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Flucht vor Scientology

Der Fall macht in der Hauptstadt Schlagzeilen. Eine 14-Jährige ist vor einigen Tagen aus Berlin nach Hamburg geflüchtet, um dort beim Jugendamt Schutz vor den Eltern zu suchen. Ihre Mutter ist eine Scientology-Direktorin.

Das Mädchen ist nach Behördenangaben eine Stieftochter einer Berliner Scientology-Direktorin. Anlass sei der Ausstieg ihres elf Jahre älteren Stiefbruders aus der umstrittenen Organisation gewesen, erläutert die Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology in der Hamburger Innenbehörde, Ursula Caberta. Das Mädchen habe ein striktes Kontaktverbot zum Bruder befürchtet und wolle zudem nicht dem Wunsch der Eltern folgen, auf ein Scientology-Internat in Dänemark zu wechseln. Ob den Eltern in Berlin möglicherweise das Sorgerecht entzogen wird, müssen nun die Behörden entscheiden.

Cruise verschafft Scientology momentan viel Aufmerksamkeit

Scientology hat sich in Berlin zum Dauerthema entwickelt, seit die Organisation im Januar eine große Hauptstadtrepräsentanz eröffnete und sich mit großem Schwung um die Werbung neuer Anhänger bemühte. Zeitweise schien es Passanten auf dem Kurfürstendamm oder in der Umgebung der Organisationszentrale kaum möglich, den Broschüren verteilenden jungen Leuten auszuweichen. Lehrer berichteten von Werbeaktionen vor Schulen. Vor allem aber verschaffte der Hollywood-Schauspieler Tom Cruise - derzeit wohl der bekannteste Scientologe - der Organisation mit seinen Besuchen in der Hauptstadt viel Aufmerksamkeit. Seit Juli dreht Cruise in Berlin und Brandenburg einen Spielfilm in der Rolle des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Verfassungsschutz beobachtet Scientology wieder

Die Sicherheitsbehörden bezweifeln jedoch Angaben von Scientology, wonach sich die Berliner Mitgliederzahl seit Jahresbeginn um mehrere hundert auf etwa 1000 erhöht haben soll. "In Berlin beißt Scientology auf Granit", sagt Innensenator Ehrhart Körtings (SPD) Sprecherin Isabelle Kalbitzer. Verschlechtert haben sich in jedem Fall die Arbeitsbedingungen für die Organisation, die sich selbst als Kirche versteht. Denn seit diesem Sommer wird Scientology auch wieder vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet, wie es in der Mehrzahl der Bundesländer der Fall ist. Die oppositionelle Berliner CDU sieht es als einen ihrer großen Erfolge, Körting so weit gebracht zu haben. Aus ihrer Sicht hatte der derzeitige Vorsitzende der Innenministerkonferenz dieses Thema schlichtweg verschlafen.

"Weltweit organisierter Psychokonzern"

Und die Opposition lässt nicht locker. Sie verlangt nun die Einrichtung einer einfach zu findenden Anlaufstelle für Scientology- Aussteiger, wie es sie in Hamburg schon lange gibt. Die Flucht der 14-jährigen in die Hansestadt zeige, wie dringend Berlin eine solche Anlaufstelle brauche, sagt der CDU-Sicherheitspolitiker Frank Henkel. Kritiker wie etwa der Berliner Sektenbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Thomas Gandow, bezeichnen die Organisation als "weltweit organisierten Psychokonzern", der Aussteiger brutal unter Druck setze.

Scientology wurde 1954 von dem amerikanischen Science-Fiction- Autor Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) in den USA gegründet, wo die Organisation auch als Kirche anerkannt ist. Sitz ihrer Zentrale ist Los Angeles. Scientology bestreitet Aktivitäten gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik und sieht sich zu Unrecht vom Verfassungsschutz beobachtet.

Harald Rohde/DPA/DPA
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