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Arbeitswelt: Deutsche fordern Systemwechsel statt Nachbesserungen

In Hamburg präsentiert Peter Kruse, nextpractice, die Ergebnisse einer Kollektiven-Intelligenz-Studie im Auftrag der Körber-Stiftung: Leistungsdruck und Stress prägen die deutsche Arbeitswelt.

Von Mirko Zapp

Peter Kruse, Geschäftsführer des Bremer Instituts nextpractice, stellt auf dem Symposium in der Hamburger Körber-Stiftung die Studie "Alter: Arbeit und Leben" vor.

Peter Kruse, Geschäftsführer des Bremer Instituts nextpractice, stellt auf dem Symposium in der Hamburger Körber-Stiftung die Studie "Alter: Arbeit und Leben" vor.

Gerade mal 45 Minuten hat Peter Kruse, Geschäftsführer des Bremer Instituts nextpractice, um dem Fachpublikum des Symposiums "Potenziale des Alters" die Wertewelt der Deutschen nahezubringen. "Alter: Arbeit und Leben" ist der Titel der Studie, die unser aller Seelenleben ergründet hat. Im Stakkato ackert Kruse entgegen jedem Professorenklischee durch die Präsentation und brennt ein Feuerwerk von Erkenntnissen und Schlussfolgerungen ab.

Die Methode der Studie ist einzigartig. In 205 Interviews über je zwei Stunden Dauer assoziierten die Befragten frei zum Thema Alter und erzeugten 2720 ungestützte Aussagen. Diese Aussagen bewerteten sie in einem schnellen, intuitiven Durchlauf durch ein "Gut-Schlecht-Raster". Fasst ebenso schnell beschreibt Kruse den weiteren Verlauf: Es entsteht ein Werteraum der Deutschen, der ihr Befinden bezüglich Arbeit und Leben im Kontext von Alter lokalisiert. Und überdeutlich wird sichtbar, so Kruse: Die Arbeitswelt heute liegt, ganz im Gegensatz zur Arbeitswelt gestern, weit weg von der Idealvorstellung der Deutschen.

Vier sehr gegensätzliche Alterstypen

Doch von vorn. Die Deutschen lassen sich in vier Alterstypen einteilen – und diese stehen sich beinah diametral gegenüber, so die Studienergebnisse: der hedonistische Alterstyp (30 Prozent) dem wertkonservativen (14 Prozent), der leistungsorientierte (22 Prozent) dem solidarischen Alterstyp (34 Prozent). Viel Sprengstoff liege in dieser Aufstellung, denn die Standpunkte der Typen sind unvereinbar kontrovers und der Dialog der Typen untereinander also recht schwierig.

Diese Typen haben klar voneinander abgegrenzte Wertvorstellungen – und das auch im Bezug auf die Arbeitswelt. Mangelnde Solidarität, fehlende Anerkennung oder zu wenig Ich-Verwirklichung, dafür eine Überbetonung der individuellen Leistungsfähigkeit, Eigeninitiative und Selbstverantwortung – das sind die Kritikpunkte der drei unzufriedenen Alterstypen. Sie machen immerhin zusammen 78 Prozent der Befragten aus. "Es geht um Geld, Macht und Ego, alle werden zu Einzelkämpfern" – so beschreibt ein 50-jähriger Angestellter es in eigenen Worten in der Studie.

Die hässliche Schwester der Freiheit

Zufrieden ist nur der "aktiv-leistungsorientierte Typ", doch mit 22 Prozent ist er bei weitem nicht in der Mehrheit. Für ihn stehen Freiheit und Selbstbestimmung im Mittelpunkt, deshalb bewertet er die Förderung von Eigeninitiative positiv. Er ist ein Macher und glaubt an seine persönliche Stärke. Die übrigen Befragten sehen deutlich die hässliche Schwester der individuellen Freiheit und Selbstverantwortung, wie Burnout, Sinnlosigkeit, Misserfolg, Leistungsdruck, Stress.

Die Überbetonung von Eigenverantwortung führt im zweiten Schritt dazu, dass alle diese Negativerfahrungen auf das persönliche Unvermögen jedes Einzelnen zurückgeführt werden. Und jeder Einzelne empfindet das dann auch so, obwohl den Entwicklungen häufig gesamtgesellschaftliche Probleme zu Grunde liegen. "Keine weiteren Appelle", bittet Peter Kruse: "Ein Pochen auf mehr Eigeninitiative und Engagement wird insbesondere bei den älteren Menschen zunehmend Gegenwind erzeugen."

Blick in die Zukunft

Doch die Ergebnisse sind grundlegenderer Natur. Insgesamt "verschieben sich mit dem demografischen Wandel die Präferenzen der Menschen von Wettbewerb und Effizienz zu Solidarität", so Kruse. Und weiter: "Es geht nicht um mehr individuelle Motivation, sondern um mehr soziale Gerechtigkeit." In seiner Präsentation sind alle 205 Interviewpartner als kleine blaue Kugeln in ihrer individuellen Stimmungslage verortet. Blicken sie optimistisch in die Zukunft, pessimistisch, begeistert oder doch eher verzweifelt?

Im Mittelwert empfinden die Deutschen den derzeitigen Zustand als so schlecht, dass sie nicht an eine Systemoptimierung glauben, sondern einen grundlegenden Systemwechsel vorziehen würden. Die Zeit ist also günstig, um zukunftsweisende Modelle zu entwickeln. Kleiner Tipp aus den Studienergebnissen: Das bedingungslose Grundeinkommen wird bei der Bewertung, was ein Erfolgsmodell für Deutschland sein könne, als annährend ideal eingeschätzt. Die derzeitige Renten- und Sozialpolitik wird dagegen als grundlegend gescheitert wahrgenommen.

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