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Tibet an der kurzen Leine

Zwei Jahre nach den blutigen Unruhen in der Hauptstadt Tibets gehören die Uniformen der schwer bewaffneten Sicherheitskräfte ebenso selbstverständlich zum Stadtbild wie die orangefarbenen Gewänder der buddhistischen Pilger.

Chinesische Soldaten mit automatischen Waffen patrouillieren durch die tibetische Hauptstadt Lhasas. Paramilitärische Einheiten bewachen hinter Straßensperren die Kreuzungen. Und auf den Dächern schauen Männer durch Ferngläser auf den Barkhor, das Herz der Altstadt, wo der heilige Tempel liegt.

Zwei Jahre nach den blutigen Unruhen in der Hauptstadt Tibets gehören die Uniformen der schwer bewaffneten Sicherheitskräfte ebenso selbstverständlich zum Stadtbild wie die orangefarbenen Gewänder der buddhistischen Pilger. In der vergangenen Woche jedoch waren die Einwohner Lhasas fast schon überrascht, weniger Uniformierte auf den Straßen zu sehen. Stattdessen liefen vermehrt Zivilisten mit militärischem Kurzhaarschnitt durch die Straßen, manche von ihnen trugen gelb-schwarze Trainingsanzüge. Schnell war klar, dass die Befehlshaber die Soldaten bloß ohne Uniformen auf die Straße geschickt hatte.

Grund waren nicht die plötzlich entspannte Lage oder wachsende Friedfertigkeit der chinesischen Führung, sondern eine der seltenen Journalistenreisen in das besetzte Gebiet - organisiert von der Regierung. Vor dem Jahrestag des Aufstands von 1959 am Mittwoch, 10. März, ist die Lage wie immer angespannt. Damals musste der Dalai Lama über den Himalaya nach Indien fliehen. Seitdem wirft ihm die chinesische Führung vor, die Tibeter aufzuwiegeln und ihre Integration in die chinesische Gesellschaft zu behindern.

Längst sind die Tibeter durch die massenhafte Einwanderung von Han-Chinesen zur Minderheit im eigenen Land geworden, die sich für wirtschaftlich und politisch benachteiligt hält. Bürger zweiter Klasse seien sie, so lautet der Vorwurf.

Unruhen vor Olympia blutig niedergeschlagen

Vor zwei Jahren kam es zu den größten Protesten der vergangenen 50 Jahre. Nach tagelangen Demonstrationen mündete der Unmut der Tibeter am 14. März in Unruhen. Der Gewaltausbruch kostete offiziell 22 Menschen das Leben. In vielen tibetischen Gemeinden kam es zu Solidaritätskundgebungen. Mit gnadenloser Härte gingen die Sicherheitskräfte gegen tatsächliche und vermeintliche Aufrührer vor. Im Sommer standen die Olympischen Spiele in Peking an, das Regime war nervös.

Seit den Unruhen gibt es gelegentlich noch Proteste und Festnahmen, die Regierung gibt sich aber Mühe, alle oppositionellen Regungen zu unterdrücken. Auf einer Pressekonferenz am Sonntag wiederholte der von China eingesetzte Gouverneur Padma Choling seine Angriffe auf den Dalai Lama: "Seine Lügen haben Tibets Entwicklung negativ beeinflusst." Doch seit den Unruhen vom 14. März hätten die Bewohner Tibets die wahre Natur des geistlichen Oberhaupts erkannt, sagte der chinesische Vizegouverneur Hao Peng. "Die Leute verstehen jetzt besser, dass Abspalterei Unglück bringt und ethnische Einheit Glück." Alles entwickele sich seitdem in die richtige Richtung.

Offene Interviews sind fast unmöglich

Den Journalisten wurde auf der einwöchigen Reise durch Tibet die Hauptstadt Lhasa und die osttibetische Stadt Nyingchi gezeigt. Es war den Reportern kaum möglich, unbeaufsichtigt mit Einwohnern zu sprechen. Notfalls stellten die Beamten sicher, dass die Übersetzungen auch zur offiziellen Propaganda passten. So unterbrach ein Aufseher das Interview mit der 39 Jahre alten Bäuerin Basang, um für sie zu übersetzen: "Ich weiß gar nicht, was der Dalai Lama macht."

In Lhasa scheinen die Einwohner widerwillig dankbar für die starke Präsenz von Sicherheitskräften zu sein. Selbst die tibetischen Bewohner geben zu, dass sie eine Wiederaufflammen der Unruhen erwarten, falls sich Soldaten und Polizisten aus den Straßen zurückziehen sollten. Die tibetische Bevölkerung dürfte zwar nach wie vor erzürnt sein über die Propaganda gegen den Dalai Lama und die chinesische Besatzung, doch von der wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre hat auch sie profitiert. Mehr als umgerechnet 15 Milliarden Euro steckte die Regierung in den vergangenen zehn Jahren in die Provinz.

Weiter Unzufriedenheit trotz einiger Entwicklungs-Erfolge

Im Vorzeigeort Nyingchi ist zu sehen, wie sich der Touristenboom auf den Wohlstand der Leute auswirkt. So hängen in einer Herberge die Bilder von Mao Tse-Tung und Staatspräsident Hu Jintao an der Wand, daneben weiße Seidentücher, mit denen Tibeter ihren Respekt zum Ausdruck bringen.

Auch der Vorzeigeunternehmer Dawa Dunzhu steht auf dem Besuchsprogramm. Er ging nur wenige Jahre zur Schule, machte aber später eine große Karriere, indem er Spezial-Nahrungsmittel vertrieb, zum Beispiel Mineralwasser aus dem Gletscher des Mount Everest. Trotz dieser Erfolge halten Experten die Bemühungen der Regierung für unzureichend, um die Mehrheit der ethnischen Tibeter für sich zu gewinnen.

Die Unzufriedenheit wird so schnell wohl nicht verschwinden, wie Andrew Fischer vom Institut für Sozialstudien an der Uni Rotterdam erklärt. "Die Tibeter sind nicht unbedingt enttäuscht über die Entwicklungsarbeit, sondern über die Tatsache, dass sie eine unterdrückte Minderheit sind."

David Wivell, APN/APN
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