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"Kein Rassismus im Werk Rudolf Steiners"

Wird an Waldorfschulen rassistisches Gedankengut gelehrt? Die Schulen weisen diese Vorwürfe weit von sich und argumentieren, heikle Zitate aus Rudolf Steiners Werken seien stets aus dem Kontext herausgerissen worden - Kritiker sehen das jedoch ganz anders.

Von Sebastian Christ

Bei einer Pressekonferenz in Berlin haben die Waldorfschulen am Freitag ein klares Signal ausgesendet. Und viele kleinere, die man schlicht als Rauschen im Äther deuten könnte - oder eben als ungewollten Störfunk, der in Zukunft aufs Neue missinterpretiert werden könnte. Zusammengefasst: Die Waldorfschulen distanzieren sich glaubwürdig von jeglicher Form von Rassismus - haben aber ganz offensichtlich ein Problem damit, die Geschichte ihrer eigenen Bewegung adäquat aufzuarbeiten.

In den vergangenen Monaten waren immer wieder Rassismus-Vorwürfe gegen einzelne Anthroposophen laut geworden. Kritiker glaubten, ebenfalls belegen zu können, dass rassistische Gedankenkonstrukte im Unterricht eine Rolle spielten. Dagegen verwahrten sich die Vertreter des Bundes der Freien Waldorfschulen am Freitag vehement: Sie lehnen Diskriminierung, Auslese oder "Sonderung" in jeglicher Form ab. So steht es in einer Erklärung, die auf der Mitgliedertagung des Bundes verabschiedet wurde. "Die Anthroposophie richtet sich gegen jede Form von Rassismus und Nationalismus", heißt es da.

Und sogar ein Bekenntnis im Hinblick auf das Werk des anthroposophischen Übervaters haben sich die Waldorfschulen abringen können: "Die Freien Waldorfschulen sind sich bewusst, dass einzelne Formulierungen im Gesamtwerk Rudolf Steiners nach dem heutigen Verständnis nicht dieser Grundrichtung entsprechen und diskriminierend wirken." Die Erklärung soll künftig in jeder Schule aufgehängt werden. "Schon bei ihrer Gründung sind die Waldorfschulen mit einem Ansatz angetreten, der im krassest möglichen Gegensatz zu den Beschuldigungen steht", sagte Henning Kullak-Ublick.

"Es gibt keinen Rassismus im Werk Rudolf Steiners"

Gleichzeitig wollten keiner der drei anwesenden Vorstandsmitglieder des Waldorf-Bundes zugeben, dass es Rassismus im Werk Rudolf Steiners gebe - wie es die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) in einem Indizierungsverfahren gegen zwei seiner Werke festgestellt hat. "Das Werk ist nicht rassistisch", sagte Albrecht Hüttig, auf den Gesamtcharakter von Rudolf Steiners Schriften bezogen. Und behauptet auch auf der Mikroebene: "Es gibt keinen Rassismus im Werk Rudolf Steiners." Weiter hieß es, dass die betreffenden Zitate "aus dem Zusammenhang gerissen" worden seien, wie Kullak-Ublick sagte.

Auf die Frage angesprochen, was der Bund der Freien Waldorfschulen tue, um die Geschichte der anthroposophischen Bewegung aufzuarbeiten, wich der Vorstand ebenfalls aus. "Als Bund der Freien Waldorfschulen sind wir nicht für das Werk von Rudolf Steiner verantwortlich", sagte Kullak-Ublick. "Wir sind da nicht der richtige Adressat." Der Vorstand begrüße es jedoch, dass die Werke Steiners künftig in kommentierter Form herausgegeben würden und stellte seine Mitarbeit dabei in Aussicht. Streitpunkt sind vor allem Zitate aus Steiners Schriften, in denen er etwa über Rassenentwicklungen und von "passiven Negerseelen" schreibt. "Diese Zitate werden uns immer wieder um die Ohren gehauen", sagte Kullak-Ublick. "Damit soll ein scheinbarer Beleg gegeben werden, dass diese Zitate an unseren Schulen eine Rolle spielen. Doch das ist komplett falsch."

Die Steiner-Zitate seien nicht aus dem Zusammenhang gerissen worden

Am Rande spielte auch das geplante, aber dann doch nicht veröffentlichte Buch von Anthroposophie-Vordenker Lorenzo Ravagli eine Rolle. Zusammen mit dem niedersächsischen NPD-Spitzenfunktionär Andreas Molau, einem ehemaligen Waldorf-Lehrer, hatte er ein Manuskript mit dem Titel "Falsche Propheten" verfasst, in dem es um die Auseinandersetzung mit nationalistischem Gedankengut und den Lehren Steiners geht. Erst knapp vor der Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober zog Ravagli seine Autorisierung zurück. stern.de berichtete exklusiv darüber. Kritiker werfen ihm nun vor, dem Rechtsextremisten Molau ein Forum für seine Thesen gegeben zu haben. Das Projekt sei auch im Vorstand der Schulbundes umstritten gewesen, sagte ein Waldorf-Vertreter. Hüttig kündigte außerdem an, dass der Schulbund Molau verklagen werde. Der NPD-Mann hatte im Sommer ein Landschulheim im Brandenburg geplant und wollte dafür die Bezeichnung "Waldorf" gebrauchen.

Für einen Fast-Eklat sorgten zwei Kritiker der Waldorf-Bewegung. Jana Husmann-Kastein und Andreas Lichte warfen den Vorstandsmitgliedern während der Pressekonferenz vor, Tatsachen unkorrekt darzustellen. "Es ist absolut falsch, dass die Steiner-Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind", sagte Husmann-Kastein. Nach kurzem, heftigem Wortwechsel konnte die Pressekonferenz allerdings fortgesetzt werden. Husmann-Kastein wirft in einer Stellungnahme dem Anthroposophen Ravagli vor, rassistische Standpunkte Steiners gerechtfertigt zu haben. Husmann-Kastein war Gutachterin in dem Indizierungsverfahren der BPjM. Als Basis für ihre Vorwürfe führt sie ein Buch an, das Lorenzo Ravagli in den Jahren 2001 und 2002 zusammen mit einem Ko-Autor herausgegeben hat. "Der Rassismus Steiners wird dabei von Bader und Ravagli nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet", schreibt Husmann-Kastein.

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