen schiebt die Karte zurück. Sie vertritt den Standpunkt, Jugendämter seien Angelegenheit der Kommunen. Rechtlich ist das korrekt. Yasmin und Florian wachsen derweil weiter ohne staatliche Erziehungshilfe auf.

Frau Zauber würde gern helfen. Sie ist Florians Schuldirektorin. Yasmin besucht eine andere Grundschule. Frau Zauber weiß schon nicht mehr, wie oft sie Frau Thiel geschrieben und zu Gesprächen eingeladen hat und wie oft Frau Thiel nicht gekommen ist. "Meistens geht es um Florians Fehlzeiten. Die Mutter meldet ihn laufend krank." Die Direktorin will erreichen, dass Florian irgendwann einmal den Hauptschulabschluss schafft. "Wenn die Mutter endlich richtig mitzieht, dann packt er das noch." Aber Frau Thiel zieht nicht mit. "Die Frau Zauber kann den Florian nicht leiden", glaubt sie und sträubt sich gegen die Idee eines Hauptschulabschlusses. "In dem Florian steckt mehr. Ich will, dass er Archäologe wird. Aber da braucht man Abitur."

"Wir brauchen mehr Kontrollen

In der DDR mussten alle Klassenlehrer alle Eltern einmal im Schuljahr zu Hause besuchen. Und wenn die Schule einlud, hatten die Eltern zu erscheinen. "Nun will ich sicher nicht das Bildungssystem der DDR verteidigen", sagt Direktorin Zauber, "aber wir brauchen mehr Handhaben. Pflichten, Kontrollen und eine gewisse Strenge, um auf die Eltern einwirken zu können." Frau Zauber sagt, Andrea Thiel sei bei Weitem keine Ausnahme. "Wir haben deutlich härtere Fälle. Und jedes Schuljahr mehr."

Am nächsten Tag werden Florian und Yasmin wieder in der Schule fehlen. "Die haben uns das warme Wasser abgestellt, im ganzen Haus", sagt Frau Thiel am Nachmittag. Ihr erster Gedanke: "Dann können die Kinder ja morgen früh nicht duschen. Und ungeduscht lasse ich die nicht zur Schule." Es ist Sommer, warum nicht kalt duschen? Andrea Thiel schaut entsetzt. "Wir sind arm, aber darum müssen wir noch lange nicht kalt duschen."

Der nächste Tag ist ein Feiertag. Die Stütze ist da. Die drei Thiels beeilen sich, möglichst schnell ins Eastgate zu kommen, das nächstgelegene Einkaufszentrum. Der Shoppingausflug verursacht bei den Kindern Bauchweh. Alle drei schleppen sich in die Praxis der Kinderärztin Ulrike Ertel. Sie sind hier erst seit wenigen Monaten Patienten. Seitdem versucht Ertel herauszufinden, ob es bereits Untersuchungsergebnisse über den Entwicklungsstand der Kinder gibt. Vergebens. Wegen des Datenschutzes hat die Krankenkasse keine Informationen, und untereinander dürfen Ärzte Daten nicht einfach austauschen. "Viele Eltern sind nicht auskunftsfähig über ihre Kinder", sagt Frau Ertel. "Die haben keinen Impfausweis, kein Untersuchungsheft, wissen nicht mehr, bei welchen Ärzten die Kinder schon waren."

Zehn Minuten Elterngespräch beim Arzt reichen nicht

Im Krankenkassenbudget der Kinderärzte ist keine Zeit für diese Detektivarbeit vorgesehen, sondern nur ein kurzes Elterngespräch, zehn Minuten pro Kind im Quartal. In zehn Minuten kann Frau Thiel einem Arzt nichts erklären. Und kein Arzt kann ihr etwas erklären. "An solchen Patienten verdiene ich nicht nur nichts. Ich zahle drauf. Das ist so, aber das interessiert mich als Ärztin nicht", sagt Ulrike Ertel.

Wegen Florians Fettleibigkeit ist sie ernsthaft besorgt. Für ihn hat sie ein Sozialpädiatrisches Zentrum ausfindig gemacht, die ein passendes Therapieprogramm für übergewichtige Kinder anbietet: "Mops fidel". Weil es immer mehr mopsige Kinder gibt, ist es völlig überlaufen. Trotzdem hat Frau Ertel in mehreren Anrufen schließlich erreicht, dass Florian bereits nach wenigen Wochen einen Termin bekommen hat. Doch Florian und seine Mutter sind nicht erschienen. Für die nächsten Monate ist die Chance vertan. "Wir haben ganz viele unreife, überforderte Eltern. In den letzten Jahren ist das sprunghaft angestiegen", sagt Ulrike Ertel.

Man sieht der Ärztin an, wie nahe sie die Kinder und ihre Probleme an sich heranlässt. "Meine Arbeit verlagert sich immer mehr in Richtung psychosozialer Beratung. Das ist oft psychisch belastend." Mit weicher Stimme plädiert sie für mehr Härte: "Mit Appellen an die Vernunft kommt man bei vielen Eltern nicht weit. Ohne Kontrolle geht es eben nicht. Kontrolle ist der entscheidende Punkt."

Kein Problembewusstsein

Doch Kontrollen sind nicht vorgesehen. Das gesamte System staatlicher Hilfen beschränkt sich auf zwei Methoden. Erstens: Geld verteilen. Doch Geld macht nicht sauber, erzieht keine Kinder, organisiert einem nicht das Leben. Die Probleme bleiben. Zweitens: Angebote machen. Zum Wesen eines Angebotes gehört die Freiwilligkeit. "Leider werden unsere Angebote von denen, die sie dringend annehmen sollten, nicht angenommen", hat AOK-Mann Henry Kotek festgestellt. Es ist ein wesentliches Merkmal von Menschen wie Frau Thiel, dass sie ihre Situation nicht richtig einschätzen können. Und wer kein Problembewusstsein hat, hält Hilfe für unnötig und nimmt Hilfsangebote nicht an.

In den vergangenen 20 Jahren ist der Markt an staatlich finanzierten Maßnahmen und Programmen rasant gewachsen. Selbst den Profis der Branche fällt es schwer, sich zurechtzufinden. Von Frau Thiel wird erwartet, in diesem Durcheinander ihren Weg und die für sie richtige Hilfe zu finden.

Ausgerechnet auf die Thiels, auf die Familien, die am meisten auf Hilfe angewiesen sind, ist das Hilfssystem nicht eingestellt. Sie sind mit ihren Problemen nicht vorgesehen. Frau Thiel braucht jemanden, der sie an die Hand nimmt. Nicht nur in einem Teilbereich ihres Lebens, sondern nahezu überall. Nicht nur für die Dauer einer Maßnahme, sondern kontinuierlich, über eine lange Zeit. Sie braucht jemanden, der alle Hilfen koordiniert und dafür sorgt, dass die Strategie nicht laufend geändert wird - mal sozialorientiert, dann wieder beschäftigungsorientiert. Sie braucht einen Manager für ihr Leben, einen Coach.

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