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Der Anwalt des Bösen

Manch einer nennt ihn "Anwalt der Lumpen". Seit zwei Tagen ist Sven Mary der Verteidiger des Terroristen Salah Abdeslam - und stellt sich immer wieder quer. Wer ist der Mann mit dem Faible für besonders heftige Fälle?

Von Sophie Albers Ben Chamo

Sven Mary - der zur Zeit wohl unbeliebteste Anwalt der Welt

Sven Mary - der zur Zeit wohl unbeliebteste Anwalt der Welt

Steven Spielberg hat gerade über Anwälte wie ihn einen Film gedreht: In "Bridge of Spies" spielte Tom Hanks den Verteidiger eines russischen Spions und das mitten im Kalten Krieg. Er und seine Familie werden dafür angefeindet und mit dem Tode bedroht. Schließlich mache er gemeinsame Sache mit dem Todfeind, so die Logik. So und so ähnlich klingen auch die Vorwürfe gegen Sven Mary. Der belgische Anwalt hat soeben einen der aktuell unrühmlichsten Jobs unserer westlichen Gesellschaft angetreten: Der 43-Jährige verteidigt den Terroristen Salah Abdeslam, den einzigen noch lebenden Angreifer der Anschläge von Paris im November, bei denen 130 Menschen ermordet und 352 verletzt wurden. 

Mary ist kein Unbekannter. Er ist einer der bekanntesten Anwälte Belgiens und, laut "Le Monde", eigentlich der einzige für den Job. Der Belgier hat nämlich Erfahrung mit Aufregerfällen: So vertrat er unter anderem bereits den Islamisten Fouad Belkazem, die Schwerverbrecher Nordin Benallal und Ashraf Sekkaki, den Mörder Bruce Sauw und auch den Dutroux-Komplizen Michel Lelièvre.

Liebenswertes Großmaul

Der belgischen Tageszeitung "Le Soir" sind bei einer Beschreibung des Charakters von Sven Mary fast die Wörter ausgegangen: Der Flame sei aufbrausend, ein Großmaul, ein Störenfried, liebenswert, fesselnd, streitlustig, nervig, provokant, vor allem aber ein exzellenter Strafrechtler.

Diese Berufswahl war nicht immer klar: Eigentlich wollte Mary Profifussballer werden. Er hat im Juniorteam des Brüssler Vereins Anderlecht gespielt, bis ihn eine Verletzung zum Umdenken zwang. Seitdem greift er im Gerichtssaal an. "Die Grundlage meiner Arbeit ist es, dafür zu sorgen, dass der Rechtsstaat respektiert wird: auch von denen, die ihn durchsetzen", zitiert "Le Soir" den Anwalt. Sein erstes Ziel ist nun, die Auslieferung Abdeslams nach Frankreich zu verhindern. "Wir brauchen Abdeslam in Brüssel", zitiert "France 24" Mary. "Wir müssen vor unserer eigenen Haustür kehren." Eine hastige Auslieferung sei zudem von Schuldgefühlen getrieben, "weil die Angriffe in Belgien geplant und vorbereitet wurden, und weil mehrere der Angreifer aus Brüssel kamen".

Gegen Willkür und Machtmissbrauch

Er kämpfe gegen Willkür und Machtmissbrauch, sagt Mary. Und davon gebe es seit den Anschlägen vom November reichlich. Wenn jemand als "Staatsfeind Nummer eins" bezeichnet werde, sei das ein Missbrauch von Autorität. Das wolle er bekämpfen. "Das finde ich gerecht", hat Mary in der Zeitung "Métro" erklärt.


Der nächste Aufreger folgte Sonntag: Da hat Mary angekündigt, den französischen Staatsanwalt François Molins verklagen zu wollen. Weil dieser öffentlich über die Aussagen Abdeslams in der Vernehmung gesprochen habe, habe er gegen die Geheimhaltungspflicht der laufenden Ermittlungen verstoßen.

Auch Sven Mary hat ein Limit 

Gleich nachdem Abdeslam am 18. März in Brüssel verhaftet wurde, hatte Mary bereits Interesse an dessen Fall bekundet. Tatsächlich sei er schon im Januar von einem offensichtlich mit Abdeslam in Verbindung stehenden Mann auf eine mögliche Verteidigung angesprochen worden. Doch habe der sich nie wieder gemeldet. Nach Abdeslams Verhaftung hätten ihn andere Leute kontaktiert, berichtet Mary.

Seine einzige Bedingung für die Verteidigung des 26-Jährigen sei gewesen, dass dieser nicht leugne, in Paris und an den Angriffen beteiligt gewesen zu sein. "Das hätte mich gelangweilt", sagte er dem "Express".

Sven Marys Limit? "Ich würde jeden verteidigen - bis auf die extreme Rechte."

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