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Gewalt ist zeigbar, Brüste werden retuschiert

Tote Kinder, Massengräber und Hinrichtungen - die sozialen Medien sind voll von grausamen Bildern aus den Krisenregionen. Warum löschen Twitter und Co. die Bilder nicht?

Von Katharina Blaß

  Nur ein Klick von extremer Gewalt entfernt: Der Warnhinweis ist einem Hinrichtungs-Video auf Youtube vorgeschaltet.

Nur ein Klick von extremer Gewalt entfernt: Der Warnhinweis ist einem Hinrichtungs-Video auf Youtube vorgeschaltet.

Die Mitglieder der Terror-Miliz Islamischer Staat kennen kein Erbarmen. Mordend ziehen sie durch den Irak und erschießen, enthaupten und foltern die "Ungläubigen". Und die Internetnutzer schauen zu. Über Facebook, Youtube und Twitter sind die Protokolle der Schlächter für jedermann einsehbar. Blut, Köpfe und Gedärme sind ohne Einschränkung zu sehen. Die Bilder werden nicht gelöscht. Nach wenigen Klicks liegen die Fotos und Videos offen vor dem User, er kann sich darin umsehen wie in einem Gruselkabinett.

Bei Youtube erscheint ab und an vor dem Start der Hinweis "Diese Video ist möglicherweise für einige Nutzer unangemessen." Ein Klick auf "Ich habe das verstanden und ich möchte fortfahren" reicht den Plattformbetreibern allerdings als Schutz vor dem dann folgenden Elend. Und das trotz des Hinweises in den Community-Richtlinien: "Drastische oder grundlose Gewalt ist nicht zulässig. Wenn in deinem Video jemand verletzt, angegriffen oder erniedrigt wird, solltest du es nicht einstellen. YouTube ist keine Schocker-Website. Stelle keine schockierenden Videos von Unfällen, Leichen oder Ähnlichem ein."

Wer gegen Gewalt ist, darf Gewalt posten

Auf Twitter sind die Bilder mit den gleichen Hashtags versehen, wie die Bilder von Journalisten und Augenzeugen mit informativem Mehrwert. Ein Drüberhinwegsehen ist daher ausgeschlossen. Obwohl es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt "Sie dürfen keine expliziten, spezifischen Gewaltandrohungen gegen andere veröffentlichen oder posten", werden die Bilder nicht gelöscht.

Auf Facebook muss man zwar sehr lange suchen und auch viel über die Situation im Irak wissen, um an solche Bilder und Videos zu gelangen, aber auch hier gibt es sie. Facebook hat dazu eine Stellungnahme abgegeben, die viele Nutzer verwundert. Ganz bewusst lasse man solche Inhalte bestehen. Diese Gewaltvideos seien Teil des gesellschaftlichen Diskurses und Facebook wolle Teil dieser Diskussion sein, sagte ein Sprecher dem Radiosender N-JOY. Es komme auf den Kontext an, in dem die Inhalte gepostet werden. Wer gegen Gewalt ist, darf Gewalt posten. Und wer nur so tut, der auch. Auf keinen Fall Teil des Diskurses will Facebook allerdings bei nackter Haut sein. Hier werden alle Bilder von Frauen mit nackten Brüsten, einschließlich die der politisch motivierten Femen-Gruppe, retuschiert. Immerhin werden seit Juni die Fotos von stillenden Müttern nicht mehr gesperrt. Trotzdem bleibt die Argumentation pro Gewalt und contra Brüste schleierhaft.

Die Terroristen sind Social-Media-Profis

Während sich Facebook als neutrale Plattform gibt und die erschreckenden Bilder und Videos bewusst im Netz lässt, behauptet die Videoplattform Youtube, sie sei einfach überfordert mit der Masse an Filmstunden, die täglich hochgeladen werden. Seltsam ist nur, dass Youtube ein geklautes Musikvideo schneller von der Seite löscht, als der Nutzer "Urheberrecht" sagen kann. Youtube verweist bei roher Gewalt auf den Button unter dem Video, mit dem man es melden kann.

Der Kurznachrichtendienst Twitter hat wohl eine der schwersten Aufgaben zu bewältigen, denn hier verfolgt der Islamische Staat seine Social-Media-Strategie mit aller Härte und bringt es damit auf eine beachtliche Reichweite: Von April bis Juli konnten sich Befürworter der Terrorgruppe eine Android-App herunterladen, über die sie den IS-Kämpfern ihre Twitteraccounts zur Verfügung stellten. So verschickten die Extremisten allein an dem Tag, an dem sie die nordirakische Stadt Mossul einnahmen 40.000 Tweets über die gekapterten Accounts. Das berichtet "The Atlantic". Ein weiteres Beispiel für die Twitter-Macht der Extremisten: Als sie sich auf Bagdad zubewegten, twitterten sie über die App Tausende von Tweets mit dem Bild eines IS-Kämpfers mit der schwarzen Flagge. "Wir kommen, #Bagdad", stand darunter geschrieben. Wer dann unter dem Hashtag Bagdad suchte, erhielt als ersten Treffer diese Nachricht. Eine Medienstrategie der Einschüchterung.

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