Startseite

Wieder dabei

Drei Wochen trennen Uli Hoeneß noch von der Freiheit. Doch die Zukunft hat längst begonnen. Ihn zieht es mit Macht zurück zum FC Bayern. Die Frage ist nur: in welcher Position? Von Mathias Schneider

Uli Hoeneß am Fenster

Wie ein Bild aus alten Tagen: Uli Hoeneß blickt aus der Geschäftsstelle aufs Trainingsgelände an der Säbener Straße, sein zweites Zuhause

Wie hat er sich früher quälen müssen, bei jedem Kilo, das runter musste. Nun hat er zugenommen, und es ist sogar ein gutes Zeichen. Auch das Gesicht färbt wieder ein gesundes Rot. Die Augen seien seit geraumer Zeit "wieder auf" , wie es einer aus seinem Umfeld ausdrückt. "Er strahlt wieder mehr Optimismus aus." Vor rund einem Jahr war der Freigänger Uli Hoeneß erstmals wieder an seiner geliebten Säbener Straße aufgetaucht. Bei seinem FC Bayern. Eingefallen war sein Gesicht, die Augen lagen wie kleine schwarze Knöpfe in tiefen Höhlen. Der ganze Hoeneß wirkte, als käme er direkt von einer Polarexpedition zurück, und so ähnlich ist es ja letztlich auch gewesen.

Sieben Monate im geschlossenen Vollzug - wegen gut 28 Millionen Euro hinterzogener Steuern - können an einem Menschen mehr zehren als tausend Schneestürme. Depressionen, Identitätsverlust, Fremdbestimmtheit sind nur einige der potenziellen Folgen einer Haft. Dazu kommt das Milieu einer Anstalt, das nicht nur labilen Gemütern zusetzt.

Jetzt berichten Vertraute, Hoeneß esse wieder ordentlich, und tatsächlich sind alle Zweifel beseitigt, als er an einem Donnerstag im Januar, unmittelbar vor dem Rückrundenauftakt der Bundesliga, vor einem steht: Der barocke Hoeneß der Prä-Knast-Zeit und sein ausgemergelter Zwillingsbruder sind zu einer gesünderen Mediumversion verschmolzen.

Nicht übermütig werden

Fast schon drahtig wirkt er in seiner dunkelbraunen Cordhose, dem hellblauen Hemd unter dem dunklen Pulli. Ein dicker dunkelblauer Winteranorak schützt ihn auf dem Weg zur Kantine der Bayern-Geschäftsstelle vor der Kälte. Wie geht es ihm? "Geht schon" , antwortet er. Mehr mag er nicht preisgeben, nicht hier. Nicht übermütig werden. Drei Tage ist es erst her, dass das Landgericht Augsburg Hoeneß' Strafe wegen Steuerhinterziehung ab dem 29. Februar zur Bewährung ausgesetzt hat.

Dafür sprechen andere über diesen neuen Hoeneß - Freunde, Weggefährten, Mitarbeiter. Sie wollen im Verborgenen bleiben. Kein falsches Wort, das Bewährungsauflagen verletzen könnte. Hoeneß hat immer sein mächtiges Informationsnetz gepflegt. Loyal sind jene, die ihm berichten. Und diskret.

Uli Hoeneß' persönliches Finale

Zu behaupten, dass er den Moment der vorgezogenen Befreiung herbeigesehnt hat, wäre schamlos untertrieben. Es war sein ganz persönliches Finale, und er durfte es nicht verlieren. "Das wäre ganz schwierig zu verkraften gewesen", sagt einer, der ihn seit Jahren kennt.

Alles hat Hoeneß diesem Moment untergeordnet, seit sich zum ersten Mal die Gefängnistüren im Juni 2014 hinter ihm schlossen. Er kann sich ja mit eiserner Disziplin quälen, wenn er ein Ziel vor Augen hat. Deutscher Meister, Europapokalsieger, Weltmeister, Europameister, Manager des Jahres - alles kein Zufall. Er ist das Projekt Knast mit einer Konsequenz angegangen, die man von ihm als Spieler kannte. Die alten Muster und Herangehensweisen des Leistungssportlers waren wieder da.

Tief gefallen, hart aufgeschlagen

Kein Wort des Verzagens. Wenn überhaupt, muss es im engsten Kreis geblieben sein. Dabei hätte er nicht tiefer fallen können. Und härter aufschlagen. Er war Hoeneß, längst nicht nur eine Figur des Sportmanagements, sondern gesellschaftspolitische Instanz. Ein Kaffee mit Merkel, das war seine Welt geworden.

Wer ihn noch 2012 bei seinem 60. Geburtstag im Postpalast erlebte, kann nur erahnen, wie die Tage von Landsberg an seinem Selbstbild gezerrt haben müssen. Von der Sportprominenz bis zum bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer machten alle ihre Aufwartung. Saal und Dinner wären jeder Fernsehgala gerecht geworden.

Ein gnadenloser Pragmatiker

Zweieinhalb Jahre später stand er in der Klamottenausgabe des Gefängnisses und wischte den Boden. Musste sich Erpressern erwehren. Verhandelte mit anderen Häftlingen, die seine Geschichte versilbern wollten. Er konnte niemandem trauen. Und hat dennoch nicht die Nerven verloren, trotz all der kleineren und größeren Demütigungen. Nie ließ er sich provozieren. Er kann sich anpassen, auch jetzt noch, mit 64. Macht sich nie größer, als es seiner momentanen Position entspricht. Er ist in dieser Hinsicht ein gnadenloser Pragmatiker.

Die Begründung des Landgerichts Augsburg für die vorzeitige Haftentlassung, die dem stern vorliegt, liest sich wie das Zeugnis eines Einserschülers: "Trotz seiner hervorgehobenen Position war er stets bereit, sich in die Gefangenengemeinschaft zu integrieren." Hoeneß habe sich auch in seinem freien Beschäftigungsverhältnis als Berater für Nachwuchsarbeit im Junior Team der FC Bayern München AG nichts zuschulden kommen lassen.

Nun ist er bald frei. Bleiben zwei Fragen: Kehrt der Patriarch durchs Hauptportal zu seinem FC Bayern zurück? Und wenn ja: Wie viel vom alten Hoeneß steckt im neuen?

Der Patriarch kehrt zurück

Er habe sich im Kern nicht verändert, meldet sein Umfeld. Eher wirke er wie einer, der die verlorene Zeit wieder aufholen wolle - voller Tatendrang. In Gesprächen sei er ganz der Alte, ein wenig vorsichtiger vielleicht. Keine Spur von Verbitterung. Die erzwungene Auszeit habe seine Sinne geschärft, ihn zu seiner wahren Bestimmung zurückgeführt. Und seine Bestimmung, das ist der FC Bayern München. Den Verein in seinem Sinn zu ordnen, bleibt sein zentrales Anliegen. Der Talkshow-Hoeneß, der sich auch zum Zustand der Gesellschaft äußert, ist Geschichte. Er hatte sich ja vor dem Crash seines Lebens alles zugetraut.

Nun zieht es ihn mit aller Macht dorthin zurück, wo alles begann - in seinen Klub. Er sucht noch immer nach seinem Nachfolger, einem neuen Hoeneß, der den FC Bayern einmal prägen wird. In der Nachwuchsabteilung geht es drunter und drüber, auch das hat ihm sein erzwungenes Sabbatical gezeigt. Die Dinge sind noch nicht in seinem Sinn geregelt. Hört man in den Klub, so kann sich deshalb keiner vorstellen, dass Hoeneß nicht bald wieder die Strippen zieht. Viel zu aktiv bringe er sich ein, die Vereinsarbeit wirke wie ein Jungbrunnen auf ihn.

Spieler suchen seinen Rat

Als einer der Trainingsplätze verlängert werden musste, aber Probleme mit der Stadt München drohten, hat Hoeneß selbst zum Telefon gegriffen und im Rathaus angerufen. Nun stehen die Flutlichter ein paar Meter weiter auseinander. Als die Chefs im vergangenen Sommer über einen Transfer des Dortmunders Ilkay Gündogan brüteten, saß Hoeneß mit dem Kaderplaner Michael Reschke und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge am Tisch. Mit einigen Spielern hat er bereits vertraulich gesprochen. Sie suchen seinen Rat, nicht nur der Ziehsohn Franck Ribéry.

Der "Berater des Junior Teams" ließ den Vertrag mit dem "Leiter Junior Team" , Michael Tarnat, und dem Scout Jürgen Jung auflösen. Hoeneß trifft solche Entscheidungen nicht offiziell, aber getroffen werden sie ohne seinen Willen auch nicht.

Hoeneß lenkt die Entscheider

Nicht, ob er zurückkehrt, ist im Klub die Frage, sondern in welcher Rolle. Eine Rückkehr ins operative Geschäft schließen Insider aus. Es bedeutete die Wiederaufnahme eines Lebens, das er vor mehr als sechs Jahren für alle Zeiten hinter sich gelassen haben wollte. Die Entscheider zu lenken, ist seine Sache. So soll es bleiben. Und die Prognosen sind auch da günstig: Der Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen, Jörg Wacker (Internationalisierung), Matthias Sammer (Sport) sowie Andreas Jung (Sponsoring) - er hat sie alle berufen. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ist in den vergangenen Monaten nie wirklich von seiner Seite gewichen. Er hat ihn aus der Führungsriege am häufigsten im Gefängnis besucht. All das schafft Allianzen.

Bleiben jene Ämter, die Hoeneß vor seinem historischen Fall bekleidete: Aufsichtsratsvorsitzender sowie Präsident. Beide werden derzeit von Karl Hopfner, 63, besetzt. Hopfner, jahrelang in einer Troika mit Hoeneß und Rummenigge der Zahlen-Mann, hat bereits erklärt, er werde Hoeneß nicht im Wege stehen, sollte der sich wieder ins alte Amt wählen lassen wollen. Man kann das als Strategie eines vorausschauenden Mannes deuten, denn über einen Hoeneß'schen Rückhalt bei den Mitgliedern verfügt Hopfner nicht.

Vielleicht greift er nach dem Präsidentenamt

Bei der Grundsteinlegung zum Bau des neuen Nachwuchsleistungszentrums, einem der ersten öffentlichen Auftritte des Nachwuchsschmiedes Hoeneß, erwähnte Hopfner seinen Vorgänger mit keiner Silbe in seinen Danksagungen. Dabei ist Hoeneß einer der Initiatoren des Projekts. Er hat das registriert. Er wird Hopfner wohl nicht aus dem Amt zwingen. Vielleicht lässt er ihm den Aufsichtsratsposten und greift nach dem Präsidentenamt, eine Satzungsänderung in dieser Hinsicht wäre eine Formalität. Er säße dann ebenfalls im Kontrollgremium.

Und wer mag schon daran zweifeln, dass ihn die Mitglieder wieder frenetisch in ihrer Mitte aufnehmen. Schon vor zwei Jahren feierten sie ihn wie einen Märtyrer, als er sich mit den Worten "Das war's noch nicht" verabschiedete. Die Bayern-Foren im Internet sind voll von Huldigungen. Er, Erfinder des modernen FC Bayern, müsse zurück an seinen angestammten Platz.

Er testet, was möglich ist

Die AG brummt, 523,7 Millionen Umsatz und nie da gewesene 23,8 Millionen Euro Gewinn sind Spitze. Die wichtigsten Sponsorenverträge mit Telekom, Adidas und Audi verlängerte der Klub während der Hoeneß-Haftzeit. Die Anbahnung solcher Geschäfte war mal Hoeneß' Domäne, mittlerweile erstrahlt die Marke so hell, dass dem Klub die Kunden förmlich zulaufen. Hoeneß sitzt bei den Verhandlungen nicht mit am Tisch. Auch wenn es um die Verlängerung von Spielerverträgen geht, tritt er nicht direkt in Erscheinung. Rummenigge und Finanzvorstand Dreesen erledigten das etwa bei Thomas Müller und Jérôme Boateng. Es läuft. Sie brauchen Hoeneß mehr für die großen Fragen der Unternehmensstrategie. Für unbequeme Wahrheiten. Vor allem aber fürs Gefühl. Denn diesem FC Bayern fehlt der emotionale Anker.

Hoeneß testet bereits vorsichtig das Wasser. Wie viel Öffentlichkeit verträgt er? Und wie viel Hoeneß verträgt die Öffentlichkeit? Wie schnell akzeptieren ihn auch jene, die nicht seinem Charisma erliegen? Die in ihm bis heute vor allem den Steuersünder sehen, der sich an der Justiz vorbei reinzuwaschen versuchte.

Tut er Gutes oder ist er berechnend?

In einem Bad Wiesseer Golfklub ließ er vor Weihnachten 30 Flüchtlingen Hähnchen mit Pommes auftischen. Bei Antenne Bayern rief er in der Sendung an. "Ich habe mich entschlossen auf dem Weg von Starnberg hierher, eine Spende von 10.000 Euro zu machen, die ich meiner geliebten Frau Susi widme und meinen Kindern und Schwiegersohn und Schwiegertochter, die es mir möglich gemacht haben, diese so schwierige Zeit so zu überstehen."

Es gibt Menschen, die ihm jene weiche Seite nicht mehr abnehmen. Berechnend sei derlei PR in eigener Sache. Andere empfinden solche Kritik als zynisch einem Mann gegenüber, der Gutes tue. Plötzlich sind mit seinem Namen neue Fragen verbunden: Wann muss man einem wie ihm vergeben? Darf er sich wieder ganz oben einmischen? Und wie viel Vorbild kann einer wie er noch sein im Sport?

Hoeneß steht nun auch für "die da oben"

In einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den stern stimmen lediglich 28 Prozent einer möglichen Rückkehr ins Präsidentenamt zu. 50 Prozent halten eine erneute Kandidatur für "nicht in Ordnung". Dem Rest ist es egal. 51 Prozent der Befragten sehen bereits in seiner vorzeitigen Entlassung eine Vorzugsbehandlung. Uli Hoeneß steht heute auch für "die da oben". Deutschland ist nicht Bad Wiessee.

In der Bundesliga trommeln die alten Kader für seine Resozialisierung in den Sport, selbst die einstigen Intimfeinde Christoph Daum und Willi Lemke sind darunter. Wenn Hoeneß wieder mitmischt, will man schließlich auf der richtigen Seite stehen. Auf seiner Seite. Bei manchem mag derlei Sympathiebekundung ehrliche Loyalität zugrunde liegen, am Ende dürften aber die liebedienerischen Duckmäuser in der Mehrzahl sein.

Ruhe statt Zirkus

Wichtig ist für Hoeneß: Der Druck darf nicht zu hoch werden. Vor allem nicht für die Familie. Ehefrau Susi sähe es ohnehin lieber, wenn der Gatte nicht wieder das ganz große Rad drehte. Sie habe gelitten in den vergangenen Monaten, sagen Freunde. Oft sind die beiden erwachsenen Kinder, Tochter Sabine und Sohn Florian, bei ihr gewesen. Deren Unterstützung und jene der engsten Freunde halfen in den Monaten der Haft ihres Gatten. Sie sehne sich nach Ruhe, nicht nach dem großen Zirkus. Sie war Hoeneß' Halt, sie lenkt den großen Visionär in den eigenen vier Wänden. Nur wenn sich der Stress für die Familie in Grenzen hält, wird ihr Hoeneß eine Rückkehr zumuten können.

Jupp Brenner, 65, Besitzer des "Freihaus Brenner" unweit des Hoeneß'schen Anwesens und seit Jahren ein Freund der Familie, wünscht sich "als Fan, dass Hoeneß wieder eine Rolle beim FC Bayern spielt. Als Freund rate ich davon ab." Brenner glaubt, dass die Anfeindungen in den Stadien ihm zu sehr zusetzen würden.

Uli Hoeneß will erst einmal weg, wenn er in drei Wochen auf Bewährung entlassen ist. Urlaub machen. Abstand gewinnen. Zum Gefängnisleben, nicht zum FC Bayern. Er ist zurück im großen Spiel. Schon bald dürfte er sich endgültig einwechseln lassen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools