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Das Rätsel um Ausreißer Jeremie

Der elfjährige Jeremie klaut ein Auto und flieht von seiner Pflegefamilie. Er wurde vom Jugendamt in einem Zirkus untergebracht. Die Behörden wissen nicht, wo er steckt - und stehen in der Kritik.

Von Henrietta Reese

  Jeremie ist wieder in behördlicher Obhut, nachdem er fast einen Monat lang verschwunden war

Jeremie ist wieder in behördlicher Obhut, nachdem er fast einen Monat lang verschwunden war

  • Henrietta Reese

Jeremie Ansin ist elf Jahre alt. Seine Eltern sollen drogenabhängig gewesen sein, sein Großvater soll ihn misshandelt haben. Die Behörden suchen ihm eine Pflegefamilie, sein neues Zuhause wird ein Wanderzirkus. Nun ist Jeremie ausgerissen - mit einem Kleintransporter der Pflegeeltern soll er aus dem mecklenburgischen Lübtheen in das 100 Kilometer entfernte Hamburg gefahren sein. Die Polizei hat die Fahndung aufgenommen, aber bis jetzt fehlt von dem Jungen jede Spur.

Als Jeremie neun Jahre alt ist, bringt das Jugendamt Hamburg-Mitte den Jungen in Zusammenarbeit mit dem Neukirchner Erziehungsverein (NEV) beim "Circus Monaco" unter. Er ist das einzige Pflegekind dort, mit seinen neuen Geschwistern versteht er sich laut Angaben der Familie gut. In der Manege tritt Jeremie als fröhlicher Clown auf, wie die "Hamburger Morgenpost" berichtet, angeblich wird er sogar als Feuerschlucker ausgebildet. Zur Zeit hat der Wanderzirkus sein Winterquartier in der kleinen Gemeinde Lübtheen aufgeschlagen, dieses Jahr wird es keine Auftritte mehr geben.

Der Zirkus ist der letzte Ausweg

Jeremie gilt als schwieriges Kind. Die Behörden sehen den Zirkus als letzte Chance, um den Jungen vor einer geschlossenen Einrichtung zu bewahren. Individualpädagogik nennt sich diese Form der Eingliederung von Kindern, die sich in Heimen nicht zurecht finden. "Wir betreuen Kinder und Jugendliche zum Beispiel auf Bauern- und Ponyhöfen, im Zirkus oder gar bei einer Stunt-Show, besuchen die ausgewählten Familien mindestens alle zwei Wochen", erklärt NEV-Sprecher Ulrich Schäfer dem "Hamburger Abendblatt".

Bei der Unterbringung des Ausreißers spielte nach Darstellung des Hamburger Bezirksamts Mitte seine Herkunft aus einer Roma-Familie eine Rolle. "Das war mit einer der Gründe", sagte eine Sprecherin der zuständigen Behörde. "Man muss schauen: was findet Akzeptanz?" Das gelte sowohl bei der Herkunftsfamilie als auch bei dem Jungen, fügte sie hinzu. "Bei der Konzeption dieser Maßnahme spielt das eine Rolle." Für das als schwierig geltende Kind habe das Amt keine andere Lösung gefunden: "Es ist nicht gelungen, eine andere Unterbringung zu finden."

In der Pflegefamilie soll es laut Presseberichten Probleme gegeben, immer wieder soll Jeremie weinend bei seinen Großeltern angerufen haben. Die leibliche Familie des Ausreißers kann dem ambitionierten Projekt nichts abgewinnen. Sie beschuldigen die Pflegefamilie, den Jungen nicht gut zu behandeln und zum Beispiel in unbeheizten Schlafräumen unterzubringen. Zur Schule geht der Junge nicht, sondern bezieht den Lernstoff aus dem Internet. Nach Besuchen bei seinen Großeltern soll es immer schwierg gewesen sein, den Buben wieder in den Zirkusalltag zu integrieren.

Die Pflegefamilie weist jegliche Vorwürfe zurück. Sie vermutet, dass Jeremie nicht alleine ausgerissen, sondern von Mitgliedern seiner Familie abgeholt und weggebracht worden sei. Der Großvater sagt im NDR 1 Radio, der Junge habe sich Mittwoch telefonisch bei ihm gemeldet, um ihn nach dem ersten Schrecken zu beruhigen. Seitdem habe er nichts mehr von dem Buben gehört.

Das umstrittene Bezirksamt Hamburg-Mitte

So oder so - der Fall wirft Fragen auf. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte sieht sich Vorwürfen ausgesetzt. Es stand schon 2005 im Fall der siebenjährigen Jessica unter Beschuss - das Mädchen wurde völlig unterernährt tot in einer Wohnung gefunden. Sie war an ihrem Erbrochenen erstickt, nachdem sie aus Verzweiflung ihre Haare ausgerissen und gegessen haben soll. 2009 starb Lara-Mia, neun Monate alt, aus dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg an Unterernährung. Im gleichen Stadtteil kam auch die elfjährige Chantal zu Tode: Nachdem sie ihren drogenabhängigen Eltern weggenommen wurde, lebte sie nach Vermittlungen des Jugendamtes Hamburg-Mitte bei Pflegeeltern. Doch diese hatten, wie sich zu spät herausstellte, ebenfalls ein Drogenproblem - Chantal starb an einer Methadonvergiftung.

Das Amt verteidigt bislang seine Strategie, mit dem sie im Fall Jeremie vorgegangen sind. "Bei schwierigen Jugendlichen gibt es auch mal ungewöhnliche Konzepte", erklärte Sprecherin Sorina Weiland der "Bild".

Dass am Ende ein Junge vermisst wird, gehört sicher nicht zum Programm. Gerade für Kinder mit einem schwierigen sozialen Hintergrund ist ein beständiges Umfeld wichtig. Es ist fraglich, inwieweit ein Wanderzirkus diese Stabilität bieten kann. Einmal abgesehen vom Kampf zwischen leiblicher und Pflegefamilie um den Verbleib des Kindes.

Zunächst aber muss der Ausreißer erst einmal wieder auftauchen. Es besteht die Vermutung, dass sich Jeremie in der Obhut von leiblichen Verwandten befindet. Doch ob es so ist und bei wem - darüber kann nur gerätselt werden. Seine Großmutter sagt : "Er ist gutgläubig. Ich hoffe, dass er nicht auf einen Erwachsenen trifft, der seine Situation ausnutzt."

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