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Hitlers hohle Hülle

26. Februar 2013, 07:59 Uhr

Eine Hitler-Satire ist derzeit der Verkaufshit. Doch ist Lachen über einen Massenmörder erlaubt? Nur ein Gast gab bei Plasberg die richtige Antwort: "Die Frage ist falsch. Es geht um etwas anderes." Von Mark Stöhr

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Deutschland diskutiert dieser Tage über falsche Bio-Eier und Pferdefleisch in Lasagnen. Frank Plasberg griff auf ein stets brisantes und immer aktuelles Thema zurück: Hitler.©

Schnittlauchbrötchen. Die einen stehen drauf, die anderen nicht so. Hitler stand drauf. Das behauptete jedenfalls Erika Steinbach, die Präsidentin des Vertriebenenverbandes, gestern Abend bei "Hart aber fair". Die Eklat-Expertin behauptete aber auch schon mal, dass Polen 1939 vor Deutschland mobil gemacht habe ("Ich kann es leider auch nicht ändern") und die NSDAP eine "linke Partei" gewesen sei. Und mit dem Schnittlauchbrötchen war sie sich dann doch nicht mehr so sicher, als sie merkte, dass ihre Mitdiskutanten plötzlich hellwach waren. Vor allem Hellmuth Karasek fing wie wild an zu schmatzen. Ob das Schnittlauchbrötchen denn im "Wörterbuch des Unmenschen" aufgeführt sei – einer Art Lexikon der Nazisprache, erschienen in der Nachkriegszeit –, fragte er sich und die anderen. Die waren aber schon wieder eingenickt. Eine hartnäckige Müdigkeit hatte erneut von ihnen Besitz ergriffen. Nennen wir sie: die Hitler-Hypnose.

Timur Vermes führt seit elf Wochen mit seinem Buch "Er ist wieder da" die Bestsellerlisten an. Das Buch ist eine Satire: Hitler taucht plötzlich in der Gegenwart auf, wird als begnadeter Hitler-Parodist gefeiert und bekommt seine eigene Fernsehshow. 400.000 Stück wurden von dem Buch bislang verkauft. Für Frank Plasberg Anlass genug, an diesem Erfolg ein gesellschaftliches Phänomen abzulesen und daraus eine komplette Sendung zu machen. Darf man über Hitler lachen, lautete die wenig originelle Frage. Vermes, der Bestsellerautor, um dessen Buch es ja ging, war übrigens nicht eingeladen. Dafür der Hitler-Spezialist Oliver Pocher. Der kann massenmordsmäßig gut Hitlers rollendes R nachmachen.

Hitler verkauft sich gut

´Pocher findet, dass man "natürlich" über Hitler lachen darf. Was könne er für das – er sagte das wirklich –, was seine Oma und sein Opa verbockt hätten. Aber er fände es "natürlich" auch wichtig, dass die nachfolgenden Generationen KZs besichtigten. Schnittlauchbrötchen-Steinbach hob das Reflexionsniveau nur unwesentlich. Das Lächerlichmachen von Diktatoren sei wichtig, weil es diese entlarve. Als was, sagte sie nicht. Das war aber auch ziemlich egal.

Erst mit Rudolf Dreßler, dem alten SPD-Recken, kam Substanz in die Debatte. Der Mann versteht generell nicht viel Spaß, bei Nazis überhaupt keinen. In dem Buch werde nicht über Hitler, sondern mit diesem gelacht, sagte er. Das sei eine neue Qualität. Und: Er fände es unerträglich, "einen Massenmörder als Mittel zum Zweck des Umsatzes zu missbrauchen". Hitler verkauft sich bekanntlich prächtig – als Personifikation des Bösen genauso wie als Witzfigur. Nimmt das Satiremagazin "Titanic" zum Beispiel den Despoten auf den Titel – was acht Mal der Fall war in den letzten vier Jahren –, würden im Schnitt 25 Prozent mehr Hefte verkauft. Beim "Spiegel" oder "Stern" sei das ähnlich. Karasek musste in dem Zusammenhang ganz dringend eine Plattitüde loswerden: "Hitler ist eine komische Figur, die fasziniert."

Über Hitler und Satire – ja oder nein? – zu sprechen, ist ungefähr so ergiebig wie eine Debatte über das Pro und Contra der Atomkraft oder von Stuttgart 21. Die einen sagen das, die anderen sagen jenes, wer was sagt, ist vorher schon klar – dann geht man schlafen. Dreßler appellierte arg steifhüftig an die Verantwortung für die deutsche Vergangenheit, die jeden angehe, egal ob man wie er 72 sei oder 35 wie Pocher. Pocher hingegen fand es gar nicht verkehrt, dass viele junge Leute kaum noch einen der führenden Nazis beim Namen nennen können (außer Hitler natürlich). Wieso sich mit so altem Kram belasten, für den man ja sowieso nichts kann?

"Die Deutschen gieren nach Unschuld"

Gut, dass Leo Fischer da war, der "Titanic"-Chefredakteur. Plasberg konnte ihn nicht leiden und nahm ihn daher selten dran. Doch zwischen den platten und moralinsauren Zeilen der anderen Gäste sagte Fischer die entscheidenden Sätze. Hitler werde als "zauberhafte Kreatur von einem anderen Planeten" inszeniert, als "Dämon", losgelöst von der Vergangenheit wie von der Gegenwart. Fischer: "Die Deutschen gieren nach Unschuld und verdrängen, dass es einen wachsenden Antisemitismus gibt." Diese Zunahme konnte Plasberg in einem Einspieler anhand alarmierender Zahlen belegen.

Die Frage der Sendung, das wurde spätestens durch Fischer klar, war schlichtweg falsch gestellt. Es geht nicht darum, ob man über und mit Hitler Witze machen darf oder nicht oder ob der "Führer" gerne Schnittlauchbrötchen aß oder nicht. Die Frage ist vielmehr, wie tief die Ideologie, für die er steht, in der gegenwärtigen Gesellschaft verwurzelt ist. Darüber lässt sich nicht so gut Witze machen.

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