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Die Stimme der Dunkelziffer bei Vergewaltigungen

Unter dem Hashtag #WhyIsaidnothing erzählen Frauen und Männer, weshalb sie eine Vergewaltigung nicht angezeigt haben. Ihr Fall ist damit nicht bei der Polizei registriert. Passiert ist es trotzdem.

Eine Frau sitzt mit Kapuze über ihrem gesektem Kopf vor einer weißen Wand, auf der der Schatten einer Hand groß zu sehen ist

Unter dem Hashtag #WhyIsaidNothing berichten Frauen und Männer von sexuellen Übergriffen

An einer US-amerikanischen Universität gaben 40 Prozent der Befragten an, schon mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt zu haben. 16 Prozent von ihnen wurden demnach vergewaltigt. Zur Anzeige kam es jedoch bei kaum einem Fall. Für zu viele Menschen ist das ein Grund, am Ergebnis der universitätsinternen Umfrage zu zweifeln. Wurden wirklich so viele Frauen und Männer vergewaltigt? Wenn bei der Polizei doch bloß so wenige Fälle registriert sind?

Dass die Dunkelziffer sehr hoch ist, zeigen die Opfer aktuell mit dem Hashtag #WhyIsaidnothing auf Twitter. Mit #WhyIsaidnothing wollen sie die Hypothese richtigstellen, dass  in Strafanzeigen gemessen werden können.

"Welt"-Autor findet harte Worte für Vergewaltigungsopfer

Vorausgegangen war der Aktion ein Artikel der "Welt", in dem der Autor harte Worte für Vergewaltigungsopfer findet.

"Tatsache ist aber, dass kaum eine der jungen Frauen, die auf Fragebögen ankreuzt, sie sei Opfer sexueller Gewalt geworden, sich je unter einer der Telefonnummern gemeldet hat, die extra für vergewaltigte Frauen eingerichtet wurden; geschweige denn, dass sie bei der Polizei Anzeige erstattet hätte.

Vielleicht geht es an amerikanischen Universitäten also doch nicht schlimmer zu als im Kongo? Vielleicht geht es in vielen Fällen gar nicht um Vergewaltigungen, sondern um Sex im Zustande des Vollrausches und nachträgliche Reue?", heißt es in dem Artikel

Eine Dunkelziffer kommt dem Autor offensichtlich gar nicht erst in den Sinn. Der "Welt"-Autor berichtete in seinem Artikel in erster Linie über die Ansichten der Anti-Feministin Camille Paglia, die nicht daran glaubt, dass so viele Frauen vergewaltigt werden. Sie glaubt auch nicht, dass Frauen die Welt fortschrittlich voranbringen können. Und auch nicht, dass es wirklich einen Klimawandel gibt - so viel zur Einordnung dessen, was Paglia so denkt und ausspricht. Sie glaubt nicht an eine "Vergewaltigungskultur" sagt sie - #rapecultrure wird als Hashtag meist neben #WhyIsaisnothing gebraucht. Doch die Dunkelziffer hat längst ihre Stimme erhoben.

Tausende Opfer erzählen ihre Geschichte

Inzwischen haben tausende Opfer auf Twitter ihre Geschichte erzählt, einige anonym, einige unter ihrem Klarnamen. Sowohl Frauen als auch Männer. In 140 Zeichen berichten sie, weshalb sie nicht zur Polizei gingen, nachdem es passiert war. Etwa, weil der eigene Partner der Täter war. Oder der Chef. Oder der Vater. Weil sie in ihren Peiniger verliebt waren. Oder weil man ihnen weisgemacht hatte, dass sie selbst Schuld hatten - wegen des Rocks, den sie trugen. Oder weil die Verletzungen einfach nicht krass genug aussahen - so, dass es noch mehr nach Gewalt aussieht. Und nicht nur nach einem klaren "Nein!" und ein paar Tränen.

Dabei nutzen die Opfer den Hashtag nicht, um sich öffentlich bemitleiden zu lassen. Es geht ihnen einfach darum, zu widerlegen, dass auf jeden Übergriff auch eine Anzeige folgt. Und an Strafanzeigen ersichtlich ist, wie viele Opfer es wirklich gibt.


jen

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