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Journalismus ist unabhängiges Denken

Der Ullstein-Verlag richtete eine Trauerfeier für Peter Scholl-Latour aus. Hans-Ulrich Jörges würdigte den großen Welterklärer in einer bewegenden Rede. Hier der Wortlaut.

  Der Autor und Publizist Peter Scholl-Latour starb mit 90 Jahren im August diesen Jahres in Rhöndorf. 1983 war er kurrzeitig Chefredakteur des stern.

Der Autor und Publizist Peter Scholl-Latour starb mit 90 Jahren im August diesen Jahres in Rhöndorf. 1983 war er kurrzeitig Chefredakteur des stern.

Die Trauerfeier für Peter Scholl-Latour fand am Donnerstag im Berliner Hotel Adlon statt. Neben Ulrich Wickert und der Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz hielt Hans-Ulrich Jörges eine der Trauerreden. Wenn er von Eva spricht, ist damit Eva Schwinges, die Witwe Scholl-Latours gemeint. Die Dokumentation:

"Liebe Eva, meine Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,

'Journalismus ist Reden auf dem Flur', lautete früher ein vielfach bestauntes Bonmot über unseren Beruf. Der Satz meinte: Nicht in Redaktionskonferenzen werden die besten Themen geboren, sondern durch zufälligen Austausch auf halbdunklen Verlagsfluren. Das klang kreativ, authentisch, fast ein wenig aufmüpfig.

Heute müsste man wohl formulieren: Journalismus ist Googeln im Netz. Denn wer in Redaktionsstuben schaut, sieht gebeugte Gestalten mit starrem Blick auf den Bildschirm. Die virtuelle Welt ersetzt ihnen die erlebte.

Abschreiben und Fremddenkenlassen sind denn auch die aktuellen Deformationen des Berufs.

Der Konformitätsdruck ist enorm. Gerne kämmt man die Gedanken nach den Moden der Zeit. Das ist doppelt gefährlich, denn das Internet und die sozialen Netzwerke sind, wie wir im Konflikt um die Ukraine anschaulich erleben, Schaubuden professioneller Desinformation und Manipulation geworden.

Journalismus ist Denken mit dem eigenen Kopf, hätte wohl der Leitsatz Peter Scholl-Latours gelautet. Unabhängiges Denken, genährt von Neugier, hartnäckiger Recherche und persönlicher Anschauung – unter oftmals abenteuerlichen, gelegentlich auch höchst riskanten Umständen.

Ich möchte ergänzen: Journalismus ist eine Charakterfrage. Entweder man hat die Kraft zu widerstehen – oder man lässt sich mitreißen von anderen. Diese Wahl muss jeder in diesem Beruf treffen. Sie gilt dann für ein Leben. Peter hat sich früh und klar entschieden. Dem bequemen, ja feigen Rudeljournalismus hat er sich verweigert – immer und unter allen Umständen. Er war, um im Bild zu bleiben, als einsamer Wolf unterwegs, in den Kriegen, Konflikten und kulturellen Konfrontationen der Welt. Aufklärung war sein Motiv.

Daraus sind seine Stärke, seine Glaubwürdigkeit, seine Überzeugungskraft erwachsen. Peters Berichterstattung aus der Gefangenschaft des Vietcong war beispielhaft, ja sensationell damals; sein Flug nach Teheran an der Seite des aus dem Exil zurückkehrenden Ajatollah Chomeini ein Glanzstück großer Reportage. Mit Pressesprechern, mit Spindoktoren, mit bezahlten Propagandisten hat er sich nie abgegeben. Er hat jene gesucht, jene befragt, jene beobachtet, die Zeiten prägten und die Welt veränderten. Und sein Ruhm, der eines unbeirrbaren Wahrheitssuchers, hat ihm den Weg zu allen eröffnet. Sie wollten ihn nicht weniger kennenlernen als er sie.

  Auf der Trauerfeier: Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Ehefrau Barbara

Auf der Trauerfeier: Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Ehefrau Barbara

Das hat, wir wollen es nicht vergessen, Neid und Missgunst aus dem Rudel der Angepassten provoziert. Er hat das gelassen ertragen. Denn er wusste, wie sein Publikum, dass man sich Neid hart erarbeiten muss. Vom Neid verschattet sind immer nur die Neider.

Peter hat sich und den Deutschen die Welt erschlossen

, Afrika und Asien, den Nahen und Mittleren Osten vor allem. Alles wollte er gesehen und gedacht, geschmeckt und gerochen, erlitten und genossen haben. Die ganze Welt. Restlos. Im 90. Lebensjahr noch wollte er mich an Bord eines russischen Atomeisbrechers an den Nordpol begleiten. Es hat sich nicht gefügt. Am Anfang war er einer von wenigen, die ihren Beruf so verstanden, am Ende der Letzte. Ein Jahrhundert-Reporter. Und der Erkunder eines Jahrhunderts.

Als Welterklärer fand er sich auf Augenhöhe mit einem Zweiten, der aus einem ganz anderen Leben kam: Helmut Schmidt. Ich hatte einmal die Ehre, eine Diskussion der beiden zu moderieren. Das war nicht ganz einfach, denn jeder war ein wenig von seiner eigenen Schwerhörigkeit geplagt. Aber sie verstanden und respektierten sich nicht nur, ich glaube, sie liebten sich auf ihre spröde Weise.

Die Haltung war es, die sie vereinte. Radikale, oft provozierende, mitunter verstörende Entschlossenheit zum eigenen Urteil, zum unangepassten Denken. Peters letztes Buch, das wir heute in Händen halten, ist ein Dokument dieser Haltung, dieses Aufbegehrens gegen die Macht der Geschichtslügen. Der medialen Mobilmachung gegen Russland widersetzt er sich hartnäckig. Ebenso hartnäckig zeichnet er die Verantwortung Amerikas für das Desaster im Nahen Osten nach.

Einen wie Peter Scholl-Latour, fürchte ich, wird es nicht mehr geben in der deutschen Publizistik.

Die Flanellmännchen, wie Axel Springer die Buchhalter des Gewerbes nannte, haben die Macht übernommen in den Medien. Das Reisebudget ist ihre zentrale Richtstätte.

Die Zeiten sind vorüber, in denen Henri Nannen formulierte: Die Verleger saufen Champagner aus unseren Hirnschalen. Er meinte, liebe Frau Bublitz, die Verleger der großen Pressehäuser. Heute schnupfen wir, Verleger wie Journalisten, gemeinsam die Asche unserer Träume.

Die neue Not der alten Medien aber greift zu kurz, um zu erklären, warum Peter Scholl-Latour als letzter großer Weltreporter gelten darf. Christiane Amanpour, die Kriegs- und Krisenreporterin von CNN, ist Gefangene der Inszenierungen ihres Mediums wie der Denkverbote und Propagandaphrasen amerikanischer Politik. Niemals brächte sie den Mut und die Radikalität auf, in einer Fernsehdiskussion über die zweifelhaften Führer Afghanistans trocken zu formulieren, wie es Peter getan hat: Drogenhändler, ich kenne sie alle.

Peter war ein Aristokrat des Journalismus

. Solcher Leistungsadel wächst nicht nach.

Den Kampf um die Haltung aber, die er uns vorgelebt hat, dürfen wir nicht verloren geben. Niemals. Deshalb möchte Ihnen, liebe Eva, liebe Frau Bublitz, liebe Freunde, die Stiftung eines jährlich zu verleihenden Peter-Scholl-Latour-Preises für unabhängigen Journalismus vorschlagen."

Hans-Ulrich Jörges ist Mitglied der stern-Chefredaktion

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