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"Von der Illusion trennen, alle Erwartungen erfüllen zu können"

Das allumfassende Familienglück ist kaum zu erreichen. Wer das akzeptiert, lebt künftig zufriedener, sagt der Psychologe Arnold Retzer.

Sich in einer Patchwork-Familie zurechtzufinden ist offenbar kompliziert. Sollte man gleich die Finger davonlassen?

Es ist ein verbreiteter Unsinn zu glauben, man könne sich ein unkompliziertes Leben aussuchen. Sich in einer "Normalfamilie" zurechtzufinden ist ja auch nicht unkompliziert. Und das Leben als Single auch nicht. Wie könnte man jemandem empfehlen: Finger weg von Patchwork! Menschen verlieben sich einfach. Mitunter eben in jemand, der mehr oder weniger umfangreichen Anhang mitbringt. Auch wenn das bedeutet, dass dieser Anhang nicht so ist, wie man sich das wünscht. Aber auch wenn er das wäre: Auf die Dauer wäre das wieder ziemlich langweilig!

In neu zusammengesetzten Familien entsteht ein oft kaum überschaubares Beziehungsgeflecht: Paare haben eigene, gemeinsame Kinder, Partner Stiefkinder, Kinder plötzlich Stiefgeschwister und eine Menge Großeltern. Wie kann es gelingen, allen Interessen gerecht zu werden?

Das kann nicht gelingen. Man muss sich von der Illusion trennen, alle Erwartungen erfüllen zu können. Patchwork-Familien, aber auch andere Familienformen, zeigen, dass das nicht geht. Vielleicht ist dies sogar eine der wichtigsten Leistungen, die Familien erbringen: die Herausforderung anzunehmen, mit dieser Enttäuschung fertig zu werden. Das Ergebnis nennt man dann Reife, Erwachsenwerden.

André fliegt in unserer Geschichte aus seiner Familie. Erst schickt ihn seine Mutter weg, dann steckt ihn sein Vater ins Internat. Haben die Eltern versagt? Oder gilt: besser André im Internat als eine völlig überforderte Familie?

Um die Frage zu beantworten, ob Eltern versagt haben, braucht man überprüfbare Kriterien des Versagens. Welche sollten das sein? Meist wird das Wohl des Kindes zu einem solchen Kriterium. Die Faktenlage dazu ist aber alles andere als eindeutig: Man findet Belege dafür, dass Trennungen der Eltern Kindern schaden, und man findet Belege dafür, dass Eltern, die sich nicht trennen, ihren Kindern schaden, und auch dafür, dass das Wohlbefinden von Kindern im Wesentlichen gar nicht davon abhängt, ob sie in sogenannten Normalfamilien, Einelternfamilien oder Patchwork-Familien leben. Auch für André scheint mir daher noch vieles offen. Was mir an dieser Geschichte allerdings bemerkenswert erscheint, ist die Tatsache, dass André mehrfach "verschickt" wird. Die Mutter schickt ihn nach vielen Jahren an den Vater zurück, der Vater schickt ihn ins Internat. Beide Eltern hinterlassen ein wenig den Eindruck, dass es ihnen an Verlässlichkeit fehlen könnte, zumindest in den Augen von André. Was das allerdings langfristig für André bedeutet, scheint mir offen zu sein. Möglicherweise wird er auch davon profitieren, indem er früh lernt, daraus etwas zu machen: sich auf sich selbst zu verlassen. Möglicherweise hilft ihm dabei das Internat.

Der Wiener Familienforscher Reinhard Sieder rät zu zwei komplett ausgestatteten Haushalten, zwischen denen Scheidungskinder pendeln sollen. Wie realistisch ist diese Idee? Zum Beispiel, wenn der Vater in Stuttgart, die Mutter in Hannover lebt?

Pendeln ist eine schöne Idee, wenn das - auch finanziell! - machbar ist. Wichtiger ist, welche Bedeutung die Beteiligten den Haushalten geben. Wird dadurch deutlich, dass Eltern auch nach einer Trennung oder Scheidung und auch nach dem Eingehen einer neuen Paarbeziehung weiterhin Eltern ihrer Kinder bleiben, weil man sich von Kindern nicht scheiden lassen kann? Das vermittelt sich nicht automatisch durch bestimmte Haushaltsarrangements. Die Verlässlichkeit und Zugänglichkeit beider Eltern kann auf unterschiedliche Weise ausgedrückt werden. Zwei komplett bestückte Haushalte können eine Möglichkeit sein. Das ständige Pendeln zwischen Stuttgart und Hannover würde wahrscheinlich nur zu einem aufreibenden Test der Verlässlichkeit der Deutschen Bahn werden.

So sehr sie sich bemühen: Es dauert meistens, bis Ex-Partner ein entspanntes Verhältnis zueinander haben. Wie kommen Kinder in diesem Spannungsfeld klar?

Nicht wenige Ex-Partner haben auch nach langer Zeit kein entspanntes Verhältnis zueinander, manche nie. Schließlich ist für die meisten ein zentraler Lebensentwurf gescheitert. Die Schuldfrage steht im Raum. Schuldvorwürfe an den Ex-Partner oder Schuldgefühle des eigenen Versagens erzeugen das Spannungsfeld und erhalten es. Häufig kommen Kinder in diesem Spannungsfeld besser klar als ihre Eltern. Wird den Kindern nichts vorgemacht über das Scheitern der Beziehung ihrer Eltern und gleichzeitig glaubhaft die weiter bestehende Verlässlichkeit der Eltern vermittelt, kommen sie oft erstaunlich gut klar. Die Fähigkeit von Kindern, mit den Herausforderungen ihrer Familien und ihrer Eltern umzugehen, wird häufig unterschätzt.

Gibt es ein Patentrezept mit dem Ziel: "Patch works"?

Nein! Der Glaube, so etwas könnte es geben, ist die perfekte Scheiterstrategie. Die Vorstellung, es richtig machen zu können und es daher auch richtig machen zu müssen, sensibilisiert für Enttäuschungen und setzt den Erwartungsanspruch und den Erfolgsdruck hoch. Die Latte wird hoch gelegt und die Wahrscheinlichkeit, sie zu reißen, ebenfalls. Nützlicher kann die "reife Resignation" sein, dass Familie bei aller Sehnsucht, die die Beteiligten mit ihr verbinden, eigentlich ein mehr oder weniger unmögliches Unternehmen ist. Das gilt natürlich auch für Patchwork-Familien, und man muss sich eigentlich wundern, wie oft es dennoch einigermaßen gut funktioniert. Man kann dann vielleicht auch die kleinen unwahrscheinlichen Erfolge genießen, ohne ständig dem unmöglichen großen und umfassenden Erfolg hinterherzurennen. Und ein wenig Glück braucht man natürlich auch. Das Ziel, alle glücklich zu machen, ist oft der direkte Weg ins Unglück.

Interview: Nina Poelchau/print

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