100 Millionen Pilger am Ganges

10. Februar 2013, 20:21 Uhr

Zelte und Gläubige soweit das Auge reicht: Alle zwölf Jahre entsteht am Ganges für das Hindu-Festival Maha Kumbh Mela eine riesige Zeltstadt. Millionen Pilger kommen.

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Indien, Ganges Hindu Pilger, Pilger

Nach dem Bad: Gläubige nehmen nach dem Bad im Ganges an einer Prozession teil.©

Lang lebe Mutter Ganges", murmelt Rupam Gupta, ehe sie ins Wasser steigt. In ihrem lilafarbenen Gewand watet sie durch die kalten Fluten, taucht unter, strahlt. "Ich fühle mich wie im Schoß meiner Mutter", sagt sie. Auch ihre Freundin Richa Khare ist in den Ganges gestiegen. Die Pilger wollen sich in dem Fluss von Sünden reinigen. "Ich glaube jetzt, dass ich etwas erreicht habe im Leben." Bis zu 100 Millionen Hindus baden derzeit beim Fest Maha Kumbh Mela im heiligen Fluss und fühlen sich "wiedererwacht" und "erleuchtet". Andere sprechen von "Entspannung" und "Belebung".

Vergessen sind in diesen Momenten die stunden- oder gar tagelangen Fahrten in überfüllten Zügen und über die holprigen Straßen Indiens. Für kurze Zeit haben die Menschen ihr meist ärmliches Leben in den Hütten und auf den Feldern hinter sich gelassen und sind auf die wichtigste Pilgerreise für Hindus gegangen. Sie kommen zusammen am Samgam, dem Zusammenfluss von Ganges, Yamuna und dem mythologischen Saraswati, zur weltgrößten Versammlung.

55 Tage dauert das Festival

Gelenkt wird der Pilgerstrom von Polizisten wie Udham Singh Talan. Die ganzen 55 Tage des Festivals geht er an den Ufern auf und ab und bläst in seine Trillerpfeife, wenn die Gläubigen zu lange verweilen. Niemand darf ewig tauchen und beten, denn es kommen noch unzählige Gläubige nach ihm. "Die Vorbereitung war gut. Wir schaffen das schon", meint der Unterkommissar zuversichtlich. Wird die Schlange der Menschen zu lang, lenken er und die mehr als 25.000 anderen Polizisten, 17.000 Paramilitärs und 10.000 Freiwilligen die Gläubigen in Gatter auf freien Feldern. Dort müssen sie, von Holzzäunen dirigiert, Slalom laufen.

Leider läuft trotzdem nicht immer alles gut. Zum Höhepunkt des Festivals am Sonntag, als mehr als 34 Millionen Menschen wieder nach Hause fahren wollten, kam es am Bahnhof zu einer Massenpanik. Mindestens zehn Menschen starben, mehr als ein Dutzend wurde verletzt. Trotz Sonderzügen ist die Infrastruktur der 1,1 Millionen-Stadt Allahabad nicht diesen Massen gewachsen, die das Vielfache der Stadtbevölkerung erreicht.

Und so wurde aus dem Nichts für die Massen eine 19 Quadratkilometer große Zeltstadt gestampft. Händler verkaufen dort Töpfe und riesige Schöpfkellen, Säcke mit Reis und Heiligenbilder. In regelmäßigen Abständen stehen Krankenhäuser, Feuerwehren, Mobilfunkmasten, Wasserstationen. Ein Vergnügungspark lockt mit einem Riesenrad und einem künstlichen Berg voller Statuen von Hindu-Gottheiten.

Organisiert sind selbst die Orte für die heiligen Männer. Zehntausende Sadhus liegen, nach Sekten aufgeteilt, in ihren Zelten oder sitzen am Feuer und rauchen Marihuana. An den Haupttagen für die spirituelle Reinigung haben sie eine festgelegte Reihenfolge für ihre Rituale. Zuerst rennen die Naga Babas ins Wasser - nackt bis auf die Asche, mit der sie ihren Körper einreiben. "Wir haben Barrikaden für die Sadhus aufgestellt, damit sie sich nicht mischen", erklärt Polizist Talan. Die für ihr aufbrausendes Temperament bekannten Heiligen würden sich sonst die Köpfe einschlagen, sagt er.

Verloren unter Pilgern

Auch im Fluss halten über Kilometer hinweg Pflöcke mit langen Seilen die Gläubigen davon ab, zu tief hineinzusteigen. An einer Sandbank, dort, wo sich das blaue Wasser der Yamuna und das braune Gangeswasser mischen, legen in Reih und Glied Holzboote mit Pilgern an. "Es ist professioneller geworden, nicht mehr so ursprünglich", meint Heinz Eisele aus München, der schon bei der vergangenen Kumbh Mela vor zwölf Jahren dabei war. Er ist erstaunt, wie gut alles klappt. "Für Millionen Menschen Essen und Trinken rankarren - das schaffen nur die Inder."

Zum Klang des Festes gehört neben den Segnungen, Trommeln, "Hare Krishna"-Liedern und den schreienden Kindern, die nicht ins Wasser wollen, auch die stündliche Lautsprecherdurchsage für die Vermissten. "Die Menschen hier laufen oft weite Strecken. Wenn eine Gruppe dann abbiegt, geht manchmal jemand verloren", sagt Sant Prasad Pandey, Chef des Fundbüros für Frauen und Kinder. Bis zu 2000 Menschen führt er an den Haupttagen zusammen - trotz Handys.

Dara Bai aus dem Bundesstaat Orissa hat ihr Telefon verloren und kann sich nicht an die Nummern ihrer Familienmitglieder erinnern. Acht Tage wartet die alte Frau schon auf ihre Angehörigen, nun soll sie ein Zugticket nach Hause bekommen. "Sie haben uns verlassen", klagt sie. Fundbüroleiter Pandey meint: "Eltern sind sehr erpicht darauf, ihre Kinder wiederzufinden, aber manchmal nicht ihre Alten."

Die freiwilligen Helfer geben denen, die verloren gegangen sind, ein Zeltdach über dem Kopf und Stroh zum Schlafen. Eine Greisin sitzt selig auf ihrem Plastikstuhl mittendrin und lächelt. Sie ist bereits seit 20 Tagen da. "Es gefällt mir hier", sagt sie. Jeden Tag könne sie im Ganges baden und erhalte Essen. Erst wenn die Kumbh Mela am 10. März vorbei ist, will sie wieder in ihr Dorf fahren.

anb/DPA
 
 
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