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Eine Straße, fünf Sekunden, zwei Welten: Das Kreuz mit der selektiven Wahrnehmung

Ein berühmt gewordenes Experiment beweist, dass der Mensch nur sieht, was er auch erwartet. Gut so, findet unsere Kolumnistin. Alles andere würde uns total überfordern.

Von Meike Winnemuth

Blick in eine Straße in einer deutschen Kleinstadt: Häuser, Autos, Passabten, Werbeschilder usw.

Gutes Testobjekt für den Beleg von selektiver Wahrnehmung: Eine beliebige Straßenszene in einer deutschen Kleinstadt. Ist da etwa irgendwo ein Gorilla?

Heute morgen in meinem Supermarkt. Ein älterer Mann steht vor dem Tresen neben der Obstabteilung, einer Sondertheke für Oliven, Biogemüse und -obst. "Seit wann habt ihr denn das hier?", fragt er. "Seit der Eröffnung", sagt die freundliche Bedienung, "also seit drei Jahren." – "Gibt’s doch nicht. Völlig unmöglich. Ich kaufe hier mindestens zweimal die Woche ein, ich habe die noch nie bemerkt." Die fünf Meter lange Theke kann man eigentlich nicht übersehen, man kommt daran vorbei auf dem Weg durch den Laden. Aber genau das ist schon die Erklärung: "vorbei" . Wir bewegen uns per Autopilot durch die Welt, das Ziel ist programmiert, der Rest nur Pappkulisse, bestenfalls im Augenwinkel vorbeirauschend.

Das erstaunliche Talent des Menschen, Dinge auszublenden, die er nicht unbedingt sehen muss, um durch den Alltag zu kommen, war schon oft Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Es gibt ein berühmtes Experiment zur sogenannten Unaufmerksamkeitsblindheit: In einem kurzen Film spielen zwei Basketballmannschaften, eine in weißen und eine in schwarzen T-Shirts, gleichzeitig mit je einem Ball. Die Aufgabe für die Probanden: Wie oft werfen sich die weiß Gekleideten gegenseitig den Ball zu? Nach 45 Sekunden betritt plötzlich eine Person im Gorillakostüm das Spielfeld, macht Faxen in die Kamera und geht wieder ab. Hinterher kann die Mehrheit der Beobachter die Anzahl der Ballwechsel präzise angeben, hat aber ansonsten nichts Ungewöhnliches bemerkt. Ein Gorilla? Nee, da war kein Gorilla.

Jeder hat seinen eigenen "Gorilla"

So ein Gorilla ist auch die Biotheke für den älteren Herrn, und so ein Gorilla ist für mich, als ich daraufhin mit weit offenen Augen durch das Geschäft ging, das Regal mit den belgischen und tschechischen Biersorten. Ernsthaft? Gab es das hier schon immer? Natürlich: seit der Eröffnung. Und die frischen Kräuter in den Blumentöpfen dort zwischen den Fenstern? Seit der … is’ klar.

Ich habe mir immer eingebildet, einigermaßen gut hinzugucken, immerhin lebe ich davon. Wie sonst sollte sich diese Kolumne füllen? Aber jetzt werde ich langsam nervös. Am Ausgang treffe ich den älteren Herrn wieder, wir kommen ins Gespräch, reden über selektive Wahrnehmung, mäandernde Aufmerksamkeit, individuelle Blindheit. "Haben Sie eine Minute Zeit für mich? Ich möchte gern was ausprobieren." Wir verabreden Folgendes: Wir gucken uns die Straße vor dem Supermarkt für fünf Sekunden an, schließen dann die Augen und nennen uns die ersten drei Dinge, die wir gesehen haben. Ich: "Strahlend blauer Himmel. Frau mit Hightech-Kinderwagen, Handy am Ohr. Das Baugerüst vor Budnikowsky, wieso steht das immer noch da?" Er: "Die Litfaßsäule mit diesem komischen Konzertplakat. Schwarzer Audi, bisschen zu schnell. Der 6er Bus, sah voll aus." Wir gucken uns an. Es ist zum Verrücktwerden. Die gleiche Straße, fünf Sekunden, zwei Welten. Zwei von Tausenden.

Augen zu und durch

Auf dem Heimweg vom Supermarkt habe ich jedenfalls jene Übung gemacht, die Achtsamkeitsprediger so gern verordnen: Beim Gehen soll man sich jedes noch so kleine Detail im Stillen selbst erzählen, als ob man es einem Blinden beschriebe. "Das Eckhaus ist hellgelb mit weißen Stuckelementen, darin ein bayerisches Wirtshaus. Auf den Aluminiumstühlen davor sitzen zwei Männer Mitte 30, einer davon hat seinen Rucksack auf den Stuhl neben sich gestellt. Er trägt eine dunkelgrüne halb lange Jacke" – und so weiter. Nach 20 Metern war ich komplett erschöpft. Wenn selbst schon meine eigene Straße zu viel ist für mich, wie soll dann … nein. Nicht drüber nachdenken. Einfach nur Augen zu und durch.

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