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8. November 2006, 17:03 Uhr

Die Kälte des "Samurai-Mörders"

Marco Z. ermordete zwei Frauen, 30 Minuten später absolvierte er die Prüfung für den Motorrad-Führerschein. Dann zerstückelte er die Leichen mit einem Samurai-Schwert. Das Münchner Schwurgericht verurteilte Marco Z. zu lebenslanger Haft. Der stern hat den Prozess beobachtet. Von Rupp Doinet

Marco Z. (Mitte) im Verhandlungssaal in München© Matthias Schrader/DPA

Als alles vorbei war, als die beiden jungen Frauen leblos vor ihm in ihrem Blut lagen, nicht mehr "hechelten", wie er später sagte, da wechselte Marco Z., Groß- und Außenhandelskaufmann aus München, zu der Zeit 22 Jahre alt, zuerst die Hosen. Zog die bluttriefende aus und stieg in eine neue Jeans. Dann fuhr er hinüber zur Fahrschule. Er wurde dort schon erwartet.

Etwa 30 Minuten, nachdem Marco Z. im vergangenen Juni seine 20-jährige Lebensgefährtin Kristine M. und deren gleichaltrige Freundin Bilge C. erstochen hatte, saß er auf einem Motorrad und legte die praktische Prüfung für den Führerschein der Klasse A ab. Der Prüfer gratulierte herzlich.

"Kalt, kälter, Marco", schreiben Münchens Zeitungen über den Mann, der nun vor dem Schwurgericht steht. Sie nennen ihn: "Samurai-Mörder". Denn noch am Abend nach der Tat zerstückelte Marco Z. die jungen Frauen mit einem Samurai-Schwert - Geschenk seines Vaters Branko. Marco Z. packte die Teile in insgesamt zwölf Müllsäcke und verteilte sie mit seinem Vater im Umfeld der Autobahn A 8 zwischen München und Salzburg.

Fotos der Toten am Revers

Was die Menschen in München und ganz Bayern über den Doppelmord hinaus entsetzt, nennt die Justiz lapidar das "Nachtatverhalten". So spektakulär und erschreckend es auch erscheint - "es ist eigentlich nicht strafbar", sagt Peter Guttmann, 53, der Anwalt von Marco Z. Und tatsächlich spielt es in dem Verfahren gegen den Angeklagten kaum eine Rolle.

Justizgebäude München, Saal 101 A. Auf dem Terminzettel draußen vor der Tür stehen unter dem Namen des Beklagten nur vier Buchstaben: "MORD". Marco Z. kauert links auf der Anklagebank, als versuche er, in sich selbst zu verkriechen. Starr blickt er auf die Wand gegenüber, wo ein Kreuz hängt, vorbei an den Angehörigen seiner Opfer, die Fotos der Toten am Revers ihrer Jacken tragen. Es ist sehr still in dem großen, fensterlosen Saal. Gespannt hören Gericht und Öffentlichkeit zu, wie Norbert Nedopil, 59, Professor für forensische Psychiatrie, den Menschen Marco Z. beschreibt.

Vier Menschen in einem Körper

Eigentlich spricht der Gutachter über vier verschiedene Menschen - jeder von ihnen Marco Z. Da ist einmal der höfliche, beliebte junge Mann, der ganz gut verdient, "angepasst" ist, einen festen Arbeitsplatz hat und Glück bei den Frauen.

Daneben gebe es die Variante eines Marcos, der bereits acht Vorstrafen hat, darunter Drogenhandel und Körperverletzung - und nun, neben der Mordklage, eine wegen Veruntreuung. Ein Mann, der "Frauen tritt und schlimmeres", der extrem eifersüchtig ist und es nicht verkraftet, verlassen zu werden. Der sich an Freundinnen, die sich von ihm trennten, rächt, sie bedrängt, ihre Autos zerkratzt. Ein "Stalker".

Als dritte Facette nennt der Gutachter einen Mann mit ausgeprägtem "hedonistischen Zug", der eine "unmittelbare Bedarfsbefriedigung" verlangt, möglichst ohne Gegenleistung.

Und schließlich gibt es noch den "Gegenüber-meinem-Vater-bin-ich-ein-kleines-Würstchen"-Marco, wie Norbert Nedopil es formuliert. "Ein unseliges Verhältnis" zwischen Vater und Sohn sei das gewesen, geprägt von Prügeln, Angst, Verhätschelung und gegenseitiger Abhängigkeit.

Tödliche Kettenreaktion

Im Juni 2005 muss es zu einer tödlichen Kettenreaktion in diesem Bündel an Persönlichkeiten gekommen sein. Kristine M. und Marco Z. waren seit einem knappen Jahr ein Paar. Für ihn hatte Kristine ihren früheren Freund Ali I. verlassen, Marco sei "reich", erzählte sie einer Freundin.

"Reich" war Marco, weil er im Jahr 2003 eine Tarnfirma gegründet hatte und über diese fingierte Rechnungen an seinen Arbeitgeber schickte. Marco Z. arbeitete in einem Putzbrunner Zulieferunternehmen für die Autoindustrie. Der gebürtige Kroate war beliebt bei den Kollegen; "Kuraz" nannten sie ihn, "Zipfel" auf Serbokroatisch.

Als Einkäufer und Sachbearbeiter verdiente er rund 1200 Euro netto. Die Begleichung der fiktiven Rechnungen genehmigte er dann eigenhändig und überwies sie auf sein Konto. Aus seinem Job kannte er alle Sicherungen - und wie man sie umgeht.

Unkontrollierte Gewalt und romantische Sonnenuntergänge

Als Marco Kristine M. kennen lernte, wollte er sein betrügerisches Unternehmen gerade schließen, es war ihm "zu heiß" geworden. Angeblich hatte dann aber Kristine M. die Idee, auf ihren Namen eine Firma anzumelden. Das sei unverdächtig und "mich kennt niemand in deinem Betrieb". 131.767,41 Euro hat das Paar bis Juni 2005 "ertrogen", genug für einen gebrauchten Mercedes 420 CL für 38.500 Euro, den Marco für 25.000 Euro umbauen ließ, teure Kleidung, Reisen.

Eine Angehörige trägt im Saal des Münchner Schwurgerichts das Bild einer der ermordeten jungen Frau© Matthias Schrader/DPA

Trotzdem wollte Kristine, die eine Kosmetikschule besuchte, sich von Marco trennen und zu Ali zurück. Sie wohnte zwar noch bei Marco, war mit ihm gerade im Urlaub in Dubai, schlief bei ihm und mit ihm. Aber eine gemeinsame Zukunft - nein. Zu oft hatte sie erlebt, was auch andere Frauen vor ihr mit Marco erlebt haben. Jähe, unkontrollierte Gewalt, extreme Eifersucht, Kontrollzwang. Da genügte es, dass das Handy der Freundin klingelte, und Marco schlug zu. Irgendwann war es auch kein Trost mehr, dass er hinterher besonders lieb sein und mit der soeben Geprügelten ganz romantisch Sonnenuntergänge betrachten konnte.

Gewalt gegen Frauen als legitimes Druckmittel

Gewalt gegen Frauen als legitimes Druckmittel des Mannes, das hatte Marco früh von seinem Vater gelernt. Branko Z., heute 54, bearbeitete zuletzt in einem Garagenkomplex Schrauben für jene Firma, bei der auch Marco beschäftigt war. Der Vater habe "den Jungen schon im Schulalter dazu angehalten", seine Mutter "mit Füßen zu treten, auf sie einzuschlagen, wenn er Streit mit ihr hatte", steht über Branko Z. in den Akten. Marcos Mutter, die mehrmals in Frauenhäuser geflüchtet war, bestätigte das vor dem Richter.

Als ihr Sohn, damals elf, sie einmal gemeinsam mit ihrem Mann schlug, ging sie für immer. Eine Tochter aus einer früheren Beziehung nahm sie mit, Marco blieb bei Branko Z. Erst Jahre später nahm die Mutter wieder Kontakt zu ihrem Sohn auf. Aber jetzt weiß Marco Z., das vertraute er in einem Brief aus der U-Haft der Schwester an, nicht mehr, "was ich zu Mama sagen soll". Die zwölf Jahre ihrer Abwesenheit könne er nie "einfach so vergessen. Ich werde das nie schaffen".

Dass sie sich trennen wolle, hatte Kristine Marco im Dubai-Urlaub gesagt. Er reagierte scheinbar gefasst, man besprach die Modalitäten. Das "ertrogene" Geld wollte man teilen, die Kosten für die Kosmetikschule sollte Marco übernehmen. Eine einvernehmliche Trennung - zu Kristines Bedingungen. Ali Z., den sie in ihre Geschäfte eingeweiht hatte, drohte vorsichtshalber, Marco anzuzeigen, falls der nicht zustimme.

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