Die Zahl der Toten bei der Schiffskatastrophe hat sich auf fünf erhöht. Aus dem Wrack der gekenterten "Costa Concordia" sind die Leichen von zwei Männern geborgen worden.

Erschöpft, aber glücklich: Die 29-Jährige Koreanerin wurde nach mehr als 24 Stunden aus ihrem Gefängnis an Bord der "Costa Concordia" befreit© Remo Casili/Reuters
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Retter suchen verzweifelt nach über 30 Menschen, die seit dem Schiffunglück am Freitagabend vermisst werden. Taucher haben nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" am Sonntagnachmittag zwei weitere Leichen gefunden. Sie seien in dem Wrack gewesen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Sonntag. Damit steigt die Zahl der Opfer des Schiffbruchs vor der toskanischen Küste auf fünf.
Mehr als 36 Stunden nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio war ein weiterer Schiffbrüchiger aus dem Wrack gerettet worden. Wie die Behörden mitteilten, gelang es am späten Sonntagmorgen, das Besatzungsmitglied Marrico Giampietroni zu befreien. Ein Hubschrauber kreiste über dem auf der Seite liegenden Luxusliner, um den Schiffbrüchigen aufzunehmen und an Land zu fliegen.
Zuvor hatten Feuerwehrleute berichtet, dass sie in einem schwer zugänglichen Teil des Schiffes Geräusche gehört haben. Dort gebe es jedoch durch das Unglück versperrte Türen und andere Hindernisse auf dem Weg zu möglichen Überlebenden. Das Kreufahrtschiff soll nun Kabine für Kabine abgesucht werden. In der Nacht war bereits ein südkoreanisches Paar geborgen worden, das mit der "Costa Concordia" zu einer Hochzeitsreise aufgebrochen war. Sie hatten seit der Havarie am Freitagabend vor der italienischen Küste in ihrer Kabine ausgeharrt. Spezialkräfte befreite das Paar, das sich an Bord auf Hochzeitsreise befand. Die meisten der 4229 Menschen an Bord konnten in der Nacht zum Samstag gerettet werden. Derzeit werden noch 36 Menschen vermisst.
Der Luxuslinier war am späten Freitagabend mit mehr als 4200 Menschen an Bord auf einen Felsen vor der Insel Giglio gelaufen. Nach starkem Wassereinbruch neigte sich das Schiff und kippte schließlich auf die Seite. Bei der Evakuierung spielten sich nach Angaben von Passagieren chaotische Szenen ab. Mindestens drei Menschen starben, 60 wurden nach Angaben der Behörden verletzt. Auch etwa zehn deutsche Passagiere erlitten nach Angaben der Kreuzfahrtgesellschaft leichte Verletzungen.
Die Küstenwache befürchtet einen vollständigen Untergang der Luxusliners. Das Kreuzfahrtschiff befinde sich derzeit an einer 30 Meter tiefen Stelle, könne aber in tieferes Gewässer abrutschen und vollständig sinken, sagte ein Sprecher.
Am Samstagabend war Kapitän Francesco Schettino festgenommen worden. Nach ersten Ermittlungen wirft ihm die italienische Staatsanwaltschaft massives Fehlverhalten vor. Schettino habe das Schiff lange vor dem Abschluss der großen Evakuierungsaktion verlassen, sagte Staatsanwalt Francesco Verusio am Sonntag im Sender "SkyTG24". Befragt zu möglichen Fehlern der Besatzung bei der Rettung der Passagiere sagte Verusio, es sei vor allem die Schiffsleitung, die nicht funktioniert habe. Außer Schettino wurde auch der erste Offizier Ciro Ambrosio vorerst festgenommen.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sei es offenkundig, dass der Kapitän die Evakuierung nicht abwartete. Nach einigen Berichten war Schettino schon fünf Stunden vorher an Land. Der Kapitän wird sich voraussichtlich wegen fahrlässiger Tötung und Verlassen seines Schiffes verantworten müssen. Der Kurs des Luxusliners sei eindeutig "nicht richtig" gewesen, sagte der Staatsanwalt. Der Kapitän habe sich selbst auf der Brücke befunden und sei daher voll verantwortlich für die Navigation.
Die mehr als 560 deutschen Passagiere der "Costa Concordia" kehrten nach Angaben der Kreuzfahrtgesellschaft am Samstagabend nach Deutschland zurück. Sie seien mit Linienmaschinen der Lufthansa in München oder Frankfurt gelandet und zum Teil von dort weiter in ihre Heimatorte geflogen, sagte Costa-Sprecher Werner Claasen. "Wir haben die Privatsphäre der Leute gewahrt und viele auf Wunsch abgeschirmt aus den Airports bringen lassen. Die wollten einfach nur nach Hause."
Weiterhin ungeklärt ist das Schicksal von 39 Menschen. Wie der Präfekt von Grosseto, Giuseppe Linardi, laut Ansa noch vor der Bergung der beiden Überlebenden mitteilte, seien 4 232 Menschen aus 62 Ländern an Bord der "Costa Concordia" gewesen. Bisher habe man allerdings erst Erkenntnisse über den Verbleib von 4191 Personen. "Wir sind dabei, alle Möglichkeiten zu überprüfen", sagte Linardi.
Widersprüchliche Angaben zum Ablauf der Havarie konnte auch die Reederei Costa Crociere in Genua bislang nicht aufklären. Zu viele Fragen seien noch nicht zu beantworten, teilte sie am Abend mit. Nach Meinung eines britischen Schiffahrtsexperten könnte ein Stromausfall die Ursache des Unglücks gewesen sein.
Kapitän Schettino hatte gesagt, die "Costa Concordia" sei auf dem Weg von Civitaveccia nach Savona über einen in nautischen Karten nicht verzeichneten Felsen geschrammt. Anschließend habe man das Schiff möglichst dicht an die Insel Giglio heranmanövriert, um die Rettungsmaßnahmen zu erleichtern.
Die Präfektur in Grosseto teilte mit, sie lasse prüfen, wie die 2400 Tonnen Treibstoff in den Tanks des Schiffes gesichert werden könnten, um eine größere Umweltverschmutzung zu vermeiden.
Costa Kreuzfahrten Die "Costa Concordia" gehört zu den neuesten und größten Kreuzfahrtschiffen, die derzeit auf den Meeren unterwegs sind. Sie wurde 2006 gebaut und bietet in 1500 Kabinen Platz für 3780 Passagiere. Das Schiff misst 290 Meter und ist rund 40 Meter breit. 1100 Besatzungsmitglieder kümmern sich um die Gäste. An Bord befinden sich auf 17 Decks neben fünf Restaurants auch ein Theater, ein Kino sowie Clubs und Diskotheken.
Betreiber ist das italienische Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere mit Sitz in Genua. Die 1948 gegründete Reederei ist Marktführer für Kreuzfahrten in Europa. Im Jahr 2000 wurde sie von der Carnival Cruise Lines, dem größten Kreuzfahrtveranstalter der Welt, übernommen. Costa betreibt eine Flotte von 15 Schiffen, die im Sommer im Mittelmeer sowie in der Nordsee und Ostsee verkehren. Auch in der Karibik, in Nordamerika, Südamerika, Arabien und Asien ist Costa Kreuzfahrten unterwegs. Das Stammpublikum bilden Italiener.