Die Wutbürger vom Friedhof

4. Mai 2013, 17:57 Uhr

Die Überführung seines Leichnams war von wütenden Protesten begleitet: Für den mutmaßlichen Attentäter von Boston findet sich kein Friedhof. Bestatter fürchten anhaltende Tumulte. Von Jens Maier

Beerdigung, Boston, Attentat

Machen ihrem Unmut vor der Leichenhalle Luft: Garrett Plath (l.) und Kyle Senechal©

Ein Friedhof ist ein Ort der Ruhe und des Seelenfriedens. Doch für ihn soll es nach dem Willen von Garrett Plath, 20, und Kyle Senechal, 21, keinen geben. Sie stehen vorm Beerdigungsinstitut "Dyer Lake" im 30.000-Einwohner-Städtchen North Attleborough im US-Bundesstaat Massachusetts und protestieren lauthals gegen einen Leichnam. "Für Gerechtigkeit sorgen", steht auf einem Plakat, das sie hochhalten. Ihr Unmut richtet sich gegen die sterblichen Überreste von Tamerlan Zarnajew, dem mutmaßlichen Attentäter auf den Boston-Marathon.

Nach dem Abschluss der gerichtsmedizinischen Untersuchungen ist der Leichnam Zarnajews am Donnerstag in nach North Attleboro, zirka 50 Kilometer von Boston entfernt, überführt worden. Schon bei der Ankunft soll es nach Angaben des Senders "FoxNews" zu zahlreichen Zwischenfällen gekommen sein. Als der Leichenwagen die Straßen passierte, sollen Passanten den Mittelfinger ausgestreckt und Buhrufe von sich gegeben haben.

Die Proteste zeigen Wirkung. Mehrere Friedhöfe im Raum Boston haben nach Angaben von US-Medien eine Beerdigung Zarnajews abgelehnt. Es gebe Schwierigkeiten, für den getöteten Tamerlan Zarnajew, 26, eine Grabstätte zu finden, berichtete der TV-Sender CNN unter Berufung auf die Behörden.

Angst vor einem Terroristen neben dem toten Onkel

"Viele Leute haben Angst, dass ein Terrorist neben ihren Angehörigen beerdigt werden könnte", sagte Bestatter Peter Stefan dem Sender CBS. Er selbst könne die Proteste nicht nachvollziehen, "irgendwo muss der Leichnam ja bleiben". Aber auch bei der Beerdigung des offiziellen Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald habe es seinerzeit Probleme gegeben, erklärt Stefan.

Bei der Explosion zweier Bomben am Ziel des Boston-Marathons waren am 15. April drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. Als Tatverdächtige gelten die beiden Brüder Tamerlan und Dschochar, 19, Zarnajew. Der jüngere Bruder sitzt schwerverletzt in Haft, der ältere ist auf der Flucht getötet worden. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wurde er zunächst schwer verletzt. Im anschließenden Getümmel der Flucht wurde er von seinem jüngeren Bruder mit einem zuvor gestohlenen Wagen überfahren.

Wo Zarnajew seine letzte Ruhe findet, ist derzeit vollkommen unklar. Wie "FoxNews" berichtet, habe seine in Russland lebende Familie eine Überführung abgelehnt. Auch seine Witwe wolle die sterblichen Überreste nicht zurück. Um Proteste zu vermeiden, könnte der Leichnam in einem anderen Bundesstaat beigesetzt werden.

Die Wutbürger vom Friedhof mögen aus Rache oder Genugtuung protestieren - aber auch aus Verzweiflung. Zwölf Jahre nach den Anschlägen vom elften September wurde den Amerikanern schmerzhaft vor Augen geführt, dass Terror im eigenen Land noch immer möglich ist. Ein Traumata für jeden US-Bürger.

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