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15. Januar 2010, 20:52 Uhr

Regierung spricht von 140.000 Toten

Neue schlimme Schätzung der Regierung von Haiti: Bei dem verheerenden Erdbeben sollen 140.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Unterdessen erreicht die Hilfe die Überlebenden nur quälend langsam.

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Es fehlt an allem in Port-au-Prince: Hände recken sich nach einer kleinen Portion Wasser© Kena Betancur/Reuters

Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti haben Fallschirmjäger der 82. US-Luftlandedivision am Freitag Stellung auf dem Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince Stellung bezogen. Wie Sergeant Kelab Barrieau sagte, richteten die Soldaten, die schweres Gerät mitbrachten, Kontrollposten ein. Später wollen sie sich demnach in der Stadt verteilen, "um den Vereinten Nationen und anderen Kräften jegliche benötigte Hilfe zu leisten". Weitere US-Soldaten werden in Kürze in Haiti erwartet. Unterdessen teilte die haitianische Regierung mit, dass voraussichtlich 140.000 Menschen bei dem Erdstoß ums Leben gekommen seien. Etwa 40.000 Leichen seien bereits bestattet worden, weitere 100.000 Tote - so die Befürchtungen - liegen unter den Trümmern. Der Innenminister des Landes hält sogar 200.000 Todesopfer für möglich.

Nach Angaben von US-Generalstabschef Mike Mullen bis Montag in und vor Haiti bis zu 10.000 US-Soldaten stationiert werden, um zu helfen. Für viele Betroffene wird diese Hilfe allerdings zu spät kommen - vor allem für Menschen, die unter Trümmern noch auf ihre Rettung hoffen. Die Hilfe kommt nur quälend langsam bei den Betroffenen an. Die Verzweiflung der Menschen weicht allmählich großer Wut und dem Gefühl, in größter Not allein gelassen zu werden. Die Lage in Port-au-Prince ist explosiv.

Aufgebrachte Überlebende der Katastrophe türmten am Freitag in der weitgehend zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince Leichen zu Barrikaden auf und plünderten vereinzelt Lagerhäuser. Im Fernsehen beklagten sich verzweifelte Erdbebenopfer bitterlich über die ausbleibende Hilfe. Mindestens 50.000 Menschen waren bei dem verheerenden Erdbeben am Dienstag ums Leben gekommen, rund drei Millionen Menschen sind von den Folgen des Erdstoßes betroffen und müssen versorgt werden. Nur vereinzelt gibt es inmitten der Apokalypse Lichtblicke: Internationale Suchtrupps hätten 23 Menschen lebend aus den Trümmern des Hotels Montana geborgen, berichtete der chilenische Entsandte Juan Gabriel Valdés. Das Hotel galt bis zum Erdbeben als Anlaufpunkt für Ausländer in der haitianischen Hauptstadt.

Als Nadelöhr für die Helfer erweist sich immer wieder der völlig überlastete Flughafen von Port-au-Prince, wo einige Flugzeuge mit Helfern und Hilfsgütern sogar abgewiesen werden mussten. Unter anderem musste eine mexikanische Maschine mit einer Trinkwasser-Aufbereitungsanlage wieder umkehren. Dagegen meldete das Technische Hilfswerk (THW) am Abend, ein Team sei im Krisengebiet eingetroffen und bereite nun den Einsatz einer Aufbereitungsanlage vor. 6000 Liter Trinkwasser pro Stunde könnten dann produziert werden, womit etwa 30.000 Menschen versorgt werden könnten. Das THW brachte auch ein Analyselabor sowie die Ausstattung zur Reparatur der Wasserinfrastruktur mit.

Korrespondenten internationaler Fernsehsender berichteten allerdings, dass selbst in unmittelbarer Nähe des Flughafens immer noch traumatisierte Menschen ohne Nahrung, Wasser oder medizinische Hilfe anzutreffen seien. Über die Lage außerhalb von Port-au-Prince gibt es auch Tage nach der Katastrophe keine verlässlichen Angaben. Vor allem aus dem Süden des Landes wurden schwere Zerstörungen gemeldet.

Helfer befürchten inzwischen wachsende Spannungen und Ausschreitungen, sollten Trinkwasser, Lebensmittel und Medikamente nicht unverzüglich die verzweifelten Überlebenden erreichen. Nach Berichten des US-Senders CNN wurden massenweise Tote von den Straßen gesammelt und mit Radladern in große Lastwagen gekippt, vielerorts wurden kurzerhand Massengräber ausgehoben. Der Leiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in Haiti, Stefano Zannini, berichtete von dramatischen Szenen. Derzeit bestehe zwar noch keine akute Seuchengefahr. Den Verletzten müsse aber dringend geholfen werden. Sie suchten zu Tausenden medizinische Hilfe, sagte Zannini. Da es an Lebensmitteln mangele und auch Benzin für den Transport fehle, verschlimmere sich die Lage zusehends.

Unterdessen kam die von US-Präsident Barack Obama angekündigte massive Hilfsaktion langsam in Fahrt. Am Freitag trafen weitere US-Soldaten in Port-au-Prince ein, wo sie seit dem Vortag den Flugbetrieb auf dem internationalen Airport kontrollieren. Diese Truppen könnten im Notfall auch für die Aufrechterhaltung der Sicherheit eingesetzt werden, hieß es. Zugleich erreichte der riesige US-Flugzeugträger "Carl Vinson" Haiti. Das Kriegsschiff hat 5700 Mann Besatzung, 19 Hubschrauber, eine Trinkwasseraufbereitungsanlage und tonnenweise Versorgungsgüter an Bord. Die USA wollen außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienboote mit Helikoptern sowie ein Lazarettschiff. Am Wochenende sollen schon mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte in Haiti oder zumindest in Küstennähe sein. Mit seinen Vorgängern Bill Clinton und George W. Bush, die die Haiti-Hilfe koordinieren sollen, will Obama die weiteren Hilfsleistungen der USA besprechen.

Insbesondere Kinder sind nach Angaben von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber bedroht. "Drei Tage und noch immer keine Hilfe. Ich verstehe einfach nicht, was da los ist", sagte ein aufgebrachter Mann im Fernsehen. Die Rettungsflugzeuge schweben zwar unentwegt ein, doch in die zerstörten Gebiete der Hauptstadt kommen die Hilfsleistungen bisher kaum an. Nach UN-Angaben werden vor allem Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Leichensäcke dringend benötigt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon richtete einen dringenden Aufruf der Vereinten Nationen an die Staatengemeinschaft für die Bereitstellung von 550 Millionen Dollar (366 Millionen Euro) Soforthilfe.

Nach Angaben der EU-Kommission sind rund 4000 Gebäude bei dem Beben zerstört worden. Die Vereinten Nationen, die eine Friedensmission in Haiti mit 9000 Soldaten und Polizisten sowie 3000 zivilen, überwiegend einheimischen Mitarbeitern in Haiti unterhält, wurden selbst schwer getroffen. Die UN bestätigten den Tod von 37 ihrer Mitarbeiter, weitere etwa 330 würden noch vermisst.

Um die zahlreichen Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die Vereinten Nationen das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett umwandeln. Höchste Eile sei geboten: "Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen", sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes.

Für viele Verschüttete dürfte jedoch inzwischen jede Hilfe zu spät kommen. Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Trinken überleben. In Haiti herrschen Tagestemperaturen um 30 Grad. Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port-au-Prince im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind.

Die gigantische Welle der Hilfsbereitschaft hält unterdessen weiter an. Allein Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die USA sagten jeweils 100 Millionen Dollar zu, die UN 550 Millionen Dollar. Schauspieler und Prominente riefen zu Spenden auf oder starteten Aktionen. Die USA, Frankreich und andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren.

Spendenkonten Mehr als 50.000 Menschen sind bei dem schweren Erdbeben in Haiti ums Leben gekommen. Unzählige sind obdachlos, verletzt und hilfsbedürftig. Wenn Sie für die Opfer der Naturkatastrophe spenden wollen, finden Sie hier eine Liste mit Hilfsorganisationen, die vor Ort die Bedürftigen unterstützen.

Personensuche des Roten Kreuzes Zahllose Menschen werden seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti vermisst. Das Internationale Rote Kreuz gibt auf einer speziellen Web-Site die Möglichkeit, nach vermissten Verwandten und Freunden zu suchen.

Dort sind bisher bereits mehr als 14.000 Vermisste registriert, die Zahl der Einträge steigt weiter.

dho/AFP/DPA/Reuters
 
 
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