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Unsere Geschichte - Ihre Erinnerung

Es soll ein Jahrhundertwerk werden: stern und ZDF starten das "Gedächtnis der Nation" - eine Website für die großen und kleinen Momente deutscher Geschichte. Machen Sie mit!

Von N. Kruse und S. Schmitz

Wissen Sie noch, was Sie am Abend des 9. November 1989 gemacht haben? Vermutlich, denn der Tag hat sich so fest im Gedächtnis der Deutschen verankert wie kaum ein anderer: In einer legendären Pressekonferenz verkündete das damalige DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski die Öffnung der Mauer. Der 1. Januar 2002 war vielleicht nicht so magisch, aber auch er veränderte das Leben in der Bundesrepublik nachhaltig: Es war der Tag, an dem zum ersten Mal Euroscheine aus dem Geldautomaten kamen. Ebenso wie der 19. April 2005, wenngleich viele Menschen auf Anhieb nichts Historisches damit verbinden: Am späten Nachmittag stieg aus dem Vatikan in Rom weißer Rauch auf; wenig später präsentierte sich Benedikt XVI. der jubelnden Menge - wir waren Papst, erstmals seit 500 Jahren.

Es sind nur drei Tage aus der jüngeren deutschen Geschichte, drei von unzähligen Daten, an denen sich die deutsche Geschichte veränderte - im Großen, für die gesamte Nation, wie etwa der 8. Mai 1945, als der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Oder im Kleinen, für jeden Einzelnen: 1961 etwa, als die Antibabypille Frauen erstmals die Möglichkeit gab, selbst über eine Schwangerschaft zu entscheiden. "Frauen", so Alice Schwarzer im Rückblick, "hatten bis dahin immer mit einer permanenten Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft gelebt". Die hitzigen Diskussionen über das Für und Wider der Pille muten heute, 50 Jahre später, drollig an, wenn sie nicht ohnehin in Vergessenheit geraten sind. Aber sie legen Zeugnis ab über den Weg, den das Land und die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten gegangen sind und uns zu dem gemacht haben, die wir sind.

"Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation" startet

Diesen Weg, von der Gründung der Weimarer Republik über die Naziherrschaft, die Studentenunruhen bis zum Merkelschen Atomausstieg, wollen ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp und Hans-Ulrich Jörges aus der stern-Chefredaktion nun mit einem aufwändigen Internetprojekt nachgehen, dokumentieren und öffentlich machen: auf der neuen Webseite "Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation". Die Erinnerungen von vielen Tausend Deutschen sollen systematisch gesammelt, eingeordnet und im Internet zugänglich gemacht werden.

Zum Start wurde die Web-Plattform mit 1600 Interviews aus dem ZDF-Archiv gefüttert, fortlaufend wird nun ergänzt. Dazu liefern 100 exklusiv produzierte Vier-Minuten-Filme Hintergründe zu bedeutenden Augenblicken und Themen der jüngeren deutschen Geschichte. Darunter einschneidende Momente wie der Sturz Kaiser Willhelms, des Zwoten 1918, erbauliche Ereignisse wie das Sommermärchen 2006 und erschreckende Erinnerungen wie an den Terrorherbst 1977. Das ist die eine, die handfeste Seite, mit Daten und Fakten. Neben den beiden Rubriken "Ereignisse" und "Themen" kommen auf der Website zudem Zeitzeugen aus allen Jahrzehnten zu Wort: Dabei sind Menschen wie der letzte DDR-Staatsratsvorsitzende Manfred Gerlach, der Intellektuelle Walter Jens und der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein, aber eben auch normale Bürger wie Maria Mehren aus Düsseldorf, die sich daran erinnert, wie sie 1913 das erste Kino der Stadt, das "Biograph" am Wehrhahn, besuchte.

Viele weitere Zeitzeugen werden nun gesucht. "Besonders wichtig erscheint uns der Alltag in Bundesrepublik und DDR", sagt Mitinitiator Hans-Ulrich Jörges. "Wir wollen durch die Erinnerungen eine deutsch-deutsche Parallelgeschichte schreiben." Deshalb, und auch das gehört zu dem großen Projekt, reist von nun an der "Jahrhundertbus" durchs Land, in dem ein Fernsehstudio installiert ist. Er macht Station in vielen Städten und lässt sich dort von den Menschen die vielen großen und kleinen Geschichten erzählen, die sonst in Vergessenheit gerieten. So sollen in den kommenden Jahren Tausende Gespräche zusammentragen werden.

Wichtig ist den Machern des "Gedächtnis der Nation", einem Verein mit einer Handvoll Mitarbeiter in Mainz, zudem, dass sie keinen Geschichtsfälschern oder anderen Narren auf den Leim gehen. In Telefonaten vor dem eigentlichen Interview klopfen die Redakteure ab, ob die Freiwilligen auch geeignet sind. Denn es geht um einen Schatz, den es zu bewahren gilt. "Man muss den Leuten zuhören“, sagt Hans-Ulrich Jörges, "ihnen sagen, dass ihre Erinnerung gefragt ist." Guido Knopp ergänzt: "History ist kalt, analytisch. Memory ist warm, emotional." Beides gehöre zusammen und beides soll das kollektive Gedächtnis nach und nach anwachsen lassen.

  Die Initiatoren des "Gedächtnisses": Hans-Ulrich Jörges (l.) und Guido Knopp

Die Initiatoren des "Gedächtnisses": Hans-Ulrich Jörges (l.) und Guido Knopp

"Oral History" - umstrittene, aber wundervolle Quellen

"Oral History", mündliche Geschichte, wird die Nacherzählung von Ereignissen durch Zeitzeugen genannt. Es handelt sich dabei nicht um exakte Wissenschaft, sondern um Erinnerungen von Menschen. Und die können trügen. Gerade lange zurückliegende Ereignisse werden vielfach verarbeitet, umgestaltet, umgedeutet, wie Studien belegen. Das, was "Gedächtnis der Nation" sammelt, soll deshalb auch niemand als Wirklichkeit nehmen. Peter Lautzas, Vorsitzender des deutschen Geschichtslehrerverbandes und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von "Gedächtnis der Nation", sagt: "Die Geschichten spiegeln nicht die Geschichte wider. Wie jede andere Quelle müssen auch sie gründlich hinterfragt werden.“ Ein kurzer Filmbeitrag führt deshalb ins Thema ein. Es gilt, den Zuschauer auszurüsten mit einer Prise jener robusten Skepsis, mit der Geschichtswissenschaftler solche Aussagen bewerten.

Trotz aller Vorsicht sind Zeitzeugen wunderbare Quellen, die es Historikern ermöglichen, das Lebensgefühl einer Epoche nachzuempfinden, um die Vergangenheit zu entschlüsseln und einst getroffene (politische) Entscheidungen zu bewerten. Dabei hilft es, Menschen ihre Erlebnisse ungefiltert erzählen zu lassen, ob in Tagebüchern, Briefen oder neuerdings Interviews. Und deren Widersprüchlichkeit und Emotionalität nicht als verwirrend abzutun, sondern als Facetten eines komplexen Bildes zu verstehen. Nicht selten kommt es dabei zu überraschenden Momenten: Etwa als der nicht gerade als Hurrapatriot bekannte Komiker und Filmemacher Michael Herbig erzählt, wie er bereits bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 auf der Suche nach einer Deutschlandfahne war. Vergeblich allerdings. "Ich bin dann in ein Schneidergeschäft gegangen und habe mir schwarzen, roten und gelben Stoff gekauft und mir mit einem Besenstiel eine Fahne gebastelt."

Sicher haben viele Menschen solche und ähnliche Geschichten parat. Deswegen wird zeitgleich mit dem "Gedächtnis der Nation" die Schwesterwebsite "Unsere Geschichte" auf Youtube freigeschaltet. Sie steht jedermann für eigene Zeitzeugeninterviews offen, vor allem aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Die Plattform bietet sich auch für Videoprojekte im Geschichtsunterricht von Schulen an. Der Geschichtslehrerverband hat bereits Materialien ausgearbeitet, die zeigen, wie die Clips im Schulunterricht genutzt werden können.

Shoah-Foundation ist das Vorbild

Vorbild für das "Gedächtnis der Nation" ist eine Internetplattform, die sich ebenfalls für das Wissen und gegen das Vergessen einsetzt: die Shoah-Foundation von Steven Spielberg. Der US-Regisseur gab einst den Anstoß zu einer gigantischen Datenbank mit Aussagen von Holocaust-Opfern. Sie ist ein eindrucksvolles, unvergleichliches Zeugnis. Ob das nun startende Nationalgedächtnis ebenso ein Erfolg wird, hängt maßgeblich vom Wollen und Wirken der Deutschen ab. Immerhin haben sich bereits einige große Namen und Firmen bereiterklärt, das Projekt zu unterstützen. Schirmherr ist Bundespräsident Christian Wulff. Der Autokonzern Daimler, das Medienunternehmen Bertelsmann, der Verlag Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint, und die Bosch-Stiftung haben Geld gegeben. Der Internetriese Google stellt die technische Plattform samt Youtube-Kanälen zur Verfügung. "Wir hoffen", so stern-Mann Jörges, "dass weitere Unterstützer hinzukommen. Wir brauchen sie auch."

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