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"Männer kämpfen länger"

Wie erklärt man einem Patienten, dass er bald sterben wird? Und was machen Menschen, wenn sie die Gewissheit eines baldigen Todes haben? Im stern.de-Interview spricht Krebsspezialist Wolfgang Hiddemann über die Betreuung der Patienten und verrät, wie unterschiedlich Männer und Frauen mit dem Sterben umgehen.

Herr Hiddemann, wie erklären Sie einem Patienten, dass er in ein paar Monaten sterben wird?

So etwas sagen wir keinem Patienten, weil wir das nicht wissen. Ob einer noch ein halbes Jahr zu leben hat, oder fünf Jahre, das können wir nicht prophezeien. Diese Prognosen sind zu 99 Prozent falsch. Wenn die Möglichkeiten der Therapie ausgeschöpft sind, sagen wir dem Patienten, dass er sich an den Gedanken gewöhnen muss, möglicherweise an dieser Krankheit zu sterben, dass wir diesen Weg aber mit ihm gehen, ihm helfen, gut und ohne Schmerzen zu sterben, dass wir aber nicht wissen, wann genau das sein wird.

Kommt dazu der Chefarzt mit ernster Mine und setzt sich an das Bett?

Fast immer ist es so, dass die Patienten danach fragen - allerdings auf Umwegen. Da geht es etwa um die Frage: "Ich habe noch zwei Karten für das Bayern-Spiel in vier Wochen. Soll ich die zurückgeben?". Aus dieser Situation heraus entstehen oft Gespräche, in denen es um Leben und Tod geht. Die führen aber nicht nur wir. An unserer Klinik gibt es eine Psychologin, die speziell für die Betreuung krebskranker Menschen ausgebildet wurde und sich auch um sie kümmert.

Ist das in einem normalen Krankenhausbetrieb eigentlich möglich, etwa in einem Mehrbettzimmer?

Das ist ja nicht unser Alltag. Unser Alltag ist es, zu heilen, den Patienten zu vermitteln, dass sie sich eigentlich auf die Therapien freuen sollten, weil es dann für sie eine gute Chance gibt, wieder gesund zu werden. Aber wir können den Tod nicht ausschließen. Und es ist auch nicht schlimm, wenn der Mitbewohner des Krankenzimmers merkt, dass der Mensch neben ihm sterben wird. Manchmal bietet er von sich aus an, das Zimmer zu verlassen oder der Patient bittet um ein Gespräch unter vier Augen. Das ist alles möglich.

Wie reagieren Menschen auf die Gewissheit, nur noch eine sehr eng begrenzte Zeit zu haben?

Da gibt es verschiedene Phasen, die allerdings nicht immer in einer bestimmten Reihenfolge auftreten. Dazu gehören die quälenden Fragen nach dem "warum gerade ich?". Es kann zu Aggressionen kommen, gegen sich selbst und die Umgebung, am Ende wird alles unwichtig. Da geht es dann nur noch darum, Frieden zu finden, mit sich selbst und der Familie. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen erst dann wirklich loslassen konnten, wenn langjährige familiäre Konflikte bereinigt waren. Das ist eine Erlösung für sie. Alles andere zählt da nicht mehr.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Die gibt es. Männer kämpfen länger, wollen das Ende nicht akzeptieren. Frauen lassen schneller los, wenn es wirklich keine Hoffnung mehr gibt.

Werden Sie manchmal darum gebeten, einen Sterbenden zu erlösen?

Das kommt eigentlich nicht vor. Manchmal sagen Patienten: "Helfen Sie mir, wenn ich es gerne möchte und es mir zu viel wird." Wir antworten dann, dass wir helfen werden, friedlich und ohne Schmerzen zu sterben. Aber aktive oder passive Sterbehilfe gibt es nicht. Die ist dank der modernen Schmerztherapien, die leider oft nicht immer so eingesetzt werden, wie sie eingesetzt werden könnten, auch nicht notwendig. Der ehemalige Präsident der "Gesellschaft für humanes Sterben" ist hier bei uns ganz normal und friedlich eingeschlafen.

Und wenn Angehörige darum bitten, dem Kranken seinen wahren Zustand zu verschweigen, damit er noch ein paar gute Wochen voller Hoffnung hat?

Da wird damit argumentiert, dass er die Wahrheit nicht ertragen kann. Doch in Wirklichkeit sind es meistens die Angehörigen, die mit der Wahrheit nicht umgehen können. Menschen an der Grenze ihres Lebens werden damit überraschend oft gut damit fertig. Es mag komisch klingen. Wir lachen auch gemeinsam. Davon einmal abgesehen. Wenn der Patient merkt, dass wir ihn belügen - und irgendwann registriert er das mit Sicherheit, vertraut er uns nicht mehr. Und damit wäre die Grundlage unserer Arbeit zerstört

Doch sterben will er zu Hause, in seiner vertrauten Umgebung.

Das ist so eine Frage. Wir empfehlen es nicht, weil wir uns auch in den letzten Stunde und Minuten um ihn kümmern, ihm Schmerzen ersparen können, was in einer normalen Wohnung eigentlich nicht so gut möglich ist. Wir haben hier unsere Palliativ-Station. Patienten, bei denen absehbar ist, dass sie die nächsten Stunden oder Tage nicht überleben, bekommen ein eigenes Zimmer, in dem ein ihnen vertrauter Mensch Tag und Nacht bei ihnen sein kann. Einfach nur dasitzen, ihm die Hand halten, ihm das Gefühl geben: "Ich bin nicht allein." Das ist es, worauf es ankommt. Das ist ein würdiger Abschied und in einem gewissen Sinne auch das Schöne am Sterben.

Interview: Rupp Doinet

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