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Die kuriose Geschichte, wie Briten (immer noch) ihre Gesetze aufschreiben

Zum Festhalten von Gesetzestexten braucht es in Großbritannien Kühe. Das britische Parlament verewigt seine Beschlüsse seit jeher auf Pergament - also auf Tierhaut. Diese Eigenart steht jetzt aber auf der Kippe.

Diese Dame in unserem Symbolbild hat nichts mit britischen Gesetzestexten zu tun. Sie restauriert ein Pergamentstück an der Sächsischen Landebibliothek.

Diese Dame in unserem Symbolbild hat nichts mit britischen Gesetzestexten zu tun. Sie schreibt auch nicht. Sie restauriert ein Pergamentstück an der Sächsischen Landebibliothek. 

In Großbritannien ist Paul Wright wohl der Letzte seiner Zunft. In der englischen Kleinstadt Newport Pagnell in der Grafschaft Buckinghamshire stellt er aus Ziegen- und Kalbshäuten Pergament her. "Mit unserem handgefertigten Pergament werden historische Ereignisse wie Königshochzeiten oder Gesetzestexte dokumentiert", erzählt er. Auf die britische Regierung in seiner Kundendatei ist er besonders stolz. Sie beschert Paul Wright jährlich 40.000 Pfund (51.000 Euro) Umsatz. Die Briten verewigen ihre Gesetze nämlich immer noch auf Pergament aus Kuhhaut.

Die Tradition steht jetzt aber auf der Kippe. Ende März endet der Vertrag mit der Firma, die das seltene Schreibmaterial bedruckt. Die Lords im Londoner Oberhaus, die für das Festhalten von Gesetzen verantwortlich sind, wollen den Vertrag nicht verlängern. Sie wollen so rund 80.000 Pfund einsparen, die sie jährlich für Einkauf, Beschriftung und Lagerung des tierischen Schreibmaterials aufwenden.

"Tradition ein wichtiger Teil des Erbes"

Ein endgültiger Kabinettsentscheid wird demnächst erwartet. Premierminister David Cameron hält bislang dagegen: "Traditionen sind ein wichtiger Teil unseres parlamentarischen Erbes und wir sollten sie wo immer möglich bewahren." 1999 haben die Lords schon einmal die Abschaffung verlangt, damals wehrten sich Abgeordneten des Unterhauses.

Gesetze auf Tierhaut zu verewigen, ist ein uralter Brauch. Friedrich Ebels rund 500 Seiten starke Rechtsgeschichte datiert die erste Pergamenturkunde auf das Jahr 677. Unterschrieben hat sie Theoderich III., König der Merowinger, die seither nur noch Pergament statt das empfindlichere Papyrus für ihre Urkunden verwendeten. Im 12. Jahrhundert war die Umstellung auf Pergament dann flächendeckend vollzogen. In den meisten Ländern machte dann allerdings gewöhnliches Papier, zunächst als Import aus Asien, dem Pergament den Garaus - nicht so in Großbritannien.


Der Vorteil von Pergament: Es hält und hält und hält

Zu Recht, sagt Paul Wright. Pergament könne rund 4000 Jahre überleben. "Hätten frühere Zivilisationen kein Pergament verwendet, wäre unsere Einsicht in die Menschheitsgeschichte enorm geringer. Eine halbe Sandale oder ein zerbrochener Topf gibt nun einmal nicht so viel her." Wright ist sich sicher: Wäre die Magna Charta 1215 nicht auf Pergament geschrieben worden, hätten die Briten heute keine Abschrift mehr von dem Befreiungsschlag, den die berühmte Urkunde des damaligen Königs für seine Untergebenen bedeutete.

Die Lords halten dagegen: Auch Archivpapier habe eine Lebensdauer von mehreren Hundert Jahren. Die ältesten Dokumente des Oberhauses auf Papier stammten aus dem frühen 16. Jahrhundert. Zudem seien Gesetze heute auch online verfügbar und gespeichert.

Digitale Speicherung? Das würde auch symbolisieren, dass Gesetze nicht wichtig sind

Von digitaler Speicherung hält der Pergament-Macher nicht viel, auch, weil sich die Technik ständig weiterentwickele. "Zum Beispiel sind die Informationen von Laserdiscs heute verloren, dabei waren die Datenträger vor 30 Jahren der Renner." Außerdem impliziere Pergament Prestige, Status und Wichtigkeit. "Ein geringeres Material würde nahelegen, dass die Gesetze nicht so bedeutungsvoll sind."

Simon Berninger/DPA
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