. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
3. März 2009, 20:28 Uhr

"Was hätte alles passieren können"

Noch immer werden Menschen vermisst, Historiker machen sich große Sorgen um die wertvollen Dokumente, doch am Abend eines Schreckenstages in der Kölner Südstadt wird deutlich: Die ganz große Katastrophe ist beim Einsturz des Historischen Stadtarchivs ausgeblieben. Immer mehr deutet darauf hin, dass der nahe U-Bahn-Bau das Unglück ausgelöst hat. Von David Meiländer, Köln

Köln, Stadtarchiv, historisches, Severinstraße, eingestürzt, Einsturz, Südstadt

Keine Ruhe in der Severinstraße: Die Nacht hindurch wird die Einsturzstelle gesichert© Clemens Bilan/DDP

Florian Schmidt spricht heute nur noch im Konjunktiv. Ihm gehe es gut, sagt er. Richtig fassen kann er das aber noch nicht. "Unglaublich, was alles hätte passieren können", sagt er. Es war 14 Uhr am Dienstagnachmittag, als die Wände seiner Wohnung in der Kölner Severinsstraße zu wackeln begannen. "Zunächst habe ich gedacht, es sei ein Erdbeben. Ich bin sofort aufgesprungen und ins Treppenhaus gelaufen", erinnert er sich. Als er unten ankam, erwartete ihn eine dichte Staubwolke: Das Historische Archiv der Stadt Köln, nur zwei Häuser rechts von seiner Wohnung, lag in diesem Moment schon in Schutt und Asche. Zusammengebrochen, weil in der nahen Baugrube der U-Bahn Erde abgerutscht ist. Darauf weist zumindest am Abend alles hin.

Die Kölner Feuerwehr löste sofort Großalarm aus und sperrte das Gebiet rund um den Unfallort, den Waidmarkt, ab. Mehr als 200 Feuerwehr-Leute waren im Einsatz.

Vier Stunden später sitzt Florian Schmidt in der U-Bahn-Linie vier in Richtung Neumarkt. Seine Haare und sein Gesicht sind mit einer gräulichen Staubschicht überzogen. "Ich habe großes Glück gehabt", sagt er und fährt sich mit der rechten Hand über die Stirn. "Die Nachbarhäuser sind sehr langsam eingestürzt. Dadurch konnten wir uns noch schnell genug in Sicherheit bringen." Laut Feuerwehr seien die mehrgeschossigen Häuser neben dem Archivgebäude dem kurz nach dem Zusammenbruch ebenfalls kollabiert. Die Trümmer seien auch auf die Straße und eine nahe gelegene U-Bahn-Baustelle gestürzt.

Köln, Stadtarchiv, historisches, Severinstraße, eingestürzt, Einsturz, Südstadt

Öffnung in der U-Bahn-Baugraube

Bis zum Abend verdichtete sich der Verdacht, dass der U-Bahn-Bau unter der Severinsstraße die Ursache für den Einsturz gewesen ist, immer mehr. Kölns Feuerwehr-Direktor Stefan Neuhoff sagte am Dienstagabend, in der unmittelbar benachbarten 28 Meter tiefen Baugrube für die U-Bahn-Erweiterung sei wohl eine Öffnung entstanden. In diese Öffnung sei Erde nachgerutscht, und dadurch sei dem Historischen Archiv möglicherweise der Boden entzogen worden. Auch der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe für die U-Bahn-Erweiterung, Rolf Papst, sagte, es könne sein, dass die Absackung mit Aushubarbeiten in der Grube zu tun habe. Dort entsteht zurzeit eine Weichenkonstruktion. Diese Äußerungen würde zu den Beobachtungen passen, dass in der Vergangenheit immer wieder Risse in den entdeckt worden waren. Ein Mitarbeiter des Archivs berichtete, er selbst habe Risse schon vor Monaten gemeldet, geschehen sei jedoch nichts.

Trotz allem: Die große Katastrophe ist ausgeblieben. Daniel Leopold, dem Pressesprecher der Feuerwehr, ist die Erleichterung am späten Dienstagnachmittag anzusehen. Er steht wenige Meter entfernt von der Unfallstelle vor dem ehemaligen Polizeipräsidium. Die Glasscheiben sind zersprungen. Bisher kann Leopold fast nur gute Nachrichten vermelden: Keine Toten und keine Verletzten. Ob das so bleibt, ist noch ungewiss. Bei mehreren Bewohnern der angrenzenden Häuser hat seine Behörde den Aufenthaltsort noch nicht klären können – ob sie zum Zeitpunkt des Einsturzes in ihren Wohnungen waren, wissen sie nicht. "Es ist auch möglich, dass wir unter den Trümmern verschüttete Passanten finden werden", sagt Leopold. "Dennoch kann man sagen, dass sich unsere schlimmsten Befürchtungen nicht bestätigt haben."

Zunächst sei die Feuerwehr routinemäßig von mehreren Verletzten und Toten ausgegangen und hatte die entsprechenden Einsatzkräfte bereit gestellt. Mittlerweile sind auch Hunde des Roten Kreuzes im Einsatz, um eventuell Verschüttete durch ihren Geruchsinn aufzuspüren. Keine leichte Aufgabe. Die Unfallstelle gleicht einer Trümmerwüste - so als wäre eine Bombe eingeschlagen. Die Häuserwände der Nachbargebäude sind komplett eingerissen. Ein dunkelblauer Teppichboden hängt lose aus dem dritten Stock eines der Gebäude, darunter liegt ein verwüstetes Schlafzimmer komplett offen - nur das Regal mit den in rote und blaue Umschläge eingehüllten Bücher hat die Erschütterungen wie ein Wunder überstanden. Das darüberliegende Dach scheint nur noch von losen, übereinander getürmten Steinen gehalten zu werden.

Auf der anderen Seite kein besseres Bild: Tapetenfetzen hängen an den Seiten, im zweiten Stock ein Badezimmer mit olivgrünen Kacheln und einem weißes Keramik-Waschbecken. In diesem Haus lebt das Ehepaar, nachdem die Polizei den ganzen Tag schon fieberhaft sucht. Ihr Aufenthaltsort konnte bisher nicht ermittelt werden, ob sie sich im Haus befinden oder unter den Trümmern, ist unklar. Doch weil das Gebäude stark einsturzgefährdet ist, gestaltet sich die Suche darin nach Feuerwehrangaben als schwierig. Am Abend fahren Betonmischer auf. Das Gelände muss befestigt werden, sonst bleibt die Suche an manchen Stellen zu gefährlich. An Aufräumarbeiten im großen Stil ist im Moment noch nicht zu denken. Florian Schmidts Wohnung ist intakt, aber betreten darf er sie nicht. Zu gefährlich, sagt die Feuerwehr. Mit der Linie vier fährt er zum Friesenplatz, dort wird er in der Wohnung einer Freundin übernachten. "Das ist kein Problem für mich", sagt er. "Ich bin einfach dankbar, dass ich hier bin und nicht dort in der Severinsstraße unter den Trümmern liege."

Stadtarchiv in Köln eingestürzt
Bedienungsanleitung für die Karte: Pfeilsymbole = Karte verschieben;
Plus- und Minussymbole = Kartenausschnitt vergrößern/verkleinern.
"Karte" = Straßenkartenansicht;
"Satellit" = Luftbildaufnahme;
"Hybrid" = Luftbild mit eingezeichneten Straßen
Von David Meiländer, Köln
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
sininen (04.03.2009, 10:10 Uhr)
@chb74
Sicherlich wäre auch ein neueres Gebäude abgesackt. Aber wenn Sie auch in Köln leben kann es Ihnen nicht entgangen sein, dass ältere Häuser, Brunnen und Gebäude sehr nachlässig gepflegt werden/worden sind. Es wird gespart wo es geht. Wofür? Um noch etwas Geld für die Bürger zu haben, möchte man meinen. Aber nein. Das Geld, das an der Sanierung bestehender Bausubstanz gespart wird wird in den Bau einer völlig überteuerten und (sogar für den Laien einleuchtend) riskanten U-Bahnlinie gepumpt (oder immerhin ist Geld für so ein Projekt da) die nun zum Zwecke der Sicherung eben dieser Ungückstelle mit Beton verschlossen werden muss. Dass da was nicht stimmen KANN (in der Verhältnismässigkeit) sollte klar sein.
Goldfire (04.03.2009, 07:12 Uhr)
@chb74
Wurde vor zwei Jahren Risse im Mauerwerk festgestellt. Vielleicht kam eins und eins zusammen, und wenn es so ist, dann waren mit die Einsparungen schuld.
chb74 (03.03.2009, 22:18 Uhr)
@Goldfire
"...die Folgen der Einsparungen im Bereich Sanierung öffentlicher Gebüude..."
.
Wenn tatsächlich der U-Bahn-Tunnel die Ursache ist, hat das nichts mit dem ohne Zweifel vielfach eher mäßigen Erhaltungszustand öffentlicher Gebäude zu tun. Auch ein frischer Neubau wäre da weggesackt, denn wenn das Fundament "absäuft", kippt das Haus nunmal um...
Eisenbaer (03.03.2009, 21:47 Uhr)
Die Ironie an der Geschichte ist....
...dass hier ein Teil der Geschichte Kölns zur Geschichte wurde, und dass andererseits das in langen Jahren der Forschung erworbene Wissen um die Rettung der Kölner Altertümer nun bei der Ausgrabung der Dokumente über die eigene Geschichte verwendet werden kann...
Goldfire (03.03.2009, 21:32 Uhr)
Furchtbar
Nicht nur, dass wir hier ein Paradebeispiel für die Folgen der Einsparungen im Bereich Sanierung öffentlicher Gebüude sehen, nein, diese Tragödie ist weitaus größer. Menschen starben, Wissen ging verloren. Und das zweite ist weit aus unbezahlbarer, jetzt sollten wir mal die Augen aufmachen und Geld in Dinge investieren, die wirklich wichtig sind, nämlich in die nächste Generation, in die Forschung.
MEHR ZUM ARTIKEL
Das Unglück von Köln "Gedächtnis der Stadt" ausgelöscht

Nach dem schweren Unglück in Köln gibt es harte Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung: Der Einsturz des Stadtarchivs sei absehbar gewesen, sagt ein Mitarbeiter. Die Unglücksstelle gleicht einer Trümmerwüste, drei Personen werden derzeit noch vermisst. Unschätzbare Kulturschätze dürften für immer verloren sein. mehr...

Bau der Kölner U-Bahn Kostenexplosion und Kollateralschäden

Der Bau der Kölner U-Bahn hat bereits in der Vergangenheit für Ärger gesorgt. Stern.de dokumentiert die Historie eines umstrittenen Bauvorhabens. mehr...

St. Johann Baptist-Kirche Der schiefe Turm von Köln

Der Turm der katholischen Kirche St. Johann Baptist in Köln ist in der Nacht zum Mittwoch etwa einen Meter zur Seite gekippt. Wegen Einsturzgefahr mussten etwa 70 Anwohner noch in der Nacht ihre Wohnungen verlassen. Eine der wichtigsten Rheinbrücken in Köln, an deren Auffahrt die Kirche liegt, wurde zeitweise gesperrt. Zwei S-Bahn-Linien stellten den Betrieb ein. Ursache für das Kippen des rund 40 Meter hohen Turmes ist nach Angaben der Stadt wahrscheinlich der Bau einer neuen U-Bahn-Linie. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe