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Benedikt und die schwarzen Schäfchen

Verrat, Intrigen, Missgunst: Benedikt XVI. beklagt die Verweltlichung der Kirche und er hat offenbar gute Gründe dafür: Denn was sich derzeit im Vatikan abspielt, könnte profaner kaum sein.

Von Niels Kruse

  Die Menschen strömen nach wie vor auf den Petersplatz - obwohl niemand so recht weiß, was im Vatikan eigentlich passiert. Oder vielleicht auch genau deswegen

Die Menschen strömen nach wie vor auf den Petersplatz - obwohl niemand so recht weiß, was im Vatikan eigentlich passiert. Oder vielleicht auch genau deswegen

Dank der Feiertage war endlich mal wieder Zeit für das Wesentliche: Der Papst feiert die Pfingstmesse und prangert Egoismus an. Kurz danach erhebt er rasch eine Mystikerin aus dem 14. Jahrhundert in den Stand einer Kirchenlehrerin. Anschließend feiert das Kirchenoberhaupt in Mailand das "Weltfamilientreffen", wo er die Ehe preist sowie das Zölibat und 350.000 Gläubige entzückt. Aktuell ist der Heilige Vater sauer auf eine amerikanische Ordensschwester, weil sie in ihrem sechs Jahre alten Sexualratgeber Masturbation und Homosexualität gutheißt. War da noch was? Ach ja, irgendwann zwischen all dem Gepreise und dem Angeprangere wurde noch der Kammerdiener des Pontifex festgenommen. Und auch der Vatikanbank-Chef entlassen.

Nach Außen hin tut der Papst, war er immer tut: Er leuchtet den Gläubigen den Weg, doch im Inneren scheinen er und seine Untergebenen die Orientierung verloren zu haben. Denn seit Monaten sickern in schöner Regelmäßigkeit Dokumente durch die traditionell sehr dicken Mauern des Ministaats. Ihr Inhalt ist mal mehr, mal weniger brisant, aber sie alle können nur vom Schreibtisch des Papstes stammen. Der oberste Hirte hat offenbar einen guten Grund, gegen die "Verweltlichung" seiner Kirche zu wettern. Denn was sich derzeit im kleinsten Staat der Welt abspielt, könnte profaner kaum sein.

Desaströses Bild vom Innenleben des Vatikans

Es geht um Korruption, um Verrat, um Neid, um Verschwörung, um Vertuschung und um Missmanagement. Es geht, kurz gesagt um Macht und Einfluss im Vatikan. Wer dabei welche Rolle spielt und warum, darüber schweigen sich die Gottesfürchtigen leider aus, weshalb die Spekulationen ins Kraut schießen. Bekannt ist bislang nur soviel: Im Kirchenstaat gibt es eine undichte Stelle, die vertrauliche Informationen an die Medien weiterleitet. Einer der Adressaten ist der Journalist Gianluigi Nuzzi, Autor des Buches "Sua Santità" (Seine Heiligkeit). Darin hat er Protokolle von Audienzen und brisante Dossiers abgedruckt, er berichtet sogar von einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst. Allesamt Interna, die ein desaströses Bild vom Innenleben des Vatikans abgeben.

Nicht nur deshalb ist der Kirchenstaat ziemlich sauer auf den Autor, den sie einen Kriminellen nennen, weil er die durchgesteckten Informationen angeblich illegal erworben hatte. Nuzzi selbst sagte in der ARD dazu: "Es öffnet sich ein Fenster zu einer Welt, aus der bis jetzt nur mit Mühe berichtet werden konnte. Es ist eine absolute Monarchie, die wie alle Monarchien von Geheimnissen lebt. Das Problem ist, dass diese Geheimnisse manchmal der Vorhof für Erpressungen sind." Doch Nuzzi, sowie die diversen Zeitungen, die Adressaten der Dokumente waren und sind, scheinen nur die Pinnwand für Botschaften ganz anderer Art zu sein. Eine Machtdemonstration, die etwa so lautet: "Wir wissen alles, und wenn wir wollen, wissen es bald auch alle anderen."

Ein braver Familienvater als böser Verräter

Im Fokus steht derzeit Benedikts Kammerdiener Paolo Gabriele. Kein anderer Mensch hat einen derart intimen Zugang zum Papst. Deswegen wird er nun verdächtigt, die undichte Stelle im Vatikan zu sein. Ende Mai wurde der 46-Jährige festgenommen, seitdem sitzt er im winzigen Knast des Kirchenstaats. Der Mann, ein braver Familienvater, ist geständig und will am Dienstag oder Mittwoch aussagen. Mittlerweile sind sich fast alle Beobachter sicher, dass Gabriele nur das Bauernopfer von einflussreichen Hintermännern ist. Dafür spricht zum Beispiel, dass er offenbar über Jahre hinweg sämtliche Korrespondenz des Papstes abfotografiert hat - darunter auch solche in Deutsch - eine Sprache, die Gabriele nicht versteht. Der Kammerdiener war allem Anschein nach nur ein nützlicher Helfershelfer ohne politischen Eigenantrieb.

Wer aber den Auftrag zur Bespitzlung gegeben hat, ist bislang unklar. Italienische Medien schreiben immer wieder von einem Kardinal, ohne allerdings einen Namen zu nennen. Auch von einer Frau ist die Rede. Andere wiederum, wie der Deutsche Pater Eberhard von Gemmingen, glauben, dass Gabriele von "Leuten von auswärts beauftragt, unter Druck gesetzt oder erpresst worden ist". Die Vernehmung des "Maggiordomo" könnte Klarheit über sein Motiv im Speziellen und die vatikanischen Verhältnisse im Allgemeinen bringen. Doch leider ist die Kirchenjustiz keiner Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig, so dass mögliche brisante Aussagen, etwa die Belastung hochrangiger Würdenträger, so schnell nicht die Mauern des Staates verlassen werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie viele Verräter gibt es wirklich? Und was tut der Papst?

Benedikt und Bertano sind politisch ungeschickt

Vieles spricht ohnehin dafür, dass Gabriele nicht der einzige Verräter ist. Rund 20 soll es geben, die die Medien mit Interna füttern. Aus Verzweiflung über die dortigen Zustände, wie ein anonymer Enthüller jüngst im italienischen Fernsehen sagte. Besonders ein Mann soll der Grund für die Palastrevolte sein: Staatssekretär Tarcisio Bertone, Nummer zwei nach dem Papst und eine Art Ministerpräsident des Vatikans. Der 77-Jährige ist wie Benedikt ein glänzender Theologe, aber, ebenfalls wie Benedikt, politisch weder geschickt noch sonderlich gut im Führen. Glaubt man den Dokumenten, herrscht zwischen ihm, einigen Kardinälen und dem Papstsekretär Georg Gänswein ein erbitterter Machtkampf.

Bertone agiert schon seit Jahren reichlich ungeschickt, vorsichtig formuliert. Er scheint derjenige zu sein, der den dringend nötigen Selbtstreinigungsprozess verhindert. Ob absichtlich oder aus Dilettantismus ist allerdings nicht klar. So war das einzige, was ihm zu den zahllosen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche einfiel, ein Satz, in dem er Pädophilie und Homosexualität in einem Zusammenhang brachte. Und nachdem Erzbischof Carlo Maria Viganò Fälle von Missbrauch und Korruption aufdeckte, wurde er von Bretone in die USA zwangsversetzt. Vermutlich war es auch Bertone, der beim durchsetzte, dass die Exkommunizierung des Holocaust-Leugners und Piusbruders Bischof Williamson aufgehoben wurde. Zusammen übrigens mit Georg Gänswein, der durch den neusten Enthüllung nun auch ins Visier der Revoluzzer gerät. Benedikt selbst, der Bertone vor zwei Jahren noch vom damals geplanten Rücktritt abgehalten hatte, soll mittlerweile mit Bertone gebrochen haben.

Der Papst ist betrübt

Bertone selbst klagte nun im italienischen Fernsehen darüber, dass die Angriffe auf Benedikt immer "organisierter und gezielter" kämen. Womit er vermutlich Recht hat, denn Baustellen gibt es im Reich der Katholiken viele. So stören sich viele reformorientierte Kräfte an den Papst-Plänen, die umstrittenen und erzerzkonservativen Piusbrüder wieder in die Kirche auszunehmen. Der Theologe Hans Küng sagte, Benedikt provoziere mit seinem Werben um die Piusbrüder eine neue Kirchenspaltung.

Der Pontifex scheint mittlerweile nicht mehr die Kraft oder den Willen zu haben, sich gegen den Aufruhr in den eigenen Reihen durchzusetzen. Bereits im April hatte er seine Leute aufgefordert, die undichten Stellen im Vatikan und die daraus resultierende Vatileaks-Affäre zu untersuchen. Viel gebracht hat es bislang nicht. Überraschend äußerte er sich aber nun öffentlich zu den Vorgängen: Betrübt sei er, natürlich, aber er vertraue seinen Mitarbeitern. Schuld an der Malaise seien vor allem die Medien, die Sache aufgebauscht und dabei ein Bild vom Heiligen Stuhl gezeichnet hätten, "das nicht der Realität entspricht". Offenbar aber ist Benedikt XVI. weder willens noch fähig, der Öffentlichkeit einen Blick hinter die Mauern zu gewähren, um das angeblich so schiefe Bild gerade zu rücken.

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