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Der 40.000. ist ein Kommunist

Seit 20 Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig seine Stolpersteine. Am Mittwoch hat er den 40.000. eingesetzt. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Und das wohl folgenreichste Kunstprojekt Europas.

Von Anja Lösel

  Seit 20 Jahren legt Gunter Demnig Stolpersteine - zuerst in Deutschland, dann in ganz Europa. Sie werden mit Blumen geehrt, aber auch mit Farbe beschmiert oder herausgerissen.

Seit 20 Jahren legt Gunter Demnig Stolpersteine - zuerst in Deutschland, dann in ganz Europa. Sie werden mit Blumen geehrt, aber auch mit Farbe beschmiert oder herausgerissen.

40.000 Stolpersteine. Eine unglaubliche Zahl. Als der Berliner Künstler Gunter Demnig vor rund 20 Jahren die Idee zu den kleinen Gedenkplatten aus Messing hatte, konnte sich niemand vorstellen, dass er einmal so viele davon verlegen würde. Durchschnittlich sechs pro Tag sind es, jeder einzelne Stolperstein eigenhändig eingesetzt. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Stolpersteine - das sind kleine Schilder, eingelassen in das Pflaster des Gehweges. Sie tragen Namen und Daten von Menschen, die von den Nationalsozialisten entrechtet, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. Stutzen soll man, verharren, sich hinunterbeugen zu den Steinen, auf denen in dürren Worten Schreckliches zu lesen ist. "Deportiert Auschwitz ermordet" etwa oder "Theresienstadt für tot erklärt". Man hält für einige Augenblicke inne, schaut wieder hoch und begreift: Aus diesem Haus wurden Menschen verschleppt und getötet.

Stolpersteine auch für Kommunisten

Im holländischen Drieborg verlegte Gunter Demnig am Mittwoch seinen 40.000sten Stolperstein. Nur 350 Einwohner hat der kleine Ort, aber eine bewegte Geschichte. Hier richtete der Pfarrer Bastiaan Jan Ader zur Zeit der Deutschen Besatzung ein Versteck für Verfolgte der Nazis ein – unter seiner Kirche. Zehn Kommunisten aus dem Ort taten es ihm gleich und boten Juden und Roma Unterschlupf in ihren Backsteinhäuschen, obwohl sie darin selbst beengt wohnten. Alle zehn und auch der Pfarrer wurden verraten und 1941 und 1942 von den deutschen Besatzern erschossen. Als Lenie 't'Hart von den Stolpersteinen erfuhr, wusste sie sofort: Das wäre eine gute Sache für Drieborg. Sie ist eine zupackende Frau, Leiterin einer Seehund-Aufzuchtstation, mitfühlend und doch resolut. Sie und ihr Mann Karst van der Meulen waren allerdings erst einmal unsicher: "Gibt es auch Stolpersteine für Kommunisten?" Ja, gibt es. Also regten sie den ersten in Drieborg an und übernahmen die Patenschaft (120 Euro). Das war der Anstoß für andere Familien und auch für die kommunistische Partei, sich für Stolpersteine einzusetzen. Neun weitere gibt es nun seit Mittwochmorgen um neun. Einer davon ist der 40.000.

Familie, Freunde und Nachbarn gucken zu

Natürlich ist Gunter Demnig selbst gekommen, wie immer, mit seinem Lieferwagen voll goldglänzender Stolpersteine. Im Gehweg vor den Backsteinhäuschen hat er die kleinen Quader einzementiert. Familien und Nachbarn der getöteten Kommunisten guckten zu, man lief gemeinsam von Haus zu Haus, und viele hatten Tränen in den Augen. Seltsam nur: Pfarrer Adel ging leer aus. Das liegt an der Bescheidenheit seines Sohnes Erik. Der wollte, dass endlich einmal an die fast vergessenen Kommunisten erinnert wird. "Mein Vater wurde schon so oft geehrt, vor Jahren sogar mit einer Straße", sagt er. Aber wer weiß, vielleicht kommt Gunter Demnig ja noch einmal nach Drieborg: "Irgendwann sollte auch der Pfarrer einen Stolperstein bekommen."

40.000 Solpersteine - ein Grund, sich eine Pause zu gönnen? Für sowas hat Gunter Demnig keine Zeit. Die Drieborger Schulkinder werden ohne ihn auskommen müssen, wenn sie am Wochenende vor den Stolpersteinen singen und Blumen niederlegen. Der nächste Stolperstein-Ort wartet schon. Demnig ist immer auf Achse - unterwegs zu neuen Orten, neuen Menschen, neuen Geschichten.

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