Ein Gangstertrio irrt mit Geiseln quer durch die Republik, drei junge Menschen sterben - und eine ganze Nation ist live dabei. Das Gladbecker Geiseldrama ist eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte - und jährt sich jetzt zum 20. Mal. Ein Rückblick auf 54 bizarre und tragische Stunden. Von Malte Arnsperger

Dieter Degowski und die später ermordete Silke Bischoff© picture alliance
Ein verschwitzter Mann mit wirrem Blick sitzt auf der Rückbank eines Autos, hält einer blonden jungen Frau, die ihn mit Angst erfüllten Augen anblickt, eine Pistole an den Kopf. Dieses Foto ist zum Symbol des wohl bizarrsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte geworden: dem Geiseldrama von Gladbeck. Drei Tage lang, vom 16. bis 18. August 1988, hielten die Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski die Republik in Atem.
Nun jährt sich diese Tat zum 20.Mal. Noch immer faszinieren und irritieren die unglaublichen Ereignisse der "54 Stunden im August". Denn es war mehr als nur ein Banküberfall mit Geiselnahme. Es war ein Verbrechen, bei dem sich sowohl die Polizei als auch die Medien blamierten. In der "Stuttgarter Zeitung" hieß es damals: "Hätte ein Drehbuchautor dies als Film ersonnen, er hätte sich lächerlich gemacht."
Der Film beginnt an einem sonnigen August-Tag 1988. Der wegen Körperverletzung, Diebstahls und Einbruchs verurteilte Rösner und sein ebenfalls vorbestrafter Kumpane Degowski dringen um acht Uhr morgens in eine Bank in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Gladbeck ein, nehmen zwei Angestellte als Geisel und verlangen 300.000 Mark und ein Fluchtauto. Nach kurzer Zeit bekommt die Presse Wind von dem Überfall, schnell sind Reporter vor Ort.
Aus einem normalen Banküberfall wird dadurch ein Medienspektakel nie gekannten Ausmaßes. Bereits wenige Stunden später geben die Gangster erste Live-Interviews. Die Geiselnehmer haben die Journalisten instrumentalisiert, eine Tatsache, die sich bis zum bitteren Ende durch das Drama ziehen sollte. Statt nur zu berichten, wird die Presse von Anfang an zum Akteur und damit zum Hindernis für die Polizei. Aber auch die Staatsmacht versagt schon mit Beginn der Geiselnahme. Der Polizei gelingt es nicht, eine durchdachte Strategie zu entwickeln. Im Gegenteil: Sie provoziert die Gangster mit ihrer konfusen Vorgehensweise und taktischen Fehlern.
So etwa kann sie nicht verhindern, dass Rösner und Degowski mit ihren Geiseln am Abend des 16. August im Fluchtauto Gladbeck verlassen und ihre rund 1000 Kilometer lange Tour durch drei Bundesländer und die Niederlande beginnen. Eine Irrfahrt, die drei Menschen das Leben kosten sollte. Nach der Abfahrt aus Gladbeck kreuzen die beiden Geiselgangster, die inzwischen noch Rösners Freundin Marion Löblich eingeladen haben, rund 21 Stunden planlos durch Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen – stets dicht gefolgt von dutzenden Journalisten. Ungehindert können die Entführer ihr Fluchtwagen wechseln, sich an Autobahnraststätten verköstigen oder sogar in einer Fußgängerzone shoppen gehen. Die Polizei greift nicht ein, verpasst Gelegenheiten, dem Spuk ein Ende zu machen.
Am Abend des 17. August erreicht die abstruse Flucht dann einen ersten traurigen Höhepunkt. Das Trio kapert an einer Haltestelle in Bremen einen Linienbus mit 30 Passagieren. In den folgenden Stunden entwickelt sich auf dem Busbahnhof ein groteskes Spektakel. Während einige Geiseln noch an eine improvisierte Fernsehinszenierung glauben, halten die schwerbewaffneten Verbrecher Pressekonferenzen ab und laden Journalisten zu Fotoshootings und Gesprächen mit den Opfern in den Bus ein. Rösner, der Kopf der Gangster, gibt einem ARD-Reporter ein denkwürdiges Interview. ARD und ZDF zeigen zur besten Sendezeit einem Millionenpublikum, wie sich der 31-Jährige am Ende des absurden Dialogs vor laufender Kamera den Pistolenlauf in den Mund schiebt.
In einem stern-Interview hatte Rösner einige Wochen nach dem Ende des Geiseldramas gesagt: "In Bremen bin ich nur vor die Kamera gegangen, um Kontakt mit der Polizei zu suchen, da sie sich nicht traute, mit mir zu reden." Die Polizei brachte es tatsächlich nicht fertig, einen direkten Kontakt zu den Geiselnehmern herzustellen und verließ sich auf die Vermittlung durch Journalisten. Zwar hatten Scharfschützen die Entführer im Visier, doch ein gewaltsamer Zugriff schien zu diesem Zeitpunkt unmöglich, die Geiseln im Bus wären in Lebensgefahr gebracht worden.
Wie gefährlich und vor allem unberechenbar Rösner und sein 32-jähriger Kumpane wirklich waren, zeigte sich nur wenige Stunden später. Während eines Stopps des Busses auf der Autobahnraststätte "Grundbergsee" kommt es zu einer Katastrophe. MEK-Einsatzkräfte überwältigen Marion Löblich auf dem Toilettengang. Die Polizisten werden später sagen, es war Notwehr, doch der Zugriff erfolgte wohl auf Befehl. Ein folgenschwerer Fehler. Denn Rösner und Degowski - sie sind durch die lange Flucht, viel Alkohol und Aufputschmittel extrem nervös - drehen im Bus durch, als sie von der Festnahme ihrer Komplizin erfahren. Sie fordern die sofortige Rückgabe der 34-Jährigen sonst werde eine Geisel getötet.
Die Polizei reagiert, aber nicht schnell genug. Kurz bevor Löblich in den Bus zurückkehrt, schießt Degowski den 14-jährigen Emanuele de Giorgi in den Kopf. Der junge Italiener hatte sich zuvor stets schützend vor seine elfjährige Schwester Tatiana gestellt. Journalisten ziehen den schwer verletzten Emanuele aus dem Bus. Doch er kann medizinisch nicht sofort versorgt werden, da es versäumt worden war, einen Notarztwagen bereit zu halten. Emanuele stirbt wenige Stunden später.