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Der deutsche Papst

Mit seiner Wahl an die Spitze der deutschen Bischöfe hat Kardinal Reinhard Marx eine in Deutschland beispiellose Machtfülle erlangt. Die Probleme der Kirche aber werden allein dadurch nicht kleiner.

Von Frank Ochmann

  Er steht nun an der Spitzen der deutschen Bischofskonferenz und hat einen sehr direkten Draht in den Vatikan: Reinhard Marx

Er steht nun an der Spitzen der deutschen Bischofskonferenz und hat einen sehr direkten Draht in den Vatikan: Reinhard Marx

Vor sechs Jahren noch konnte er verhindert werden. Da war Reinhard Marx erst seit kurzem Erzbischof von München, und allein das sprach gegen ihn. Zudem stand er für eine theologische und kirchenpolitische Richtung, die manchen Mitbrüdern im Bischofsamt zu sehr an der Lehre der römischen Kirche orientiert schien. Bis dahin galt, dass eine gewisse geistige Distanz zur Zentrale im Vatikan geradezu ein Auswahlkriterium für den Vorsitz der deutschen Bischofskonferenz zu sein schien. "Die Alpen sind hoch", stellte der vergangenes Jahr verstorbene Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann zu diesem Thema einmal mit verschmitztem Lächeln fest. Am Münsteraner Domplatz hat sich die Mehrheit der deutschen Bischöfe nun offensichtlich dafür ausgesprochen, zumindest die Passage über die Alpen deutlich zu erleichtern.

Reinhard Marx wurde erst vergangene Woche zum Koordinator des neu gegründeten Wirtschaftsrates des Vatikans berufen, der in Kooperation mit einem ebenfalls neuen Wirtschaftssekretariat, dem künftigen "Finanzministerium" des Papstes, alles regeln soll, was rund um Sankt Peter mit Geld und Vermögen zu tun hat. Zudem gehört der 60-jährige gebürtige Westfale schon seit fast einem Jahr zum engsten, achtköpfigen Beraterkreis des Papstes. Nicht nur gedanklich pendelt er seither zwischen Rom und München. Die Wertschätzung von Franziskus für den Münchner Oberhirten ist jedenfalls schon mehrfach deutlich geworden. Und umgekehrt gilt ohne Einschränkung das gleiche, auch wenn Marx nie vergisst, mit Sympathie an dessen Vorgänger Benedikt XVI. zu erinnern. Der war ja als Münchner Erzbischof dereinst auch ein Vorgänger von Marx und hat ihn später von Trier nach München berufen.

Liberale Tendenzen befürchtet

So steht an der Spitze der deutschen Bischofskonferenz nun also ein Mann, den die besondere Nähe zum römischen Bischof kennzeichnet, nicht eine loyale Distanz, wie sie zumeist zu diesem Amt gehörte. Beinahe ist er nun so etwas wie ein "deutscher Papst", auch wenn er seine Macht primär nicht aus seinem Amt in der Bischofskonferenz zieht. Künftig wird es aber ein Leichtes sein, Angelegenheiten der deutschen Kirche auch informell auf höchster Ebene zu besprechen und vielleicht beim Mittagessen mit dem Papst in Santa Marta oder bei einem Schluck Mate zu regeln. Ein Vorteil. Und ein Nachteil.

Denn diese Nähe zum Petrusamt erschwert es der Bischofskonferenz womöglich, selbst jene Rolle zu finden, die ihr Franziskus offenbar zusprechen möchte. Er hat ja dem Zentralismus längst den Kampf angesagt, sich sogar zu der Vorstellung hinreißen lassen, das letzte Wort müsse auch in gewissen Lehrfragen nicht immer in Rom gesprochen werden. Das aber lässt jene Bischöfe Schlimmes befürchten, die bislang auf die römische Karte setzten, wenn es darum ging, allzu liberale Tendenzen zuhause zurückzuweisen. Erst kürzlich kam es beispielsweise zu einem öffentlichen Showdown zwischen dem Trierer Bischof Stephan Ackermann und dessen Augsburger Kollegen Konrad Zdarsa. Während Ackermann beispielsweise eine Anpassung der kirchlichen Sexuallehre an die Realitäten des 21. Jahrhunderts anregte, fiel Zdarsa darüber aus allen Wolken. Nie habe er sich vorstellen können, einmal einen Amtsbruder öffentlich zurechtweisen zu müssen, tönte es aus Augsburg. Keineswegs also sind die Reihen der Bischofskonferenz geschlossen.

Die zerrissene Bischofskonferenz

Dass Marx nicht gleich im ersten Wahlgang ins Amt kam, sondern erst im fünften und zudem ohne Zweidrittelmehrheit, beweist die innere Zerrissenheit des deutschen Episkopats. Zumindest seit der Wahl von Papst Franziskus rumort es heftig. Natürlich hat man auch in Deutschland begriffen, dass es im Katholizismus nicht einfach so weitergehen kann wie bisher. Und das liegt gar nicht einmal zuerst am neuen Papst, sondern vor allem daran, dass es der Kirche hierzulande - und darüber hinaus zumindest in Europa und überhaupt in der westlich geprägten Welt - immer schwerer fällt, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, auf dem sie dialogfähig ist. Das aber ist eine unabdingbare Voraussetzung, will sie auch künftig noch eine Rolle spielen. So ein Dialog aber ist nur noch auf Augenhöhe möglich und nicht mehr von der Kanzel herab. Für viele "Hirten" erfordert das ein radikales Umdenken. Denn der Glaube lässt sich heutzutage eben nicht mehr verordnen, sondern will nahe gebracht werden. Nur wer mit Respekt vor der Gegenseite argumentiert und wirbt und auch einmal den anderen Recht gibt, hat dabei eine Chance.

Eine weitere Notwendigkeit: die Glaubwürdigkeit. Und auch mit der hat die Kirche seit Langem ihre liebe Not. Der Fall des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst ist nur das aktuellste Beispiel für eine tiefgreifende Krise, die aus der Kluft zwischen Leben und Lehre heraufzieht. Und gerade an diesem Fall scheint derzeit ein exemplarischer Kampf um die Position der deutschen Kirche ausgetragen zu werden. Reinhard Marx hat in Münster erklärt, dabei der Linie seines Vorgängers Robert Zollitsch weiter folgen zu wollen. Für die Verteidiger von Tebartz kein gutes Omen und sicher Konfliktpotenzial, sollte es nun bald zur Entscheidung des Papstes in dieser Sache kommen. Dann wird die Vermittlungs- und Schlichtungsfähigkeit des neuen Vorsitzenden bereits sehr gefragt sein, egal wie das weitere Schicksal von Tebartz am Ende aussieht.

Neue Stimmung, alte Probleme

Für die Frage nach der Dialogfähigkeit und der Glaubwürdigkeit der Kirche wird Kardinal Marx nicht nur in diesem Fall auf mindestens zwei Ebenen Antworten suchen müssen: in Rom an der Seite von Papst Franziskus und hier in Deutschland als Mittler und Sprecher einer Bischofskonferenz, die selbst noch auf der Suche ist. Weil Marx dazu noch Vorsitzender der bayerischen Bischofskonferenz, des Rates der Bischofskonferenzen der Europäischen Union und vor allem und zuerst Erzbischof von München und Freising ist, schien das für manchen der Brüder in Münster eine so immense Last zu sein, dass sie ihm nicht zutrauten, die schultern zu können.

Marx fehlt es sicher nicht an Selbstvertrauen. Und schon seine Statur, zudem seine so humorvolle wie bestechende Rhetorik vermitteln geradezu verführerisch den Eindruck von Stabilität und Kraft. Doch ändert das nichts an den enormen Herausforderungen. Ein bisschen ist es heute wie vergangenes Jahr nach dem Konklave in Rom. Kein einziges Problem war aus der Welt geschafft, aber von einem Tag auf den andern hatte sich die Stimmung verändert. Plötzlich schien es wenigstens möglich, wieder auf den rechten Pfad zu kommen und Anschluss zu finden an eine Welt, die sich immer stärker von der traditionellen Lehre abzuwenden drohte. Auch innerhalb der Kirche, wie beispielsweise die Befragungen zeigen, die jetzt im Auftrag des Vatikans weltweit zum Thema Ehe und Sexualität durchgeführt wurden.

Zerrissenheit verspricht interessante Zeiten

Reinhard Marx ist zweifellos einer, der sich nicht scheut, solche Probleme anzugehen, ehrlich zu diskutieren und auch dann noch zuzuhören, wenn die Töne der Gegenseite für katholische Ohren sehr schrill werden. Er ist wohl auch klug genug, um nicht in Selbstherrlichkeit zu verfallen. Sein römischer Amtsbruder dürfte ihm anderenfalls helfen, den Bodenkontakt nicht zu verlieren.

Doch auch aus eigener Kraft kann es ihm gelingen, auf die Dauer zumindest manche von jenen für sich zu gewinnen, die ihm heute noch nicht folgen wollten. Die Mehrheit der deutschen Bischöfe hat sich jedenfalls dafür entschieden, es mit der Macht aus München zu versuchen. Und zumindest in einem Punkt müssen sie nicht fürchten, sich damit kritiklos Rom auszuliefern. Denn mit der Wahl von Marx wird zumindest eine Tradition ohne jeden Bruch fortgeführt: die herzliche Abneigung zwischen dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und dem Präfekten der Glaubenskongregation und die mindestens in jene fernen Jahre zurückreicht, in denen sich der Mainzer Bischof Karl Lehmann gegen den damaligen Glaubenswächter Joseph Ratzinger durchzusetzen versuchte. Dass sich die Kardinäle Reinhard Marx und Gerhard Ludwig Müller nicht grün sind, ist jedenfalls kein vatikanisches Geheimnis und lässt zumindest die Beobachter der katholischen Kirche auf interessante Zeiten hoffen.

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